Grave Digger: Symbol Of Eternity
Label: ROAR! Rock Of Angels Records
Erscheinungsdatum: 26. 8. 2022
Produktion: Chris Boltendahl & Axel „Ironfinger“ Ritt
Laufzeit: 49.43 min
Genre: Heavy Metal / Power Metal
Wertung: 8.5/10
Die Komfortzone kann okay sein. Vor allem, wenn du deinen eigenen unverwechselbaren Sound gefunden hast. Und doch. Wenn du den Hauptakteur austauschst, aber deine Wiedererkennbarkeit erhalten willst, kann die ganze Sache zum reinsten Albtraum werden – gerade wenn diese zwei Positionen Sänger oder Gitarrist sind. Wir reden vom Metal. Nun, Grave Digger sind in dieser Hinsicht irgendwie ein Phänomen. Auch wenn sie sich selbst recyceln, tun sie das vollkommen korrekt und glaubwürdig. Die Alben schwanken zwar untereinander in dem Sinne, dass dieses Recycling mal mehr, mal weniger geglückt ist. So bekamen wir vor Jahren das ziemlich durchschnittliche »Healed By Metal« (2017) und »The Living Dead« (2018, RockLine Rezension), und »Fields Of Blood« (2020, RockLine Rezension) hat den Geschmack teilweise wieder gerettet.
Das neue Album dieser Gangart, nämlich »Symbol Of Eternity«, ist das geglücktere unter den Alben, die Grave Digger in der Besetzung mit Axl Ritt veröffentlicht haben. Ritt ist zwar ein durchaus ordentlicher und qualitativ hochwertiger Gitarrist, das Pech dabei ist nur, dass vor ihm bei Grave Digger Uwe Lulis (heute bei Accept) und Manni Schmidt Gitarre gespielt haben, die der Welt so ziemlich alle Gitarrenphrasen der Band vorgeführt haben. Ausgehend vom ersten Satz dieses Absatzes lässt sich bereits schließen, dass uns das neue Album in die Zeiten von »Return of the Reaper« (2014) zurückversetzt – dem eigentlich ersten Grave Digger-Album, das qualitativ mit denen vergleichbar ist, die Grave Digger vor 2010 veröffentlicht haben. Das Witzige dabei ist, dass Grave Digger auf dem neuen Album wieder zur Symbolik und den historischen Sagen und Legenden der Kreuzzüge zurückgekehrt sind – das heißt, die Texte knüpfen thematisch an das Album »Knights Of The Cross« (1998) an. Ähnliches haben sie mit »Return Of The Reaper« gemacht, wo sie irgendwie nach den Hebeln der metallischen Zahnigkeit des Kult-Albums »The Reaper« (1993) gesucht haben. Wenn ihnen das Aufwärmen der Thematiken um die löwenherzigen schottischen Clans schon nicht allzu gut gelungen ist, …
Also, lass uns kurz das Material durchfliegen. Wer Grave Digger noch nie gehört hat oder keinen Überblick über die Sprünge zwischen den Alben hat, die durch die Wechsel der letzten drei Gitarristen definiert werden (die Achtziger lassen wir mal außen vor), dem kann ich direkt sagen: Wer (ohne langes Nachdenken) nach dem neuesten Album »Symbol Of Eternity« greift, liegt garantiert nicht daneben. Es hat alles. Eine exzellente Produktion, die stachelig, voll und voluminös ist – irgendwie ‚gitarrenmäßig fettig und rifftechnisch angenehm wuchtig‘ – und den richtigen Griff des verderblichen Drama-Theaters besitzt, dazu noch einen Hauch Koketterie mit dem Okkultismus. Die Songs werden von durchdringenden, aufgestellten Riffs definiert, die einem direkt ins Gesicht treten; Ritt hält die bohrende Stacheligkeit aufrecht. Mit einer einzigen Gitarre also. Wie es Grave Digger-Tradition ist. Nur mit »The Ballads Of Hangman« (2009) haben sie sich kurz davon entfernt, die Idee mit mehr als einem Gitarristen aber schnell wieder verworfen. Jeder Song des neuen Albums ist thematisch an die Zeit der Kreuzzüge gebunden, und Grave Digger schmuggeln auch einige halbtonscharf zugespitzte Lösungen im Phrasieren ein (das zentrale Nights Of Jeruzalem – eine der eindrucksvollsten Kompositionen des neuen Albums), womit sie die ausgeprägte metallische Stacheligkeit verstärken, die durch die Schärfe des Gitarrenphrasierens erzeugt wird. Es sei auch nicht unerwähnt, dass das vokale ‚Grollen‘ von Chris Boltendahl ein Unikum in der Welt des teutonischen Metals bleibt – und darüber hinaus. Auf dem neuen Album ist er wieder hervorragend produziert und zeigt keinerlei Anzeichen von Verschleiß. Das ist natürlich das Studio. Aber wenn man auf das Gründungsjahr der Band zurückblickt, kann man vor Chris nur den Hut ziehen.
