David Paich: Forgotten Toys
Label: Mascot Label Group
Erscheinungsdatum: 19. 8. 2022
Produktion: David Paich & Joseph Williams
Albumlänge: 29.09 min
Genre: Art Rock
Wertung: 7.5/10
David Paich ist ein Mann, der keine große Vorstellung braucht. Ein Wort reicht. Toto! Sechs gewonnene Grammys. Und natürlich – die „goldenen Achtziger“. Interessant ist, dass der Kerl nach all den Jahren seiner Aktivität nicht früher daran gedacht hat, ein Solo-Studioalbum zu veröffentlichen. Nun ja, »Forgotten Toys« ist mit knapp unter einer halben Stunde Spielzeit und gerade mal fünf echten Eigenkompositionen (die wir zuvor nicht gehört hatten) eigentlich eine EP und kein vollwertiges Album.
Lange hieß es, Paich beschäftige sich mit Material aus seinen Archiven, das er noch in den Achtzigern komponiert hatte. Die größten Enthusiasten hofften sogar, dieses Material könnte die Grundlage für ein mögliches neues Toto-Album bilden, das auf »XIV« folgen würde. Aber dazu kam es nicht. Was man sagen kann: Es ist Paichs Studiowerk, bei dem er mit einer Reihe geschätzter Musiker zusammenarbeitet, die wie er selbst untrennbar mit Toto verbunden sind. Die „Blutsbrüder“ Joseph Williams und Steve Lukather sind natürlich mit dabei. Dazu kommen Lenny Castro, Nathan East und Warren Ham. Außerdem hat Paich einen ganzen Haufen „weiterer Freunde und Bekannter“ ins Boot geholt, darunter so klangvolle Namen wie Brian Eno, Michael McDonald, Don Felder, Gregg Bissonette, Steve Jordan, Davey Johnstone, … Mal als versierte Instrumentalisten, mal als Sänger, die entweder die Leadstimme übernahmen oder harmonische Backing Vocals beisteuerten. Inhaltlich weicht das Album energetisch und kompositorisch nicht weit von der klassischen Toto-Ära ab. Das war zu erwarten. Das Dokument ist kurz und prägnant. Gleichzeitig wird es vor allem allen glühenden Toto-Fans ein echtes Schmankerl sein. Davids Stimme ist innerhalb der Kompositionen nicht schwer zu erkennen.
Mit Ausnahme des halbminütigen Intros Forward, des neu aufgenommenen und neu arrangierten All The Tears That Shine aus dem letzten Toto-Album »XIV« sowie des abschließenden Instrumentals Lucy bleiben auf diesem Werk gerade mal gute 19 Minuten Musik übrig, die wirklich interessant ist. Hand aufs Herz: Von Paich hätte man mehr erwartet. Zumal er in seiner Karriere noch kein Studioalbum veröffentlicht hat und jahrelang der kreative Motor hinter den Toto-Kompositionen war – von seiner Erfahrung als Studio-Sessionmusiker ganz zu schweigen. Dieses Werk hätte das Etikett EP tragen müssen.
Das Werk eröffnet die prägende willibelongtoyou (Will I Belong To You). Darin steigt Joseph Williams beim Lead-Vokal (Refrain) an Davids Seite ein, und der Song fühlt sich an wie eine Fortsetzung der musikalischen Geschichte vom Toto-Album »XIV«. »Forgotten Toys« besitzt durchaus eine gewisse Verspieltheit und übersetzt in dieser Hinsicht das Sentiment der Achtziger auf ansteckend überzeugende Weise – nennen wir es einfach die energetische Vibration, die durch Paichs Adern fließt. Sorglosigkeit und sprudelnder Optimismus der Achtziger begleiten dieses Werk eigentlich auf Schritt und Tritt. Das Lebensgefühl der Achtziger fangen vor allem der Eröffnungstrack und das verspielte Queen Charade ein. In beiden wird auf brillante Weise das Zusammenspiel von Jazz- und Pop-Ästhetik freigelegt, das Paich seine gesamte Karriere über auszeichnet – ob in Zeiten seiner Zusammenarbeit mit Steely Dan, Michael Jackson oder Toto. All The Tears That Shine übernimmt Michael Sherwood mit seinem charakteristisch rauhen Vokal, auf den man aber vorbereitet sein muss. Wegen seiner absoluten Einzigartigkeit. Dieser Gesangsansatz gibt dem Song eine völlig neue Schwingung und Ausdrucksweite. Diese aufgefrischte Version rückt dabei näher an die Ballade First Time heran.
