Avtomobili: Sijaj
Label: ZKP RTV SLO
Erscheinungsdatum: 20. 9. 2022
Produktion: Mirko Vuksanović & David Šuligoj
Albumlänge: 49.09 min
Genre: Art Rock / Art Pop
Bewertung: 9.5/10
Avtomobili brummen wieder. Auf einer nächtlichen Campingbus-Tour. Umhüllt vom Nordlicht – dem Schimmer der Aurora Borealis. In der Tasche: ein neues Studioalbum. Glänzend. Wieder glänzend. Diesmal deckt sich die erste Feststellung direkt mit dem Albumtitel. Nach dem Album »Enakonočje« (2000) haben sich die Abstände zwischen neuen Alben der Band spürbar verlängert – bis zu sechs Jahre. Für Fans der Gruppe wird die Erwartung, was sie in dieser Zeit erschaffen haben, fast zur täglichen Mantren, die Neugier grenzt ans Manische. Für den treuen Liebhaber dieser legendären – man darf ruhig sagen: einer der wesentlichen Bands, die in 40 Jahren Schaffen den slowenischen Mainstream der Achtziger und Neunziger unwiederbringlich geprägt hat – bringt jedes neue post-millennale Album eine ganz besondere Art von Entdeckung.
»Sijaj« ist ein Album, das sich grundlegend von allem unterscheidet, was Avtomobili bisher gemacht haben. Geradeheraus gesagt: Es besitzt ein hohes Maß an Abwechslungsreichtum. An konzeptioneller Vielfalt. Auch diesmal fehlt es nicht am scharfsinnigen Erproben des Unerprobten, auch wenn Avtomobili im Kern am bewährten Rezept festhalten, das ihr Alleinstellungsmerkmal garantiert. Die Band braucht 2022 nichts mehr zu beweisen. Sie ist bekannt für immergrüne Hits, die das slowenische Publikum immer hören wird. Auch dann, wenn die Welt noch älter geworden ist. Für neue Generationen, die sie verjüngen und damit den Evergreen-Status des Opus dieser Ikone am Leben erhalten.
Und die Renaissance, die Erneuerung, der neue Frühling – sie hält an. Die gesamte Musik für das neue Album hat Mirko Vuksanović geschrieben, die Texte stammen von Marko Vuksanović. Letzterer schmeichelt wieder mit seinem sinnlichen, erlebten, samtigen Gesang von markantem Charme und Charisma, der – wie die Elementarität von Mirkos Kompositionsarbeit – eines der grundlegenden Markenzeichen bleibt, die Avtomobili seit jeher auf einen besonderen Platz stellen: nicht nur im slowenischen Musikraum, sondern darüber hinaus. Das bleibt, reift und wächst. Mit den Jahren. Die Evolution stoppt auch mit »Sijaj« nicht.
»Sijaj« ist der einfache Beweis dafür. Ein Album, das „geschickt kompliziert“ ist. Der Artismus der Gruppe bewahrt seinen außergewöhnlichen Ausdruckscharakter. Auf »Sijaj« finden sich ein Dutzend Tracks, mit denen Avtomobili auf ihre gewohnte Art die Gunst der Radiofrequenzen suchen. Doch schon der Opener überrascht: Čas je. Nicht weil er etwas düster wäre – das kennt man von Avtomobili durchaus – sondern weil er für ihre Verhältnisse erstaunlich „zugespitzt“ ist, und auch das Tempo überrascht: im Intro (Strophe) schon durch die dynamisch eingesetzten Perkussionen, im Refrain tritt dann Bushy aufs Gas. Ohne Zweifel einer der schnellsten Songs, den Avtomobili in ihrer Karriere geschrieben haben. Čas je spricht also schon beim Einstieg mit mehr Rockrhetorik. »Sijaj« packt einen mit einem Rockergriff. Generell vermittelt das neue Album das Gefühl, dass die Gitarre im Vergleich zu früheren Werken lieber mal rockig aufblüht. Bushy zündet mehrmals konkret mit Soli (etwa sogar jazz-rockartig – im Ausklangteil von Vedno znova), auch im Phrasing. Rockig knallt es auch im kontrastierenden Refrain von Objel sem se – dieser Track sitzt an der idealen Position für den Opener der B-Seite einer Vinyl-LP – und weiter im besonders ansteckenden Refrainmelodievon Dovoli da.
