Jethro Tull: Rökflöte

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Label: Sony Music / InsideOut Music
Erscheinungsdatum: 21. 4. 2023
Produktion: Ian Anderson
Albumlänge: 44.24 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 8.5/10


Die Legende um den mit einer riesigen Perücke ‚geschmückten‘ englischen Agronomen, der im Jahr 1968, mehr als zweihundert Jahre nach seinem Tod, einer der berühmtesten Rockbands seinen Namen ‚lieh‘, setzt sich fort. Der unzerstörbare Patriarch der Rockflötisten Ian Anderson, der unter den noch lebenden Progrockikonen seit Jahrzehnten aufgrund seines Auftretens, seines gesellschaftskritischen Humors, seiner Innovationskraft, Scharfsinnigkeit und Eigenartigkeit so gut wie zur Verkörperung von Jethro Tull geworden ist, befindet sich wieder im ‚kreativen Element‘.

Ian und Jethro Tull haben alle Fans überrascht, als sie ein Jahr nach dem überraschend soliden Album »The Zealot Gene« (2022, RockLine Rezension) mit ‚Lichtgeschwindigkeit‘ dessen Nachfolger »RökFlöte« herausbrachten – ein Konzeptprojekt über nordische Götter und Legenden. Wikinger und alles, was mit ihren Glaubensvorstellungen zusammenhängt, erleben in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance in verschiedenen populären Medien, weshalb manch einer Ians Entscheidung, auch Jethro Tull beim besagten Trend ‚mitmischen‘ zu lassen, womöglich als kalkulierten Schachzug bezeichnen wird.

Vielleicht stimmt das, denn Ian ist auch als geschickter Geschäftsmann bekannt – vielleicht aber auch nicht, da der Mann schon lange auf seine Wikingerwurzeln hinweist. Jedenfalls ist es nicht das erste Mal in der Geschichte von Jethro Tull, dass sie sich in die Welt der nordischen Götter begeben, wenn man nur an den Song »Cold Wind to Valhalla« vom Album »Minstrel in the Gallery« (1975) oder die megalomane Bühnenszenerie mit einem Wikingerschiff – einem Drakkar – während der Tournee zum Album »The Broadsword and the Beast« (1982) denkt. Alle Tracks auf »RökFlöte« bilden mehr oder weniger offensichtlich ein Konzept rund um das asgardische Pantheon, während das Cover mit der Silhouette des gehörnten Ian an eine Wikingerrune erinnert. RökFlöte ist zugleich das erste Jethro Tull-Album mit dem neuen Gitarristen Joe Parrish-James, der mit ihnen allerdings bereits beim »The Zealot Gene«-Track »In Brief Visitation« zusammengearbeitet hatte.

Die Stärken und Schwächen von »RökFlöte« lassen sich gleich vorweg benennen. Zu den Stärken gehört ohne Frage, dass das Album als Ganzes – musikalisch, arrangementtechnisch und lyrisch – interessanter und abwechslungsreicher ist als sein Vorgänger. Ian war beim Schreiben der neuen Songs und Texte so inspiriert wie seit Langem nicht mehr. Zugleich haben sich alle Bandmitglieder instrumentaltechnisch von ihrer besten Seite gezeigt, wobei die symphonischen Arrangements unter der Führung von Ians stets messerscharfer Flöte besonders hervorstechen – die sind größtenteils interessanter als die auf »The Zealot Gene«. Auch unverhohlen hardrockige Momente, die an die frühen Jahre dieser legendären Band erinnern, gibt es diesmal etwas mehr als beim Vorgänger.

