Kamelot: The Awakening
Label: Napalm Records
Erscheinungsdatum: 17. 3. 2023
Produktion: Sascha Paeth
Albumlänge: 52.55 min
Genre: Power Metal
Wertung: 8.5/10
Kamelot, die beliebten symphonischen Power-Metaller, meldeten sich Mitte März dieses Jahres mit ihrem 12. Studioalbum »The Awakening« zurück. Fünf Jahre haben wir darauf gewartet. Die Band wollte das Album eigentlich zwei Jahre früher veröffentlichen, wartete aber, bis sich das Leben auf diesem Planeten (zumindest halbwegs) ‚normalisiert‘ hatte. Es handelt sich um ein Album, das zweifelsohne als sehr starke Leistung gilt. Es liefert eine überzeugende Serie von Power-Metal-Marschtritten, von denen sich einige durchaus mit älterem Material messen können. Mit Material, das bis zum Album »The Black Halo« (2005) zurückreicht. Gleichzeitig bringt es mindestens so viel Anziehungskraft und Inspiration mit wie das erste Kamelot-Album mit Tommy Karevik am Mikrofon – nämlich »Silverthorn« (2012).
Intro und Outro bringen je einen Track. Das verlangt die Pomphaftigkeit einer episch-symphonischen Bandidentität. Daher gibt es auf »The Awakening« ‚nur‘ elf richtige Songs. Das Album hebt auf den Schwingen von The Great Divide ab, das eine klassische Kamelot-Hymne ist. Die Band hat hier ihr bewährtes Konzept angewendet – ihre voll zündende Kompositionsformel. Hier sind Kamelot (und waren es immer) am überzeugendsten. Ein mitreißender Refrain, der sich sofort unter die Haut schleicht und die Stimmung auf dem Album auf den höchsten Punkt hebt. Eventide hält das mitreißende Format der hochgesteckten Kulisse bombastischen Pomps aufrecht, der typisch für Kamelot ist. Auch das mittelschnelle One More Flag In The Ground folgt der aufgeladenen Atmosphäre, die im Eröffnungsteil des Albums etabliert wird – vor allem dank einer neuen, herausragenden Refrainmelodie, die zu den eingängigsten und packendsten auf dem gesamten Album gehört. Die Atmosphäre dieses Songs spricht das Mystische, Düstere an, während Pomp und Drama das Theater erneut in vollem Umfang greifen, und der Track zieht dabei sogar (unbeabsichtigt) in eine Richtung, die von so etwas wie Evergrey komponiert worden sein könnte. Der symphonische Sturmangriff schaltet auf dem Album erneut einen Gang höher beim vierten (mit Intro dem fünften) Song, Opus of the Night (Ghost Requiem), der nur bestätigt, dass Kamelot diesmal ein Album mit einer wirklich überzeugenden kompositorischen Grundlage geliefert haben – von der brillanten Produktion, an die wir (wenn die Debatte auf Kamelot kommt) stets hohe Erwartungen hegen, gar nicht erst zu reden. Auch dieser Song liefert einen neuen Refrain, der nach der Formel geschliffen ist, für die Kamelot geschätzt und wiedererkannt werden, und ein Track, bei dem besonders älteren Fans die Gänsehaut ausbricht. Den außergewöhnlich sturmreif überzeugenden ersten Teil des neuen Kamelot-Albums dämpft erst das Balladenhafte von Midsummer’s Eve. Doch schon folgen Nightsky und Bloodmoon, die das Album auf die gewünschte atmosphärische Eingängigkeit heben – unter anderem dank kompositorischer Erfahrung darin, wie man einen ansteckenden, sofort wirkenden Refraineinfall aus sich herausbekommt. Und wenn du dazu noch Karevik im Team hast, mit seiner außergewöhnlichen vokalen Ausstrahlung und theatralischem Feuer, bekommst du natürlich eine geradezu traumhafte Kombination.
An »The Awakening« hat ein ganzes zusätzliches Aufgebot an Musikern mitgewirkt, die ihre Beiträge geleistet haben, um den hohen Maßstäben gerecht zu werden, die Youngbloods Perfektionismus diktiert. Es ist ein eingespieltes Team. Wenn man die Namen überfliegt, weiß man, wer im Power Metal wer ist. Und ungeachtet der Tatsache, dass Bandchef Youngblood aus Florida stammt, klingen Kamelot auch diesmal unglaublich europäisch. Das Album ist unverkennbar ‚Kamelot-typisch‘, liefert aber gleichzeitig einen Einblick in den unerschöpflichen Drang, Unerprobtes auszuprobieren – soweit es die genretypische Power-Metal-Schablone zulässt. Im abschließenden Teil lässt der Power-Metal-Marsch etwas nach. Wegen der Ballade Willow und des abschließenden My Pantheon (Forevermore), das kompositorisch der Moment ist, wo sich die Band einige neue Manöver erlaubt hat. Das hinzugefügte Outro – Ephemera (Occlude) – intensiviert dieses Gefühl (dass die bombastische Natur im Schlussteil zum Stillstand kommt) nur noch weiter.
Das Warten auf »The Awakening« hat sich gelohnt. Keine Frage, dass noch einige Reserven vorhanden sind, doch im überwiegenden Teil ist es auf hohem Niveau abgeliefert. Mit Auszeichnung. Klanglich und produktionstechnisch, in all den hinzugefügten Finessen innerhalb der ausgefeilten Arrangements – und dann ist da noch der phänomenale Karevik, der in keiner Weise in Khans Schatten steht, sondern ein Vokalist mit seiner eigenen ausgearbeiteten Ausstrahlung und einer Darbietung voller Leidenschaft und Emotionen ist. Ein Album, das langjährige Fans der Band mehr als zufriedenstellen wird.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Overture (Intro)
2. The Great Divide
3. Eventide
4. One More Flag In The Ground
5. Opus of the Night (Ghost Requiem)
6. Midsummer’s Eve
7. Bloodmoon
8. NightSky
9. The Looking Glass
10. New Babylon
11. Willow
12. My Pantheon (Forevermore)
13. Ephemera (Outro)
Besetzung:
Tommy Karevik – Gesang
Thomas Youngblood – Gitarre
Sean Tibbetts – Bassgitarre
Alex Landenburg – Schlagzeug
Oliver Palotai – Keyboards, Orchestrierungen, Chorgesang auf Track Nr. 10
Gastmusiker:
Florian Janoske – Violine auf Track Nr. 6
Brian Howes – Hintergrundgesang auf Track Nr. 4
Kobra Paige – Operettengesang auf Track Nr. 4
Miro Rodenberg – zusätzliche Keyboards auf Track Nr. 4
Svenja Kehder – Chorgesang auf Track Nr. 10
Chris Fenske – Chorgesang auf Track Nr. 10
Tina Guo – Cello auf den Tracks Nr. 5 und 6
Simone Simons – Gesang auf Track Nr. 10
Melissa Bonny – Gesang auf Track Nr. 10
Oliver Hartmann – Hintergrundgesang
Herbie Langhans – Hintergrundgesang
Ina Morgan Vocals – Hintergrundgesang
Sascha Paeth – zusätzliche Gitarren, Hintergrundgesang
