Steve Vai auf einem neuen makellosen Manifest überschallschneller Gitarrenakrobatik (2022)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2022
0 3.143

Ort: Udine / Castello Di Udine / Italien
Datum: Freitag, 1. 7. 2022


Steve Vai! Was gibt es über diese Gitarrengottheit eigentlich noch zu sagen? Steve Vai ist das Phänomen des genialen Musikers schlechthin. Er ist in jeder Hinsicht ein absoluter Sonderfall, wenn es darum geht, das musikalische Universum wahrzunehmen und es vom Kopf bis in die Fingerspitzen zu transformieren. Steve Vai ist heute eine Art Legende und an der Spitze der weltbesten Gitarristen, wenn es um Innovationen im Gitarrenspiel geht – und Anfang dieses Jahres hat er ein neues, wunderschönes, man kann sagen schlicht hervorragendes Studioalbum veröffentlicht: »Inviolate« (2022, RockLine Rezension). Das Album durchlief eine konkrete Evolutionsphase, und Vai erregte schon tief im vergangenen Jahr Aufmerksamkeit mit einer Schiene an der rechten Hand, als er die erste neue Single zum Stück Knappstack vorstellte, das er einhändig aufnahm und einhändig spielte. Mit der Hand, die ihm noch zur Verfügung stand. Der linken. Für Vai ist das ein Klacks.

In der Zwischenzeit bis zur Veröffentlichung des neuen Albums sorgte auch die neue Gitarre für einiges an Aufmerksamkeit – eigentlich: ein Instrument. Wieder eine Megaerfindung, bei der einem die Haut kribbelt, wenn man sie anschaut und man nicht begreift, wie man überhaupt darauf spielen soll. Die Rede ist von der Hydra. Steve weiß alles. Ihm ist alles klar. Er bestellte einfach bei den Jungs vom japanischen Ibanez, dass er eine Gitarre haben will, die nicht konventionell sein soll. Die Japaner haben Vais ‚bescheidenem‘ Wunsch in allem entsprochen. In der brennenden Hoffnung, die unerschöpfliche Fantasiewelt von Steve Vai zu befriedigen, haben sie dem monströsen Gebilde voller kleinteiliger Details zu zwei Gitarrenhälsen noch einen dritten hinzugefügt, der ‚fretless‘ ist.

Tja, leider haben wir die Hydra an diesem Abend auf der Burg Udine nicht zu sehen bekommen. Der Besuch dort war dennoch wunderbar. Gut 1500 Besucher. Der Besuch eines Veranstaltungsorts also, an dem Steve Vai am 7. 7. 2016 auftrat, als er sein berühmtestes Album »Passion And Warfare« in voller Länge spielte. Und da sind wir wieder. Am exakt gleichen Veranstaltungsort, fast genau sechs Jahre später. Die Jahre fliegen. Unaufhaltsam und lautlos. Es ist halb zehn abends und der ikonische Gitarrist steht bereits auf der Bühne. Im Hintergrund getragen vom gleißenden Spiel verspielter Scheinwerferbündel und einer riesigen Bühnenleinwand. Zu seiner Rechten steht wieder Dave Weiner, zu seiner Linken der brillante Bassist Philip Bynoe, und im Hintergrund – wer sonst – der ungemein lebhafte Schlagzeuger Jeremy Colson. Was soll man drumherumreden? Die Besetzung war identisch wie vor sechs Jahren.

Steve Vai legte direkt mit dem neuen Album »Inviolate« los, mit dem verspielten, aber musikalisch angelegteren Avalancha, mit einer greifbaren Gitarrenphrase. Mit dem Ziel, das Publikum schon gleich zu Beginn im Nu in die Höhe zu reißen. Dafür musste der Kerl nicht mal eine einzige Wimper heben. Denn in Italien haben seine berühmten Showexzesse und die grenzenlose Theatralik schon längst ihre Staatsbürgerschaft erhalten. Das Publikum entlud donnernde Eröffnungsovationen.