Den stimmungsmäßigen Kontrast mit dem einladenden Refrain von Pridi na obalo, wo die Band geschickt Saxophon-Arrangements (inklusive abschließendem Saxophonsolo) integriert hat, bringt wieder jene edle Art-Pop-Kinetik, die die aktuelle Besetzung auf den letzten drei Alben entwickelt. Vedno znova hält dieses Niveau, wobei mehr verspielt untergeschmuggeltes Jazz-Sentiment einfließt. Dieses und – gemessen am etablierten (aktuellen) Artismus der Band über die Alben »Pozna pomlad« (2012, Rockline Rezension) und »Daleč« (2016, Rockline Rezension) – höhere Art-Pop-Rhetorik besetzt noch eine ganze Reihe weiterer Albumtracks. Das Album bleibt in dieser Sphäre, wenn es mit folgenden Songs anspricht: Nazaj v sanje, Vedno znova, Pust, Tako smo hodili oder Zato ti želim mit seinem besonders eingängigen Refrain (Letzterer wird in der Eröffnungsphrase der Strophe von einem kurzen Reggae-Hauch angeweht). Wenn wir von potenziellen Singles und Hits des neuen Albums reden, muss die ausgezeichnete Ballade Zaspi besonders hervorgehoben werden, wo die Strophe dem Refrain fast den Rang abläuft. Diese Ballade bringt mit ihrer Präsenz zusätzliche Attraktivität in die abwechslungsreiche emotionale Bandbreite und bereichert die dynamische Entwicklung des Albums.
Einer der interessantesten Tracks ist zweifellos der dritte mit dem Titel Ista pesem. Definitiv etwas, das Avtomobili in ihrer Karriere selten, wenn überhaupt, erprobt haben. Die phänomenalen Übergänge harmonischer Melodien, die Markos Leadgesang begleiten, verleihen dem Ganzen einen magnetischen Hauch von Geheimnis. Der Song hat keinen klassischen Rhythmus – eigentlich hält ihn der Bass, während David Morgan am Schlagzeug „den Körper ausschüttelt und explodiert“ mit bildreichen Improvisationseinschüben, denn die Kompositionsform bietet ihm dafür enormen Raum. Hand aufs Herz: Es wäre gut möglich, dass die Komposition ohne Davids schlagzeugerische Manöver deutlich weniger interessant wäre. So aber ist es genau umgekehrt – sie spricht sogar mit einem progressiven Element. Avtomobili bauen hier eine Atmosphäre auf, die geheimnisvoll, mystisch, auf eine Art feierlich anspricht. Der Track beschäftigt den Hörer dankbar auch durch die kontrastreiche Integration von Saxophoneinschüben, wobei eine weitere Abweichung nicht ungehört bleiben darf: das Solo auf dem Kontrabass.
Das mystische und nostalgische Mir svetloba. Fast predigtartig. Es betont die Tiefe von Markos Poesie. Von Sünden bis zur Reinigung der Seele. Wenn man mit sich selbst im Streit liegt. Mit seinem Inneren. Ruhig, friedvoll. Es bringt einen brillanten Kontrast auf das Album. Einen außergewöhnlichen Stimmungswechsel. Gegen Ende des Albums. Irgendwie erfüllt von Sehnsucht und Melancholie. Dieser besondere, ich darf sagen in allem wunderbare Track erreicht eine außergewöhnliche emotionale Intensität und Zugkraft. Er bringt dem Album für sich allein noch eine weitere höchst ansprechende kompositorische Abweichung und einen kreativen Kontrast.
Gozdovi sanj, ans Ende des Albums gestellt und als Bonustrack ausgewiesen, besitzt in seiner Eröffnungsform einen Hauch von Blues. Der Orgelklang bringt sogar einen Anklang von Psychedelik (Hauptmotiv – Refrain), auch wenn der rhythmische Ansatz den Track an einen eigenständigen Platz trägt. Auch ein solches „Experiment“ bringt Avtomobili keineswegs aus der Bahn. Sie saugen es geschickt auf und transformieren es in ein einzigartiges Dossier, für das schlicht nur die einen und einzigen bekannt sein können. Avtomobili.
