Saxon: Hell, Fire & Damnation
Label: Silver Lining
Erscheinungsdatum: 19. 1. 2024
Produktion: Andy Sneap & Biff Byford
Albumlänge: 42.23 min
Genre: N.W.O.B.H.M. / Heavy Metal
Wertung: 8.5/10
„Hell, Fire and Damnation“ markiert den Beginn eines neuen Kapitels für die kampferprobten und zähen NWOBHM-Veteranen Saxon, denn es ist ihr erstes Studiowerk ohne Gründungsgitarrist Paul Quinn. Dessen Nachfolger wurde Brian Tatler, Chef der NWOBHM-Zeitgenossen Diamond Head, der vorerst Mitglied beider Bands bleibt. Ursprünglich war geplant, dass Quinn als Studiogitarrist weiterhin zu Saxon gehört und Tatler ihn nur auf Konzerttourneen ersetzt – doch am Ende kam alles anders. Quinn gründete, zum Verdruss von Saxon-Mastermind Biff Byford, kurz nach seinem Abgang die Band The Cards, was sein über vier Jahrzehnte langes Engagement bei den NWOBHM-Legenden endgültig besiegelte. Dennoch war Biff nicht auf Rache aus. Quinns Gitarrenpassagen sind auf zwei Songs von „Hell, Fire and Damnation“ erhalten geblieben, die übrigen spielte Tatler gemeinsam mit Langzeit-Gitarrist Doug Scarratt ein.
Gleich zu Beginn sei gesagt, dass „Hell, Fire and Damnation“ erwartungsgemäß ein durch und durch typisches Saxon-Studiowerk ist – so wie es die Band seit ungefähr 1997 macht, als Scarratt dazustieß. Saxon vollzog damals, nach einer ersten Hälfte der Neunziger, in der sie stilistisch eher dem Hard Rock als dem Metal nahestanden, eine stilistische Kehrtwende und begann schrittweise einen immer druckvolleren Sound zu kultivieren, mit gelegentlichen Power-Metal-Ausflügen. Das brachte eine stattliche Anzahl hervorragender Alben hervor, die auf demselben Niveau lagen wie ihre klassischen Achtziger-Werke – oder sogar noch darüber. Eine solche Konstanz und Treue zu einer klaren musikalischen Vision ist im Metal selten zu sehen.
Auch mit „Hell, Fire and Damnation“, das dem bewährten Saxon-Kompositions- und Produktionsrezept folgt, werden alle langjährigen Fans von Biff und Co. restlos begeistert sein. Wie schon so oft auf früheren Alben ließen sich Saxon bei den Themen der einzelnen Songs reichlich von diversen mehr oder weniger düsteren Momenten der Menschheitsgeschichte inspirieren. „Hell, Fire and Damnation“ enthält zwar kein episches Meisterwerk vom Kaliber des Songs „The Pilgrimage“, der auf dem Vorgängeralbum „Carpe Diem“ (2022, Rockline Rezension) deutlich herausragte – dennoch sind alle Songs mindestens solide, wenn nicht sogar sehr gut.
Für das gesprochene Intro auf „The Prophet“ gelang es Saxon, den legendären englischen Schauspieler Brian Blessed zu gewinnen, den wir vor allem als König Richard IV aus der unvergesslichen Serie Black Adder und als Prinz Vultan aus dem Kultfilm Flash Gordon in Erinnerung haben. Für Blessed war das freilich nicht der erste musikalische Gastauftritt als Sprecher – er hatte zuvor bereits mit den Power-Metallern Pythia und den Space-Rock-Veteranen Hawkwind zusammengearbeitet. Der apokalyptisch eingefärbte und rhythmisch aufgepeitschte Titelsong, der nichts weniger als den biblischen Kampf zwischen Engeln und Dämonen, zwischen Gut und Böse, beschwört, ist ein klassisches, druckvolles Werk mit einem gelungenen Refrain, guten Gitarrenharmonien, soliden Schlagzeugbreaks unter der Regie von Nigel Glockler und einem geschmackvollen Gitarrensolo. Was die exzellent aufgelegte Instrumentalcrew nicht schafft, macht Biffs vokale Charisma wett – gemeinsam entsteht wieder ein neuer Saxon-Konzertstandard.