Der ikonische Gitarrist, der vor einem Monat seinen 62. Geburtstag feierte, bleibt grenzenlos verspielt, aufgeweckt, temperamentvoll und sprüht in Salven unerschöpflicher Improvisation vor Lust nach Bühnentheatralik, während er sein Material mit unglaublichem Genuss und Freude darbietet. Steve Vai hat die Setlist zwar auf die Stücke des neuen Albums ausgerichtet, aber für einige überraschende Integrationen gesorgt. So hat er etwa Giant Balls Of Fire wieder in die Setlist zurückgebracht, das er auf sein (doppeltes) Live-Album »Alive In An Ultra World« (2001) aufnahm – wer dieses Album kennt, weiß, dass darauf eine Version des Stücks von Vais uraltem Konzert in der Hala Tivoli in Ljubljana zu finden ist, wo er am 12. 4. 2000 auftrat. Ahhh, diese Nostalgie. Nicht wenig Überraschung brachte auch Dyin‘ Day. Das ist ein Stück aus dem hervorragenden Album »Fire Garden« (1996), von dem man bei Vais Konzerten selten etwas anderes hört als irgendeinen Teil der Titelsuite des Albums. Tja, Dyin‘ Day war ein Stück, das Vai mit seiner Band bis zu dieser aktuellen Tournee live noch nie gespielt hatte. Das reizende Little Pretty, gespielt im eröffnenden Teil – in dem Weiner eine elektrische Sitar in die Hand nahm und Vai eine halbakustische Gitarre –, bestätigte, dass Vai in seiner reiferen Schaffensphase zunehmend auch zu Elementen organischer Klanglichkeit greift.

Schön ausgewogenes Konzertmaterial. Auch der »Alien Love Secret«-Klassiker Tender Surrender ist wieder dabei, und danach explodierte das Quartett vollblütig und ungehindert in das (durch Improvisationen extrem) gezackte und fragmentierte Lights Are On – womit sich Vai in reiferer Manier immer mehr mit den Charakteristika des Jazzrock-Fusion anfreundet. In der Brillanz der freidrehenden Kinetik, aufgeladen mit dem Sound der organischen Groove-Wärme des außergewöhnlichen Bynoe, kann Vai zweifellos völlig unbesorgt sein. Dem aufmerksamen Bassisten entgeht nichts. Bynoe bekam genau in diesem Stück die Gelegenheit, ins Zentrum des Geschehens zu treten, seinen Solopart zu spielen und sein Können zu zeigen. Ein besonderes Kapitel bringt bei Vais Konzerten stets das luzide Bad Horsie mit seinem grell donnernden Gitarrenriff, mit dem Vai an diesem Veranstaltungsort vor sechs Jahren seinen Auftritt eröffnet hatte und bei dem man immer auf Vais scherzhaftes Gitarrenimitat des Pferdewieherns wartet. Vai näherte sich wieder mehr im ‚Bandstil‘ dem phänomenal angelegten neuen Greenish Blues, wo er zeigte, wie Blues-Verständnis funktioniert – beziehungsweise dessen strenge Transformation nach den Manieren der ‚VAI-ologie‘. Im Repertoire fehlte auch das stets feinfühlige und unverzichtbare Whispering A Prayer nicht, bei dem Vai im Finale der ausgewählten Improvisationen erneut durch sophistiziertes Biegen von Tönen verblüffte, wobei er sich ausgiebiger auf die Mikrofonie stützte. Vais Stücke live zu hören ist immer ein anderes Erlebnis. Egal ob du sein Stück schon live gehört hast oder nicht. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass Vais Kompositionsarbeit die Lehrjahre bei Frank Zappa nicht verbirgt – nur dass der Einfluss von Vais verstorbenem Mentor sich in Vais Interpretationen auf Vai’sche Art manifestiert.

Vais theatralisches Bühnenunicum würde niemals in seinem ganzen Glanz erstrahlen ohne all die zusätzlichen Dinge, die der Gitarrenmessias auf der Bühne während seines Spielens einfädelt. Das ermöglicht ihm neben seiner eigenwilligen musikalischen Philosophie die körperliche Konstitution selbst des hageren Langen mit extrem langen Fingern – wobei einem unter den Gitarrenhelden in den Assoziationen wahrscheinlich nur noch Paul Gilbert nahekäme (aber der macht Dinge wieder ganz auf seine eigene Art). Vai bringt also in die Vorstellung eine Menge Possenreißerei, die für Zuhörer ungewohnt ist. Es handelt sich daher um den Effekt unerwarteter Handlungen, die verblüffen. Schockieren. Dieses Treiben begleitet eigentlich jeden gespielten Ton. Sei es, dass Vai das durch eigenartige Grimassen erreicht, mit denen er sich noch tiefer in den Schoß unglaublich amüsanter Humoresken begibt. Dabei hält er das Publikum auch in Momenten wach bei sich, die aus der Sicht der musikalisch-kompositorischen Komplexität besonders anspruchsvoll sind. Vai ist für das Publikum ein erstklassiger Hypnotiseur. Darin hat er seinesgleichen nicht. Dabei unterhält auch das Einnehmen seiner ungewöhnlichsten Körperhaltungen, bei denen man meinen könnte, dass normales Gitarrenspiel in ihnen scheinbar unmöglich ist. Tja, Vai ist auf irgendeine Weise tatsächlich nicht normal. Sagen wir’s besser: er ist nicht gewöhnlich. Deshalb gelingt ihm auf der Gitarre eigentlich alles. Auch das ‚Ungewöhnliche‘. Und dabei hat er grenzenlos Spaß. So wie sich auch sein Publikum zusammen mit ihm in seinem süßen Rausch des Staunens amüsiert.