Zu den Schwächen muss (leider) wieder Ians Gesang gezählt werden, der von Jahr zu Jahr schwächer wird – obwohl er im Studio dank seiner charakteristischen Stimmfarbe die besagte vokale Abgenutztheit noch irgendwie kaschieren kann. Genau deshalb hatte der Mann schon ernsthaft erwogen, »RökFlöte« zum ersten rein instrumentalen Jethro Tull-Album zu machen – hat es sich dann aber doch anders überlegt. Gelegentlich grenzt sein Gesang schon ans Rezitieren, aber irgendwie kommt er damit noch durch, und die meisten Fans werden ihm die langjährige vokale Schwäche auch diesmal wieder verzeihen. Seit Mitte der Achtziger, als ihm die Stimmbänder fast versagten, ist er stimmlich nicht mehr ‚ganz der Alte‘ – und das wissen die langjährigen Fans nur zu gut. Die zweite Schwäche des Albums ist, dass kein einziger Song auf »RökFlöte« wirklich hervorsticht – auch wenn alle zumindest solide sind –, weshalb man auch mit der ‚Lupe‘ keine Komposition findet, die man als echten Jethro Tull-Klassiker bezeichnen könnte. Auf die gelegentlichen weiblichen Rezitationen in der altnordischen Sprache könnte man vielleicht auch verzichten, aber zum Glück sind sie kurz und verderben die einzelnen Stücke nicht.

Der Opener »Voluspo« – das Wort, mit dem die Schöpfung der wikingischen Mythologiewelt bezeichnet wird – klingt wegen der erwähnten Rezitation in der ersten Minute überhaupt nicht nach einer Jethro Tull-Kreation, bis schließlich die symphonischen Arrangements mit der Flöte an der Spitze, das gut aufgelegte rhythmische Fundament und die messerscharfen Gitarrenpassagen einsetzen. Das Einsetzen von Ians Gesang, der zwischen Rezitation und Singen schwebt, setzt die Dinge dann endgültig ‚an ihren richtigen Platz‘. »Ginnungagap« – ein Wort, das die meisten nichtskandinavischen Tull-Fans wohl nie korrekt aussprechen werden – bezeichnet im wikingischen Glauben die ursprüngliche Leere vor der Entstehung der Welt. Das ist ein solides, aber nicht sonderlich aufregendes Stück. Etwas interessanter und unterhaltsamer kommt »Allfather« rüber, der wikingische Begriff für den Anführer der asgardischen Götter Odin, da sich die schelmischen Flöteneinlagen ständig geschmackvoll mit kräftigen Gitarrenpassagen verweben, während Ians Stimme noch sarkastischer klingt als gewöhnlich. Im dramatischen »The Feathered Consort«, das eine Reihe unterhaltsamer Arrangements an der Grenze zwischen Symphonic Rock, Folk Rock und Hard Rock enthält, erinnern Ian und Kollegen an die Göttin Freya, die wikingische Version der altgriechischen Aphrodite bzw. der altrömischen Venus. Freya war berühmt für ihren Unsichtbarkeitsumhang, der aus Vogelfedern gefertigt war.

»Hammer on Hammer« ist natürlich dem Donnergott Thor gewidmet – dem beliebtesten unter den nordischen Göttern, berühmt für seinen riesigen Hammer Mjolnir, seine Kampflust sowie seinen gewaltigen Appetit in Sachen Maßlosigkeit bei Trunk, Speise und fleischlicher Ausschweifung –, während er im ‚Original‘ doch recht weit von der Comic- und Filmversion aus dem Marvel-Universum entfernt war. In diesem Song sticht besonders das Gitarrensolo von Parrish heraus, das ungewöhnlicherweise an etwas erinnert, was auch sein unvergesslicher Vorgänger Martin Barre hätte spielen können. Die dramatische, eher ‚ernsthafte‘ Kreation »Wolf Unchained« handelt nicht von einem gewöhnlichen Wolf, sondern vom riesigen Wolf Fenrir, der eine der Schlüsselrollen in Ragnarök spielte – der nordischen Vision vom Ende (und der Wiedergeburt) der Welt/Welten und Götter. In diesem ansonsten gut aufgebauten und gespielten, größtenteils instrumentalen Song hört man deutlich, dass Ians Gesang häufig ‚in den Hintergrund‘ gedrängt wird und nur noch als ‚Dekoration‘ dabei ist – gerade so viel, dass er die Geschichte des jeweiligen Songs ‚erzählt‘.