„Madame Guillotine“ schlägt ein etwas langsameres Tempo an, was durch einen glücklichen Umstand – etwa das fein ziselierte Gitarrensolo – zu einem einprägsamen Refrain führt, der sich natürlich auf die berüchtigte Guillotine und die blutige Zeit der Französischen Revolution bezieht, als die Köpfe hochnäsiger Tyrannen und unschuldiger Einzelpersonen nur so rollten. Auf „Fire and Steel“, dem den Stahlwerken in Sheffield gewidmeten Track, schalten Saxon wieder in den fünften Gang, mit schneidenden Gitarrenpassagen und einem kämpferischen Rhythmus. Obwohl das Wort „Stahl“ wohl das abgenutzteste Wort in Metal-Texten ist, handelt es sich um ein solides Stück, das langjährige Fans zufriedenstellt. Etwas einfallsreicher wirkt „There’s Something in Roswell“, das sich um den bis heute ungeklärten Vorfall im neomexikanischen Roswell von 1947 dreht. Auch Saxon, die gern immer wieder auf Kalte-Krieg-Themen zurückgreifen, glauben an die berühmte Verschwörungstheorie, wonach die US-Regierung damals die Existenz von Außerirdischen vertuscht hat.
„Kubla Khan and the Merchant of Venice“, das von der Begegnung zwischen dem berühmten venezianischen Händler Marco Polo und dem ebenso berühmten chinesischen Kaiser mongolischer Herkunft Kublai Khan handelt, ist im Vergleich zum übrigen Albummaterial etwas epischer ausgerichtet – erreicht aber nicht das Niveau einiger früherer Saxon-Werke rund um historische Persönlichkeiten, wenn man nur an unvergessliche Standards wie „Lionheart“ und „Atilla the Hun“ denkt.
Auf „Pirates of the Airwaves“, einem weiteren Kalte-Krieg-gefärbten Stück über Hörer verbotener Radiosender auf der östlichen Seite des sogenannten Eisernen Vorhangs, nähern sich Saxon einigen ihrer eher hardrock-orientierten Werke aus der ersten Hälfte der Neunziger an. Das etwas power-metallischer angelegte „1066“, einer der Höhepunkte des Albums, ist über seinen Text direkt mit dem Namen dieser Legendenband verknüpft – er handelt von der Schlacht bei Hastings und dem Einmarsch des normannischen Herzogs Wilhelm II., der den angelsächsischen König Harald II. besiegte und als „der Eroberer“ neuer englischer König wurde. Entsprechend ist es auch eines der härteren Stücke des Albums.
Auch „Witches of Salem“, das von den Hexenprozessen in Salem und der Massenhysterie handelt, die Ende des 17. Jahrhunderts puritanische Religionseiferer in der Stadt Salem erfasste, gehört zu den interessanteren Momenten dieses Albums. Der abschließende „Super Charger“ passt zwar nicht zur vorherrschenden historischen Thematik des Albums, steht aber voll in der „Biker“-Saxon-Tradition – denn es ist äußerst selten, dass auf einem ihrer Alben nicht mindestens ein Song dem „stählernen Ross“ gewidmet ist. Alle langjährigen Fans werden von diesem in flottem Tempo gehaltenen Stück, das stilistisch auch leicht an Judas Priest erinnert, begeistert sein. Letztere werden Saxon gemeinsam mit Uriah Heep auf der Konzerttournee 2024 begleiten.
Es ist kaum zu glauben, dass „Hell, Fire and Damnation“ bereits das vierundzwanzigste Studioalbum der englischen Metal-Urgesteine ist, dass ihr Debüt schon fünfundvierzig Jahre zurückliegt und sie nächstes Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen feiern werden – denn Biff und seine Mannen sind trotz ihres „Dinosaurier“-Status noch immer in blendender Verfassung. Auch wenn das neue Album nichts Neues bringt, jegliches Experimentieren meidet und kein besonders herausragendes Meisterwerk enthält, ist es doch wieder ein sehr gutes Werk, das keinen langjährigen Fan kalt lassen wird.
Autor: Peter ‚Dr. ProgRock‘ Podbrežnik
Trackliste:
1. The Prophecy
2. Hell, Fire And Damnation
3. Madame Guillotine
4. Fire And Steel
5. There’s Something In Roswell
6. Kubla Khan And The Merchant Of Venice
7. Pirates Of The Airwaves
8. 1066
9. Witches Of Salem
10. Super Charger
Besetzung:
Biff Byford – Gesang
Doug Scarratt – Gitarre
Brian Tatler – Gitarre
Nibbs Carter – Bassgitarre
Nigel Glockler – Schlagzeug
