Sonata Arctica: Clear Cold Beyond

0 219

Veröffentlicht: 8.3.2024 bei Atomic Fire Records
Produktion: Sonata Arctica
Länge: 59:29 min.
Genre: Quasi-Power-Metal


„Tony mit der Feige in der Tasche“

In der Rezension von Sonatas Konzert in Bukarest erwähnte ich, dass Tony uns mit einem neuen Album voll erstklassigem Power Metal gelockt hatte, das angeblich im Frühjahr erscheinen würde. Seine Worte untermauerte er mit dem hervorragenden First in Line, das auf dem allseits bekannten Musikkanal bereits die Krone trägt – und live gespielt haben sie es auch.

Das Frühjahr ist da, und das Album Clear Cold Beyond auch. Hat Tony sein Versprechen gehalten? Ja und nein. Wie ist das möglich, fragt ihr? Mehr oder weniger war nach den beiden nächsten Appetithäppchen, die Sonata auf dem bereits erwähnten Kanal vorstellte, alles klar. Das waren Monster Only You Can’t See und Dark Empath.

Fangen wir lieber mit dem Album an, als hätten wir die Vorabsingle – außer First in Line – gar nicht gehört.

Das Album knallt kompromisslos mit First in Line los – dem besten Ding, das Tony seit Flag in the Ground aus dem fernen Jahr 2009 abgeliefert hat. Superschnelle Power-Metal-Brachialität, süße, übersüße Melodien, ein Refrain voll Zukunftssorgen für die Menschheit, ein Schlagabtausch zwischen Henrik an den Keyboards und Elias an der Gitarre – und natürlich der unermüdliche Tommy an den Doppel-Bassdrums. Ach ja, und Pasi trommelt auch irgendwo gedämpft im Hintergrund mit. Tony ist wirklich ein Meister. Wenn er es denn will.

Das nächste Ding, California, macht im selben Tempo weiter – irgendwo im Stil von Victoria’s Secret vom Winterheart’s Guild-Album (2003). Der einzige Schwachpunkt ist ein etwas ausdrucksloser Refrain, aber wer will sich schon beschweren – sind wir vielleicht auf dem Weg zu einem neuen Sonata-Power-Metal-Meisterwerk?

Und … nein. Die Probleme beginnen schon beim nächsten Track, passenderweise Shah Mat genannt. Das gnadenlose Geratter der Doppel-Bassdrums wird von eigenartigen Momenten synkopierter Rhythmen, arhythmischer Gitarrenfiguren und Nightwish-artigen Chören unterbrochen. Klingt bekannt? Ja, so ungefähr wie die letzten 15 Jahre von Sonatas Karriere vielleicht? In diesem Stil geht es weiter mit dem bereits erwähnten Dark Empath, das die Saga über den gestörten Stalker fortsetzt, die so wunderbar düster auf dem Album Silence (2001) mit The End of This Chapter begann. Tony hat versucht, diese Geschichte mehrfach wiederzubeleben und neu aufzugreifen – meist jedoch ohne Erfolg. Die eigenartigen und pseudo-progressiven Versuche, Power Metal mit Pop zu verbinden, gepaart mit dem Eifer eines 32-Jährigen, der aus dem Keller seiner Mutter im Darknet nach Beweisen für Außerirdische auf unserer geliebten Erde sucht, runden das bereits erwähnte Monster Only You Can’t See, Teardrops, das Titelstück Clear Cold Beyond und der Bonustrack A Ballad for the Broken ab.

Besondere Erwähnung verdient das diesmalige Cover, denn Tony hat sich nichts Geringeres als Toy Soldiers ausgedacht – den einzigen Hit der amerikanischen Sängerin Martika. Respekt für den Einsatz (Sonata Arctica sind Meister der Coverversionen), aber dieser Song ist nun mal KEIN Material für ein Metal-Cover. Auch nicht aus dem Keller der Mutter…

Das Duo unerwarteter Perlen dieses Albums findet sich irgendwo gegen Ende. Wohl die beste Nummer des Albums ist die herzzerreißende Ballade The Best Things, in der Tony uns in die Zeit der Balladen der ersten drei Alben zurückversetzt – wirklich von Herzen gesungen und gespielt. Die Melodie ist supersüßlich, Tonys Interpretation übertrieben pathetisch, aber wünscht man sich in Sonata-Balladen eigentlich etwas anderes? Die zweite Perle ist völlig überraschend Angel Defiled, das theoretisch alle Zutaten enthält, die Ohrenqual wie auf den letzten sechs Sonata-Alben garantieren. Trotz der seltsamen Melodie und wirklich grausamen Texten funktioniert das Ding. Dank des interessanten Instrumentals und der gewaltigen Energie, die es ausstrahlt. Pflichtprogramm!

