NoAir: Square

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Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 26. 9. 2022
Produktion: Robi Bulešič
Albumlänge: 36.27 min
Genre: Alternative Rock / Art Rock
Wertung: 9.0/10


NoAir, das Alternative-Rock-Quartett aus Koper, hat im vergangenen Herbst sein drittes Studioalbum »Square« veröffentlicht. Damit macht die Band einen weiteren außergewöhnlichen künstlerischen Schritt nach oben und vorne – das Ergebnis ist die musikalisch ausgereifteste Substanz, die sie bis dato abgeliefert haben, was auf eine gewisse stille Erwartungshaltung trifft. Seit dem Vorgänger „Superhuman“ (2017) ist einige Zeit vergangen und einiges passiert. Das Album ist deshalb ein äußerst pedantisches, stellenweise organisch sehr subtiles Werk, bei dem die Besetzung durchgehend konzise vorgeht und die Arrangements in bedachten Schritten aufbaut. Die Formel ist im Kern dieselbe, nur das Quartett ist reifer geworden. Von „Existencial“ (2014) über „Superhuman“ (2017) bis „Square“ (2022). Das künstlerische Wachstum geht weiter. Schritt für Schritt!

NoAir entwickeln leichtere rhythmische und musikalische Strukturen (Rather), und das neue Werk klingt dabei so natürlich, klanglich reich und ideenbildreich, dass man den Eindruck gewinnt, dass bis zur endgültigen Form der einzelnen Stücke auf dem Album reichlich gefeilt wurde.

Die Band hat schon in der Vergangenheit bewiesen, dass sie ihre eigene musikalische Nische besetzt, die es wert ist, künstlerisch vertieft und gepflegt zu werden. Und daran halten NoAir fest. So sehr man sie als Alternative Rocker einordnen kann, so sehr bestechen sie durchgehend mit einem ausgeprägten künstlerischen Charme – besser gesagt: Sie imponieren mit der gemeinsamen Rhetorik einer äußerst effektiven Verschmelzung klanglicher Pastelltöne zu einem reichen und üppigen musikalischen Konglomerat, das von neun sorgfältig ausgefeilten und abwechslungsreichen Stücken mit klar definiertem musikalischem Charakter getragen wird. Mit anderen Worten: Das ist die Combo von vier exzellenten Musikern, die sich im Studio bestens verstehen.

So sehr die zugängliche Pop-Rock-Seite sie in die Nähe des Indie-Rock-Lagers rückt, so sehr verleihen ihnen die kühnen Ausflüge ins klangliche Experiment eine Konnotation, die sich klanglich und stilistisch mit den Ansätzen legendärer Klang-Innovatoren wie Talk Talk (etwa aus der Zeit des Albums »Spirit Of Eden«) oder deren „Schülern“ Radiohead verbinden lässt. Es ist also klar: NoAir sind eine sehr interessante und besondere musikalische Geschichte. Die Arrangements schließen den Einsatz eines Moogs nicht aus, da sind die Abweichungen vom giftig nachhallenden ‚clean‘-Sound der Gitarrenfrasen, die auf der anderen Seite mit ‚crunchy‘ (aber durchgehend warm-organischen) Wellen gierig den Klangraum aufreißen, gelegentlich eine bildhaft bewegte und sogar funky Baskinetik (Titelstück), ein durchtriebenes Kolorit und Kontrastspiel mit Synthesizern. Alles atmet gemeinsam auf »Square«. Kompatibel und kontemplativ.

Die Verbindung der einzelnen Klangnuancen ist sehr fein gewoben. Ein wichtiger Baustein dieser ganzen Geschichte ist der exzellente und eindringliche Gesang von Maks Bembič, der mit seiner farbigen Stimmbandbreite ein Gefühl von Rätselhaftigkeit einbringt. Dieser persönlich-bekennende Beobachter der Welt vertieft mit seinem vokalen Ansatz die melancholische Reichweite des künstlerischen Ausdrucks der Band. Die Band kann den Hörer damit bis an den „Rand des Wahnsinns“ führen (z.B. Suol) oder ihn in ein süßbitterstes, sehnsuchtsvolles Wiegen entführen, wie es zwei Drittel des Stücks Igrá andeuten, weiterhin Ko se stemni v sobi oder Half-Past Life. Motivische Schlichtheit kann dabei mit gezielten Dissonanzlinien aufgefüllt werden (Strophe Love Different) – ein durchtriebener Trick alter Hasen, an der Spitze David Bowie oder die neueren Gazpacho, der aber stets 100-prozentige Wirkung entfaltet. Auch dieses Element nutzen NoAir meisterhaft zu ihrem Vorteil. Das Englische und seine metrische Verteilung sind dabei das gewinnende Pokerass.

»Square« öffnet sich „schüchtern“, wenn die Band in Half-Past Life behutsam eine geheimnisvolle Stimmung aufbaut (in dieser Hinsicht bietet Igrá eine ausgezeichnete alternative Eröffnungsoption), und schließt das Album mit besonderer Raffinesse. Im Sinne der Aufrechterhaltung bzw. des Haltens einer hohen Dynamik des Albums selbst. Mit dem Instrumental Dive, wo die Note der klanglichen Feinheit aus ineinandergeschmolzenen Klangnuancen zu einem gierigen Ganzen erheblich intensiviert wird – und damit tritt die künstlerische Pedanterie der Band deutlich an die Oberfläche und wird leichter nachvollziehbar.

NoAir haben mit dem neuen Album ihren Artismus ausgebaut. Ihn konzeptuell, klanglich, stilistisch implementiert, ausgebaut, vervollkommnet und auf ein neues Level gehoben. Das Album bietet eine Fülle von Elementen und Hebeln, die in ihrem Expressionismus den Rahmen des Alternative Rock weit überschreiten. Diese Bezeichnung wird banal und sogar fehl am Platz. Das atmosphärisch starke Werk »Square« muss zwingend jenes Publikum aufhorchen lassen, das diese Atmosphäre bei Post-Rock-Bands sucht – gleichzeitig haben NoAir durch ihr feines Experimentieren und die Bewegtheit der Stücke, die dabei durchgehend einen hohen musikalischen Rausch aufrechterhalten, längst auch das Genre-Feld des Progressive Rock betreten (Square, Forgotten, Love Indifferent). Unbewusst und unwillentlich. Auf dem Weg der natürlichen Selbstevolution – und das ist das Wertvollste von allem.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Half-Past Life (4:47)
2. Rather (3:38)
3. Square (3:49)
4. Igrá (5:11)
5. Forgotten (4:02)
6. Suol (4:00)
7. Love Indifferent (3:34)
8. Ko se stemni v sobi (3:48)
9. Dive (3:33)

Besetzung:
Maks Bembič – Gesang, Gitarre
Jakob Sever – Gitarre, Synthesizer
Jaša Hedžet ‚Jajo‘ – Bassgitarre, Moog
Gregor Brajkovič ‚Brajko‘ – Schlagzeug


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