»Symbol of Eternity« ist gut bestückt mit Ohrfeigen von aufgestachelten Heavy-Metal-Sturmtruppen (Hell Is My Purgatory, der Opener Battle Cry, Holy Warfare,…), begleitet von düsterem Pomp, mit subtil eingeschmuggelten Würzen aus Orchestrierungen und Keyboards, produktionstechnisch in den kontrastierenden Hintergrund gedrückt (was zum Beispiel im räuberischen Grace Of God hervorragend wirkt, das im Arrangement einen Hauch vom Klassiker The Curse of Jacques abschreibt). Die Band weiß, was sie tut. Routine, Erfahrung. Hier gibt’s keine Patzer. Mit Ausnahme des atmosphärischen Lead- beziehungsweise Titelstücks und des eben erwähnten Grace Of God galoppiert »Symbol Of Eternity« von Song zu Song auf den Flügeln hochoktanigen Verbrennens und Bratens (der armen ‚Gottlosen‘) der Sarazenen. Grave Digger ist auf dem neuen Album eine exzellente ‚Selbstrecyclung‘ gelungen. Das bedeutet, dass das Album als Ganzes durchgehend intensiv fesselnd ist und in der Räuberhaftigkeit des Phrasierens sowie Boltendahls Gebrüll keineswegs nachlässt. Angenehm ‚gestreckt‘ auf unter 50 Minuten Gesamtspieldauer. Dabei finden sich auf dem Album zwei Präludien und elf vollwertige Tracks. Endlich also ein Grave Digger-Album, das durch seine Spielzeit nicht langweilt. Einzurechnen ist das abschließende Hellas Hellas, das wie ein Bonus-Track wirkt, gesungen auf Griechisch – wobei dieser Besprechung nicht zu entnehmen ist, dass an diesem Schachzug irgendetwas falsch wäre.
Das Album »Symbol Of Eternity« gehört damit unter den Grave Digger-Alben, die nach 2010 erschienen sind, zur oberen Qualitätsliga. Neben »Return Of The Reaper« (2014) also das beste Ergebnis, wenn man die Alben mit Axl Ritt als Grave Digger-Gitarristen miteinander vergleicht. In dieser Hinsicht steht es souverän neben den bedeutendsten Klassikern dieser kultigen und langlebigen Band aus dem deutschen Gladbeck, aktiv seit 1980. Glaubenstreue und Loyalität zum zündenden Rezept – das ist Grave Digger diesmal mehr als gelungen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. The Siege Of Akkon
2. Battle Cry
3. Hell Is My Purgatory
4. King Of The Kings
5. Symbol Of Eternity
6. Saladin
7. Nights Of Jerusalem
8. Heart Of A Warrior
9. Grace Of God
10. Sky Of Swords
11. Holy Warfare
12. The Last Crusade
13. Hellas Hellas
Besetzung:
Chris Boltendahl – Gesang
Axel Ritt – Gitarre
Jens Becker – Bass
Marcus Kniep – Schlagzeug