David Paich weiß sehr genau, was AOR bedeutet. Der Favorit dieses Werks wird für viele Liebhaber dieses Genres innerhalb der Komposition Spirit of the Moonrise heraufbeschworen – ein Song, der, würden wir heute noch die Achtziger schreiben, garantiert ein großer kommerzieller Erfolg wäre. Ein brillant ausgearbeiteter Track mit einer dramatischen Strophe, die in der Stimmung graduell über den Pre-Chorus in einen (mit Backing Vocals) perfekt „eingefärbten“ Refrain-Höhepunkt anwächst. Makellose Ausführung bombastischer Klanggewalt. Der Song ist definitiv ein verlorenes Juwel. Als hätte Toto ihn vergessen, auf das Album »IV« zu setzen. Davids Stimme verleiht diesem Song eine Geheimnisvolle Note. Die Schwingung ist gar nicht weit entfernt von seiner vokalen Ausstrahlung im ultimativen Toto-Hit Africa. Ein absolutes vokales Unikat. Paichs Stimme bleibt essenziell. Sie verleiht Toto als Gruppe (vor allem in der Ära der Achtziger) jenen kultigen Stempel. Das Phänomen „Radiohit der seligen Achtziger“ erweckt auf »Forgotten Toys« also besonders intensiv das herausragende Spirit Of The Moonrise zum Leben. Ein Song, gemacht um ein großer kommerzieller Hit und ein Radiodauerbrenner der Achtziger zu werden. Mit Betonung auf Achtziger. Die „Mid-Eight“-Passage ist mit einleitendem Hammond gewürzt. Darauf folgt der Einstieg in den letzten Pre-Chorus, was den Song durch den finalen Refrain zu einem dramatischen Ausgang führt, in dem Steve Lukather mit seinem neuen genialen Solo glänzt. Dann gibt es da noch die balladeske, sehnsuchtsvolle und entspannte First Time. Wieder sind wir im Terrain der Toto-Parallelen, was nicht überrascht. Sie ist aber so angelegt, dass sie in anderen Zeiten und mit anderen Produktionsgriffen mühelos auch für Steve Porcaro hätte geschrieben sein können – auch wenn ihr Autor natürlich Paich ist. Ihren Backing Vocal steuert darin auch Paichs Tochter Elisabeth bei. In der Komposition sticht die Wirkung der Perkussionisten Lenny Castro und Robin DiMaggio hervor, was angesichts ihrer Anlage keineswegs überrascht (einen ähnlichen Effekt erzielen die beiden Perkussionisten auch in der neuen Version von All The Tears That Shine).
Toto haben in ihrer Karriere eigentlich kein Album veröffentlicht, das nicht mindestens einen Song für irgendein Mädchen auf der Tracklist hätte. David hält diese Tradition aufrecht. Nur auf instrumentale Weise, was der abschließende Lucy festhält. Ihr jazziges Fundament bringt eine vollendete Instrumentalnummer, bei der der Dialog hauptsächlich zwischen Paichs Klavier und den Bläsern stattfindet. Verspielt, funkelnd, schelmisch. Gelegentlich taucht ein Vokal auf, der in der Funktion des „Einfärbens“ (der Atmosphäre-Intensivierung) durch reines stimmliches Improvisieren wirkt. Der Song funktioniert wie ein Jam, mit dem Paich sein Solowerk zum Abschluss bringt. Einem definitiv zu frühen.
Bei aller Vollendung, die vor allem die Songs an den Positionen 2, 3, 4 und 5 mitbringen, trägt dieses Werk das Gefühl, dass Paich durchaus mehr bislang ungehörtes Eigenmaterial hätte auftischen können. Das im Sinne von mindestens 40 Minuten Musik mit acht oder neun, wenn nicht zehn vollwertigen Vokalkompositionen. Stattdessen findet sich auf dem Werk: ein kurzes Intro, ein Arrangement und ein Abschlussstück, das ein aufgemotzter Instrumentaldemo-Mitschnitt ist. Kurz gesagt: Trotz der Brillanz der vier äußerst abwechslungsreichen Tracks dieses Werks, die stilistisch wie verlorene Toto-Klassiker der Achtziger wirken, und trotz der feinsinnigen Produktionsgriffe lässt sich das Gefühl nicht loswerden, dass »Forgotten Toys« noch einige Reserven in sich trägt. Kurz und süß. Toto-Fans werden mit diesem Inhalt zweifellos mehr als glücklich und zufrieden sein.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Forward
2. willibelongtoyou
3. Spirit Of The Moonrise
4. First Time
5. Queen Charade
6. All The Tears That Shine
7. Lucy
Musiker:
David Paich – Gesang (Tracks 2-5), Keyboards (Track 1), Klavier (Tracks 2-7), Orgel (Tracks 2, 3, 5 und 7), Bass-Gitarre (Tracks 3, 5), Synthesizer (Tracks 4, 6, 7)
Joseph Williams – Lead-Gesang (Track 2), Backing Vocals (Tracks 2-4), Keyboards (Track 2), Synthesizer (Tracks 2, 3), Drum-Programmierung (Track 3)
Michael Sherwood – Lead-Gesang (Track 6)
Steve Lukather – E-Gitarre (Tracks 2, 5), E-Gitarren-Solo (Track 3)
Ray Parker Jr. – Gitarre (Track 7)
Dean Parks – Akustik- und E-Gitarre (Tracks 2-4)
Davey Johnstone – Akustik- und E-Gitarre (Track 6)
Fredrik Halland – E-Gitarre (Track 4), Backing Vocals (Tracks 4, 6), zusätzliche E-Gitarre und Bass-Gitarre (Track 6)
Don Felder – Slide-Gitarre (Track 5)
Warren Ham – Saxofon (Tracks 3, 5), Flöte (Track 4), Mundharmonika (Track 5)
Jon Diversa – Bläser (Track 7)
Brian Eno – Synthesizer (Track 6)
Michael Lang – Klavier (Track 7)
Nathan East – Bass-Gitarre (Tracks 2, 4)
Mike Valerio – Kontrabass (Tracks 6, 7)
Robin DiMaggio – Schlagzeug und Perkussion (Tracks 4, 6)
Lenny Castro – Perkussion (Tracks 3, 4, 6, 7)
Gregg Bissonette – Schlagzeug (Tracks 2, 7)
Steve Jordan – Schlagzeug (Track 5)
Pat Knox – Backing Vocals (Tracks 3, 5)
Michael McDonald – Backing Vocals (Track 3)
Monét Owens – Backing Vocals (Track 5)
Elizabeth Paich – Backing Vocals (Tracks 4, 6)
Billy Sherwood – Backing Vocals (Track 6)
James Tormé – Backing Vocals (Track 7)
Hannah Williams – Backing Vocals (Track 3)
Ray Williams – Backing Vocals (Track 3)