Die Perkussionen sind auf »Sijaj« wieder intensiviert und verleihen dem Rhythmus eine zusätzliche Dimension, Opulenz und Fülle des Gesamtklangbildes. Perkussionist Rok Škarabot, der auch auf diesem Album mitwirkt, fungiert in dieser Hinsicht mehrfach wie ein sechstes Bandmitglied.
Die Rezension darf nicht zu lang werden. Sie ist ohnehin schon milde verkompliziert, und zu lang ist sie mittlerweile so oder so geworden. Also zum Fazit. Das „reizendste“ und artistisch herausforderndste Album in der langen Karriere der Band. Ganz sicher. Bei dieser Einschätzung wird vor allem zwischen dem neuen Album und den letzten beiden abgewogen. »Sijaj« ist der jüngere Bruder der Alben »Daleč« und »Pozna pomlad«, bedingt durch die Chemie des Quintetts der aktuellen Besetzung. Zugleich ist »Sijaj« der wohlbekannte Cousin der älteren Ära des kreativen Opus der Band. In ihm ist die Ursprünglichkeit der Band noch aus den Achtzigern spürbar. »Sijaj« bringt etwas äußerst Aufregendes an künstlerischem Abenteuergeist in einzelnen Tracks, zudem besitzt das Album mehr rockigen Schwung. Es ist der Beweis, dass Avtomobili schlicht Freude daran haben, den gigantischen Charme ihrer bereits so klar erkennbaren und einzigartig eingespielten Karosserie kreativ auf Hochglanz zu polieren. Glänzend poliert bleibt sie. Avtomobili pflegen Musikalität, Zugänglichkeit des Artismus und verwöhnen zugleich mit der Vornehmheit des Reichtums einer arrangeur-technischen Feinmechanik, die nicht nachlässt. Sie reift nur artistisch. Weiter. Durch die Jahre. Wenn man begreift, dass auf dem Album enorm viel passiert, fügt man noch die warme und organische Produktion eines geschickt ausgefüllten Klangbilds mit raffinierten Kontrasten zwischen den einzelnen Klangbausteinen hinzu. Alles ist genau dort, wo es sein muss. »Sijaj« pflegt, vertieft und erweitert die Expression der beiden Vorgängeralben, wobei stets die spürbare Verbindung zur Vibration der klassischen Ära dieser legendären Band erkennbar ist. Und wann reden wir von einem echten Art-Rock-Album? Wenn es mit einer Musikalität erfüllt, die zugänglich ist, diese Zugänglichkeit aber zugleich aufmerksames Hören verlangt, bei dem man jedes Mal eine neue artistischen Finesse, ein neues Detail entblättert. Das ist jene „arrangeur-technische Pfiffigkeit“ der Musiker, die mit den Jahren der Reifung kommt! »Sijaj« ist genau das. Jungs, glänzt weiter damit!
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Čas je
2. Pridi na obalo
3. Ista pesem
4. Nazaj v sanje
5. Vedno znova
6. Zaspi
7. Objel sem se
8. Dovoli da
9. Pust
10. Zato ti želim
11. Tako smo hodili
12. Mir svetloba
13. Gozdovi sanj (Bonustrack)
Besetzung:
Marko Vuksanović – Gesang
Boštjan Andrejc ‚Bushy‘ – E-Gitarre und Akustikgitarre, Hintergrundgesang
Mirko Vuksanović – Keyboards, Hintergrundgesang
David Šuligoj – Bassgitarre
David Morgan – Schlagzeug
Gastmusiker:
Rok Škarabot – Perkussion auf den Tracks Nr. 1., 2., 4., 5., 7., 8., 9., 10., 11. und 13.
Jani Šepetavc – Tenorsaxophon auf den Tracks Nr. 2. und 3.
Uroš Terbižan – Kontrabass auf Track Nr. 3.