Einen besonderen Höhepunkt des Konzerts brachte erneut die Aufführung des »Passion And Warfare« (1990)-Klassikers For the Love Of God. Einleitend rief Vai Danni G auf die Bühne, ansonsten ein Mitglied des technischen Personals seiner Begleitcrew, der im Operettenstil das Hauptmotiv dieses Stücks ansang. Mit etwas weniger Theater übernahm in diesem Stück Dante Frisiello (Weiners Gitarrentechniker) die Position ganz links. Weiner wechselte in dieser Zeit zu den Keyboards. Der Konzertabend prägte sich noch durch eine weitere Sache ins Gedächtnis ein. Als das Quartett für die obligatorische Zugabe auf die Bühne zurückkam, in der es sich einem der Teile der Firegarden Suite widmete, passierte es Vai, dass ein Teil seiner Ausrüstung versagte. Die Gitarre verstummte plötzlich, und Vai stellte zerknirscht fest: »I’m not working!« Im Nu eilte aus den Kulissen Vais langjähriger Gitarrentechniker Thomas Nordegg auf die Bühne. Vai machte keine übertriebene Drama, obwohl sofort sichtbar war, dass ihm die ganze Sache kein bisschen gefiel. Für ihn ist das nicht das erste und auch nicht das letzte Mal. Während Colson, Bynoe und Wiener den sich wiederholenden Rhythmus und das Motiv hielten, griff Vai zum Mikrofon und begann vokal zu improvisieren. Dabei erfand er gleichzeitig verschiedene Geschichten und erzählte sie durch die Vokalmelodie. An Theatralik fehlte es auch in diesen Momenten nicht. U.a. in dem Stil: »My father use to say ‚porka miseria’….« Und Ähnliches. »Am I working?«, irrte Vai auf der Bühne hin und her, während er wie ein kleines Kind ohne sein Lieblingsspielzeug den Techniker fragte, was mit seinem Instrument los sei. Zur ausgelassenen Freude von uns allen dröhnte es wieder aus den Lautsprechern, sodass die Band ihren gut zwei Stunden dauernden Konzertspektakel schließlich zu Ende bringen konnte.

Man weiß nicht, was man noch dazu sagen soll, wenn man nicht schon zu viel gesagt hat. Steve Vai bleibt ein atemberaubendes und einzigartiges Gitarren-Ass. Nicht nur ein Gitarren-Ass, sondern ein musikalisches Ass – und seine Konzerte sind ein absoluter Genuss für jeden. Für denjenigen, der nur nach guter Unterhaltung kommt, und für alle anderen, die während der Konzertshow ständig präzise dem ungreifbaren Gitarristen auf die Finger schauen. Am Ende hat das Erlebnis mit den Preisen der offiziellen Merchandise-Artikel das Ganze etwas getrübt: Ein signiertes rotes Vinyl wurde für 100,00€ verkauft, während der Preis eines normalen schwarzen Vinyls (immer noch astronomische) 45,00€ betrug und der des roten (ohne Unterschrift) 70,00€. Und noch eine kleine Randbemerkung. Im Müller auf der Čopova in Ljubljana kannst du das schwarze (180-Gramm-), also dasselbe Einzel-Vinyl, zum Preis von 19,99€ bestellen. »Not in this lifetime lieber Steve«. Nicht dass wir’s nicht hätten, wir wollen’s einfach nicht rausgeben, weil wir halt nicht so dumm sind.  

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen (Nr. 41 und 42)


Steve Vai Setlist:
1. Avalancha
2. Giant Balls of Gold
3. Little Pretty
4. Tender Surrender
5. Lights Are On (plus Solo-Bassgitarre)
6. Candlepower
7. Gitarrensolo (Dave Weiner)
8. Building the Church
9. Greenish Blues
10. Bad Horsie
11. I’m Becoming
12. Whispering a Prayer
13. Dyin‘ Day
14. Schlagzeug-Solo
15. Zeus in Chains
16. Liberty
17. For the Love of God
—Zugabe—
18. Fire Garden Suite IV – Taurus Bulba

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