»The Perfect One« nannten die Wikinger den nahezu unverwundbaren Gott Balder, dessen Tod den Beginn von Ragnarök auslöst. Das ist wieder ein solides, aber nicht besonders aufregendes Stück. Wenn man schon einen der Höhepunkte des Albums auswählen müsste, käme dem Status wohl am ehesten der extrem abwechslungsreiche und witzige Song »Trickster (and Mistletoe)« nahe, der zahlreiche Folkrock-Elemente enthält und wirklich unterhaltsam rüberkommt. Es überrascht dabei nicht, dass er dem ewigen Zankteufel und Schlingel Loki gewidmet ist, dem schlausten und interessantesten der nordischen Götter, den die Wikinger – im Gegensatz zu manchen seiner Darstellungen in modernen populären Medien – nie als Bösewicht betrachteten.

»Cornucopia«, ein Song, der schon fast an eine Folk-Ballade grenzt, hat mehr mit griechischer als mit skandinavischer Mythologie zu tun, denn das ist der Begriff, mit dem die Griechen einst das mythologische Füllhorn bezeichneten. Vielleicht hat Ian die Tatsache durcheinandergebracht, dass sowohl Zeus als auch Ymir, der erste Riese der wikingischen Mythologie, in früher Kindheit von einer Ziehmutter – einer Wunderkuh – gestillt wurden. »The Navigators«, in gekürzter Form als Single veröffentlicht, ist den wilden Wikingererobern und ihren schnellen Schiffen gewidmet, mit denen sie in den Meeren und Weiten des frühen Mittelalters plünderten – dementsprechend ist er in einem dramatischen, schnellen Tempo gehalten, während Ians Flöte die zentrale Melodie trägt.

»Guardian’s Watch« ist dem ‚allsehenden‘ Gott Heimdall gewidmet, der von der asgardischen Regenbogenbrücke Bifrost aus als Beobachter und Wächter über die verschiedenen Welten der wikingischen Mythologie wachte. Das ist ein witziges Stück mit schelmischen Flötenpassagen und nahezu barocken Arrangements, das die meisten langjährigen Fans zufriedenstellen wird, während Ians nachlassende Stimme kaum noch mit dem scharfen Tempo Schritt halten kann. »Ithavoll«, in den wikingischen Edda-Dichtungen die Bezeichnung für den Versammlungsort der Götter, ist eine sehr solide Nummer im beschleunigten Tempo, die das Album auf würdige Weise abschließt und die weder der zwischenzeitliche noch der abschließende weibliche Rezitationspart verdirbt.

»RökFlöte« ist eine überraschend geglückte Weiterentwicklung des Vorgängers und ein Album, das so manchem das Vertrauen in die moderne Version von Jethro Tull zurückgeben wird. Diese präsentieren sich diesmal – von Ians seit Jahrzehnten eingeschränkter Stimme abgesehen – im ‚wikingischen‘ Konzeptgewand erfrischend und energisch genug, dass die meisten langjährigen Fans mit dem Endergebnis zufrieden sein werden. »RökFlöte« zählt natürlich nicht zu den besten Werken der zähen Progrocker, die ihre kreativste Schaffenszeit bereits in den Siebzigern erlebten, sondern landet irgendwo in der ‚goldenen Mitte‘ ihrer bisherigen Diskografie. Nicht schlecht für eine Band, die 2023 bereits ihr 55-jähriges (wenn auch nicht ununterbrochenes) Bestehen feiert und fast zwanzig Jahre gebraucht hat, um wieder mit dem Schaffen neuer Studioalben anzufangen.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik

Tracklist:
1. Voluspo
2. Ginnungagap
3. Allfather
4. The Feathered Consort
5. Hammer On Hammer
6. Wolf Unchained
7. The Perfect One
8. Trickster (And The Mistletoe)
9. Cornucopia
10. The Navigators
11. Guardian’s Watch
12. Ithavoll

Besetzung:
Ian Anderson – Konzert- und Altflöte, ‚flute d’Amour, irische Flöte, Gesang
Joe Parrish – James – E- und Akustikgitarren, Mandoline
John O’Hara – Keyboards, Klavier, Hammond-Orgel
David Goodier – Bassgitarre
Stott Hammond – Schlagzeug

Gastmusikerin:
Unnur Birna – gesprochener Gesang auf den Tracks Nr. 1 und 11


Jethro Tull – „RökFlöte“ (Insideout Music/Sony, 2023)
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