Stratovarius: Survive
Label: earMUSIC Records
Erscheinungsdatum: 23. 9. 2022
Produktion: Matias Kupiainen
Genre: Power Metal
Albumlänge: 58.06 min
Bewertung: 8.5/10
Stratovarius sind eine Band, die ganz genau weiß, was Überleben bedeutet. Aus der Asche aufstehen, auch wenn einen alle schon abgeschrieben haben. »Survive« ist das fünfte Album der 2008 neu geborenen Stratovarius. Auf das neue Album haben wir – nach dem Vorgänger »Eternal« (2015) – ganze sieben Jahre gewartet, was die längste Pause zwischen zwei Studioalben dieser angesehenen und langlebigen finnischen Power-Metal-Institution ist.
Auch wenn viele der Band den Rücken gekehrt haben, nachdem Gründer Timo Tolkki – unvergesslicher Gitarrenzauberer und Virtuose – sie 2008 verlassen hat, gelang es Stratovarius, dem freien Fall ins bodenlose Nichts schon im nächsten Jahr zu entkommen, als sie das Album »Solaris« (2009) veröffentlichten. Damals integrierten sie Wunderkind Matias Kupiainen in ihre Reihen – der zwar keine eins-zu-eins-Kopie von Tolkki an der Gitarre ist, aber ebenfalls klassisch hochausgebildeter Gitarrist ist, mit einer ähnlichen Kompositions- und Arrangierphilosophie, die u.a. mit der klassischen Ära der Band kompatibel ist, zu der u.a. auch die kultigen Power-Metal-Alben aus den Neunzigern gehören (»Episode« und »Visions«). Die Geschichte der neuen Stratovarius ist ohne den Gründungsvater natürlich immer diskutabel – so wie es die von Thin Lizzy war oder (besser nicht erwähnen) die aktuelle von Queensryche –, zum Glück aber war Tolkki im Zeitraum 1995–2000, als Stratovarius ihre besten Alben aufnahmen, kein Sänger mehr (nur noch Gitarrist).
Mit beiden Elements-Alben und besonders dem gleichnamigen von 2005 war spürbar, dass Kreativität und Inspiration versiegten – sodass dieser ‚Armageddon‘ und die Transformation notwendig waren (ja, sogar nützlich) für die Zukunft der Band, in der aus jener goldenen Ära heute nur noch Sänger Timo Kotipelto und Tastenmagier Jens Johansson übrig sind. Also: ja. Es ist nämlich klar, dass die Band eine Transition ‚biblischen Ausmaßes‘ brauchte, um überhaupt weiter Karriere machen zu können – auch wenn viele gesagt hätten, dabei wäre eine Namensänderung besser gewesen. Aber da sind wir wieder beim alten Abwägen. Der Name Stratovarius hat im Power-Metal-Kosmos Gewicht, also ist er es wert, bewahrt zu werden. Wahr ist aber auch, dass stilistisch alle Post-Tolkki-Alben glaubwürdig an die Alben aus der Tolkki-Ära anknüpfen.