Die Produktion ist, gelinde gesagt, fantastisch – was beim Namen Mikko Karmila aus dem Finnvox-Studio keine Überraschung sein sollte.

Mir ist aufgefallen, dass Elias sich diesmal richtig ausgetobt hat – das Album ist voll interessanter und innovativer Gitarrenpassagen (Refrain von A Monster Only You Can’t See). Das ist ein gutes Zeichen für zukünftige Sonata-Werke, denn bisher blieb Elias im Schatten des Originalgitarristen und Fanlieblings Jani Liimatainen.

Diese Rezension wäre nicht vollständig ohne Erwähnung von Tonys Texten. Mir kommen nur zwei Möglichkeiten in den Sinn:

  1. Die Tatsache, dass Englisch nicht seine Muttersprache ist, hindert Tony daran, alles, was ihm durch den Kopf geht, korrekt auszudrücken.
  2. Tonys Englischkenntnisse sind so weit fortgeschritten, dass ich seinen Texten schlicht nicht folgen kann.

Wenn ersteres gilt, muss Tony über sich selbst und seine Texte nachdenken; wenn aber letzteres, muss ich leider über mich selbst nachdenken…

Tony am Mikrofon ist wie gewohnt hervorragend, Tommy am Schlagzeug wie gewohnt langweilig, Henrik macht, was Tony ihm sagt, und Pasi basst im Hintergrund.

Klanglich und stilistisch ist das Album der fehlende Nachfolger von Reckoning Night (2004), bevor Tony mit dem Album Unia (2007) seinen karrieretechnischen Selbstmord inszenierte. Für mich persönlich auch das erste Album nach Reckoning Night, das ich ohne größere Verdauungsprobleme in seiner Gesamtheit hören kann. Leider bedeutet diese Tatsache in diesem Stadium von Sonatas Karriere nicht allzu viel – und garantiert kein gutes, geschweige denn hervorragendes Album.

Warum die Feige in der Tasche im Titel? Beim Hören dieses Albums hat man das Gefühl, dass Tony in etwa so gedacht hat: »OK, die Fans wollen die Rückkehr zum Power Metal der ersten dreieinhalb Platten. Sollen sie ihn haben – aber ich schmuggele so eine Dosis eigenartiger Progressivität hinein, dass ihnen alles schleierhaft bleibt.« Wenn ihr’s nicht versteht: einfach hören.

Nach der Setlist zu urteilen, die Sonata Arctica auf ihrer finnischen Tournee zur Albumveröffentlichung spielt, stehen uns keine besseren Zeiten bevor. Schade.

Sahnestücke: First in Line, Angel Defiled, The Best Things

6/10
Autor: Igorac


Tracklist:
1. First in Line (5.22)    
2. California (4.25)      
3. Shah Mat (4.08)      
4. Dark Empath (6.05)      
5. Cure for Everything (4.41)      
6. A Monster Only You Can’t See (5.56)    
7. Teardrops (4.57)      
8. Angel Defiled (4.44)      
9. The Best Things (4.52)      
10. Clear Cold Beyond (5.45)      
11. A Ballad for the Broken (4.50)
12. Toy Soldiers (Martika cover) (3.44)    

Musiker: 
Tommy Portimo – Schlagzeug
Tony Kakko – Leadgesang, Keyboards
Henrik Klingenberg – Keyboards, Begleitgesang
Elias Viljanen – Gitarren
Pasi Kauppinen – Bass

Technisches Team:
Mikko Karmila – Mixing
Svante Forsbäck – Mastering
Niko Anttila – Cover-Artwork

Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki