Marillion: An Hour Before It’s Dark

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Label: earMUSIC
Erscheinungsdatum: 4. 3. 2022
Produktion: Marillion
Albumlänge: 54.19 min
Genre: Progressive Rock / Art Rock
Wertung: 10/10


»An Hour Before Its‘ Dark« ist das lang ersehnte zwanzigste Studioalbum der englischen Progrocklegenden Marillion, die 2022 den vierzigsten Jahrestag der Veröffentlichung ihrer ersten Single »Market Square Heroes« feiern. Marillion, die seit mehr als dreißig Jahren in unveränderter Besetzung spielen, sind unter ihren Anhängern – trotz zahlreicher zeitloser Werke – auch als „Englands bestgehütetes musikalisches Geheimnis“ bekannt, weil sie es ablehnen, ihre Musik mit populären, aber schnell vergänglichen Musiktrends zu „infizieren“, und weil ihnen die zeitgenössische Musikindustrie so gut wie keine angemessene Anerkennung zollt.

Bevor man die Klanggestalt des neuen Albums beschreibt, muss man erwähnen, dass Marillion mit »An Hour Before It’s Dark« völlig unerwartet ein kommerzieller Durchbruch gelungen ist, wie er ihnen zuletzt vor mehr als drei Jahrzehnten – also zu Zeiten ihres damaligen Sängers Fish – beschieden war. »An Hour Before It’s Dark« erreichte nämlich völlig überraschend ihre besten Chartplatzierungen in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und den skandinavischen Ländern, während in ihrer britischen Heimat lediglich das unvergessliche Meisterwerk »Misplaced Childhood« (1985) besser abschnitt – ihr einziges Album, das die Spitze der britischen Charts erklomm. Zuletzt hatten sie einen vergleichbaren Heimerfolg mit dem Album »Clutching At Straws« (1987) erzielt.

Bereits »Fuck Everyone And Run (F.E.A.R.)« aus dem Jahr 2016 hatte für einige unerwartet hohe Chartplatzierungen in Europa gesorgt, doch die Platzierung des neuen Albums übertraf nach dem eher lauen kommerziellen Echo auf das Orchesterprojekt »With Friends From Orchestra« (2019) alle Erwartungen. Der durchschnittliche Progrockfan wird sich da natürlich sofort fragen, ob Marillion sich für diesen außergewöhnlichen kommerziellen Erfolg im hohen Alter musikalisch „verkauft“ haben. Zum Glück ist dem nicht so. Auch auf »An Hour Before It’s Dark«, das in seiner kompositorischen und atmosphärischen Natur ein ganz anderes Werk ist als sein Vorgänger, bleiben Marillion eine Progrockgroßmacht.

»An Hour Before It’s Dark« ist zwar spürbar melodischer ausgerichtet und „zugänglicher“ als das stellenweise recht komplexe und düstere »F.E.A.R.«, doch alle unverwechselbaren Elemente, die Marillion in der Ära mit Sänger Steve „H“ Hogarth auszeichnen, sind zur Erleichterung der Fans noch immer da: Hs unverkennbarer, tief emotionaler Gesangsansatz, Rotherys fein ziselierte Gitarrenlinien, Kellys dynamische Keyboard-Arrangements, Trewavas‘ komplexe Basslinien und Mosleys spektakuläre Schlagzeugübergänge, ohne die man sich ihr Klangbild schlicht nicht vorstellen kann.

Alle vier epischen Hauptkompositionen – also »Be Hard On Yourself«, »Reprogram the Gene«, »Sierra Leone« und »Care« – sind in mehrere kürzere Sektionen unterteilt, was indirekt für mehr Kompaktheit und Zugänglichkeit der neuen Stücke sorgt. Auch die atmosphärische Natur von »An Hour Before It’s Dark« ist entspannter und „heller“ als gewohnt, was bei bestimmten Stücken vor allem auf die zahlreichen Gastauftritte von Soul-basierten Chorharmonien zurückzuführen ist. Marillion haben wieder mit etwas Neuem experimentiert, und das hat sich reichlich ausgezahlt – das Ergebnis ist ein Album, das man von Anfang bis Ende mit Genuss hören kann.

»An Hour Before It’s Dark« braucht keine zahlreichen Durchläufe, bevor es sich endgültig „ins Ohr setzt“ – anders als bei einigen ihrer Alben der letzten zwanzig Jahre, die mehrmaliges Hören erforderten, bevor sich ihre ganze Größe entfaltete. Die Texte sind, in Übereinstimmung mit einer langjährigen Tradition, überwiegend gesellschaftskritisch und greifen zahlreiche brennende Themen der Gegenwart auf: die Covid-Krise, die menschliche Sterblichkeit, die unberechenbare Entwicklung der Medizinwissenschaft und die Klimakrise.

Die eröffnende Suite »Be Hard On Yourself«, die der Passivität der Menschheit angesichts der allgegenwärtigen Klimakatastrophe Stacheln versetzt, ist in drei Sektionen unterteilt. Die epische, beinahe pompöse Eröffnung erinnert an die Rückkehr lang verlorener Helden, die nach unzähligen Schlachten endlich nach Hause gefunden haben. Darauf folgt das klassische Marillion-Drama, das für die H-Ära typisch ist: herzzerreißende Gitarrenpassagen, komplexe Synthesizer-Texturen und eine bravouröse Gesangsdarbietung, aus denen eine unbeschreibliche Melancholie erwächst. Die meisten Arrangements sind mit einem ungewöhnlich melodischen Ansatz strukturiert, während der Refrain zu den besten gehört, die Marillion in den letzten zwei Jahrzehnten auf einem Album untergebracht haben.

»Reprogram the Gene«, das im Text die zunehmende Digitalisierung bzw. Robotisierung und genetische Manipulation sowie die damit verbundene Entmenschlichung des modernen Menschen kritisiert, ist in drei Sektionen unterteilt, von denen die Sektion »Invincible« dramatisch besonders heraussticht. »Only a Kiss« ist eine knapp einminütige Einleitung zu »Murder Machines«. Letzteres wird mit seinem sofort einprägsamen Refrain und nostalgischer Atmosphäre alle begeistern, die auf direktere Rocknummern schwören, da es einige Verwandtschaften mit dem »Sounds That Can’t Be Made«-Klassiker (2012) »Power« aufweist. »The Crow and the Nightingale«, das üppige Orchesterarrangements und einen Gastchor enthält, soll Leonard Cohen gewidmet sein – wenngleich es stilistisch kaum Gemeinsamkeiten mit dem musikalischen Werk des verstorbenen kanadischen Musikers hat, denn es ist kein Folk-Rock-Chanson, sondern ein melodramatisches Progrockjuwel.

»Sierra Leone«, das scharfe Kritik am westlichen (Neo-)Kolonialismus und an der Ausbeutung afrikanischer Länder voller Bodenschätze übt, ist in fünf miteinander verbundene Sektionen unterteilt. Obwohl Mark Kelly vor der Veröffentlichung von »An Hour Before It’s Dark« murrte, dies sei persönlich für ihn die schwächste Komposition auf dem neuen Album, ist es tatsächlich eine der stärksten. Die Sektion »More Than Treasure«, die einen der fünf Abschnitte ausmacht, enthält sogar einen der besten Refrains in der Geschichte von Marillion, während Rotherys Gitarrensolopassage eine Geschichte für sich ist. Kellys Meckern über »Sierra Leone« ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, weil er als Keyboarder dort nicht allzu viel zu tun hatte – aber das Gesamtergebnis ist trotzdem hervorragend.

»An Hour Before It’s Dark« schließt mit »Care«, das in vier Sektionen unterteilt ist und sich ebenfalls zu den Höhepunkten des Albums zählen lässt. Die eröffnende Sektion erinnert mit ihren funkigen Rhythmen und elektronischen Mustern ein wenig an bestimmte Stücke des Albums »Anaraknophobia« (2001), während das Folgende zahlreiche Taktwechsel und melodramatische Arrangements aufbietet, die an den »Marbles«-Klassiker (2004) »Neverland« gemahnen. Die abschließende Sektion »Angels on Earth« sorgt für eines der schönsten Studiofinales in der bisherigen Geschichte von Marillion.

Marillion haben mit »An Hour Before It’s Dark«, das ihnen nach langer Zeit auch einen unerwarteten kommerziellen Erfolg beschert hat, wie sie ihn seit dem Ende der Achtziger nicht mehr erlebt hatten, ein neues Meisterwerk geschaffen. Diese letzte Tatsache wird nur wenige Anhänger des „bestgehüteten englischen Musikgeheimnisses“ überraschen. Das neue Album ist aufgrund seiner vergleichsweise zugänglichen Natur auch für so manchen geeignet, der mit ihren längeren und komplexeren Werken sonst Schwierigkeiten hätte. Nach der Düsternis und dem Fatalismus des Vorgängers »F.E.A.R.« wirkt die entspannte und hellere Atmosphäre von »An Hour Before It’s Dark« geradezu wie Balsam für die Seele. Gleichzeitig haben Marillion nach langer Zeit bewiesen, dass sie mit den Jahren nicht das Gespür für ausgesprochen melodische und schnell zugängliche Songs verloren haben – ohne dabei die traditionell komplexe Natur ihres musikalischen Ansatzes übermäßig zu opfern. Zumindest unter den noch aktiven Bands bleiben sie die führende Institution des modernen Progressive Rock.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik

Trackliste:
1. Be Hard on Yourself (9:28) :
– i. The Tear in the Big Picture
– ii. Lust for Luxury
– iii. You Can Learn
2. Reprogram the Gene (7:02) :
– i. Invincible
– ii. Trouble-Free Life
– iii. A Cure for Us?
3. Only a Kiss (0:39)
4. Murder Machines (4:21)
5. The Crow and the Nightingale (6:35)
6. Sierra Leone (10:54) :
– i. Chance in a Million
– ii. The White Sand
– iii. The Diamond
– iv. The Blue Warm Air
– v. More Than a Treasure
7. Care (15:20) :
– i. Maintenance Drugs
– ii. An Hour Before It’s Dark
– iii. Every Cell
– iv. Angels on Earth

Besetzung:
Steve Hogarth – Leadgesang, Hintergrundgesang, Keyboards, Perkussion
Steve Rothery – Lead- und Rhythmusgitarren
Mark Kelly – Keyboards
Pete Trewavas – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Ian Mosley – Schlagzeug


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