Ja. Kotipelto und sein unverkennbarer, charismatischer Gesang – das ist ein riesiger Trumpf. Auch wenn die Band keine mittelgroßen bis großen Venues mehr füllt und bei einem Gastspiel in Slowenien mitten im Orto Bar vielleicht 300 Leute zusammenkäme (bestenfalls – mit ‚Zustrom‘ von Fans aus Kroatien und dem Friaul), halten hochwertige bis hervorragende Post-Tolkki-Alben sie im Rennen, zu denen ganz sicher auch das neueste »Survive« gehört. Das galt auch für den Vorgänger »Eternal« (2015). Die Band bewahrt eine außerordentliche kompositorische Kohärenz und ist zugleich sehr erfolgreich darin, das zu rekreieren, was sie in ihrer goldenen Phase gemacht hat. »Survive« bringt gewaltige Musikalität. Ansteckungskraft. Pomp und Bombast, die einem wirklich neidisch machen und die nicht jede Band hinbekommt – was beweist, dass das heutige Line-up mit seiner ungeahnten Begabung und dem Reichtum gesammelter Erfahrung auch eine hervorragende Chemie pflegt, die das Quintett zusammenschweißt. Das neue Album packt sofort zu. Eröffnet wird es mit dem tempogeladenen Titelsong, der seinen Refraingesang ‚fett und fetzig‘ rausknallt – hocheffektiv. Ein erwarteter Auftakt. Im allerhöchsten Tempo. Dabei bleibt das Album auch im weiteren Verlauf, wenn es mit Damned weiterstürmt. Der Bombast greift fest durchs Album, auch wenn Broken und Firefly aufeinanderfolgen. Die Melodien bohren sich einfach sofort ins Ohr.
Neo-Klassizismus bleibt im Bunde mit dem Power-Metal-Markenzeichen der Band – tatsächlich ihr unverzichtbarer Hausbestand auch auf dem neuen Album. Und mehr. Sein Bürgerrecht bei Stratovarius hat er schon längst erworben. Und so bleibt es auch im Jahr 2022. Die Präzision straff greifender rhythmischer Kinetik, die Entfaltung ultrasonischer Geschwindigkeit, packende Melodien mit dem richtigen Maß an Bombast und einem stimmungsvollen Crescendo in den Refrains – dazu die ungemein ansteckende und hochfunktionale Symbiose der beiden Top-Virtuosen Kupiainen und des ‚löwenherzigen‘ Johansson (u.a. auch immer dann, wenn sie sich im Kreuzfeuer solistische Kapriolen liefern) – das wirkt in der Gesamtrechnung schlicht überwältigend. Dazu kommt das sprichwörtliche Faible für die Jagd nach ‚perfekten Melodien‘, und das Ganze bekommt mehr als einen potenten Umriss kompositorischen Perfektionismus!
»Survive« ist ein Album, das dem Quintett mehr bedeutet, als wir vielleicht denken. Stratovarius haben einen weiteren Armageddon namens ‚Lockdown‘ überlebt und sind nach sieben Jahren mit einem neuen, hochgradig ausgearbeiteten und ausgereiften Werk zurückgekehrt, das die Verbindung sowohl zu den Alben ab 2009 als auch zu den tiefen Neunzigern aufrechterhält, als die Band mit kultigen Klassikern den Aufstieg des Power Metal maßgeblich mitgeprägt hat. Ihr hohes Engagement und ihre ideelle Inspiriertheit in neuen Zeiten krönt die abschließende, überaus ambitionierte Komposition im Stil einer kleinen epischen Symphonie – nämlich Voice Of Thunder. Die Vorlage dafür liefert kurz zuvor Before The Fall – noch ein hochgradig wuchtiger und musikalisch hypnotisch ansteckender Track des Albums. Das Album läuft über 58 Minuten – das ist viel. Doch es lässt in Inspiriertheit und Ausarbeitung über die Spielzeit nicht nach und ist dabei effektiv mit Elementen gestempelt, die Fans aller Bandepochen zusammenbringen – sowie all jene, die sich einen Dreck um die ’stürmische Geschichte‘ der Lineup-Wechsel scheren und in erster Linie eine echte, geradlinige, wenn nicht sogar oldschool-hochästhetische Re-Kreation des europäischen Power Metal suchen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Survive
2. Demand
3. Broken
4. Firefly
5. We Are Not Alone
6. Frozen In Time
7. World On Fire
8. Glory Days
9. Breakaway
10. Before The Fall
11. Voice Of Thunder
Stratovarius sind:
Timo Kotipelto – Gesang
Matias Kupiainen – Gitarre
Jens Johansson – Keyboards
Lauri Porra – Bassgitarre
Rolf Pilve – Schlagzeug
