Birth Control: Open Up

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Label: Look at Me (Broken Silence)
Erscheinungsdatum: 10. 6. 2022
Produktion: Birth Control
Albumlänge:
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.5/10


Birth Control, Legenden des deutschen Progressiven Rock, sind wieder da – mit dem Album »Open Up«, ihrem zweiten Studiowerk nach der Reunion im Jahr 2016. Die Kultband, die vor allem für die international erfolgreiche Single »Gamma Ray« und zahlreiche provokante Albumcover bekannt ist, agiert derzeit in einer Besetzung, der nur noch zwei Mitglieder angehören, die bereits bei den Errungenschaften der Siebziger dabei waren: Sänger Peter Föller und Schlagzeuger Manfred von Bohr. Das bekannteste und hartnäckigste Mitglied von Birth Control, der charismatische Ex-Schlagzeuger und Sänger Bernd Noske, starb 2014 – sein Tod zwang die Band zu einer kurzen Pause.

Mit »Here and Now« (2016) kehrten die unverwüstlichen Berliner trotz des Verlusts des beliebten Noske – der auf jenem Werk posthum noch präsent war – erfolgreich unter die Lebenden zurück. Es war also mehr als naheliegend zu erwarten, dass »Open Up« als erster Akt der „neuen Ära“ einen weiteren Schritt nach vorne bedeuten würde: eine gelungene Auffrischung ihres Sounds für die Gegenwart, ohne dabei ihren unverwechselbaren, meist härteren Ansatz an den Prog-Rock zu verleugnen. Im Vergleich zu den meisten Krautrocker-Bands der Siebziger haben Birth Control auf dem Löwenanteil ihrer Werke stets eine Schlagseite zum Hard Rock gehabt – ihre Musik spricht damit jeden an, der auf Bands wie Nektar, Eloy, Grobschnitt, Iron Butterfly, Atomic Rooster, Uriah Heep, Deep Purple und Wishbone Ash schwört, mit denen sie so manches klangliches Verwandtschaftsmerkmal teilen.

Das neue Album eröffnet mit einer „aktualisierten“ und überraschend geglückten Version ihres bereits erwähnten Evergreens »Gamma Ray«, die im Vergleich zum Original von 1972 kompakter gespielt und in einem flinkeren Tempo gehalten ist – ohne dabei die atmosphärische und lyrische Saftigkeit der Ursprungsversion einzubüßen. Die harten Gitarrenpassagen aus den flinken Fingern von Martin Ettrich sind nach wie vor da, dazu rauschende Hammond-Passagen aus dem Reich von Sascha Kuhn, Föllers famose Gesangsdarbietung und derselbe psychedelische Effekt, der die Originalversion dieser unvergesslichen Birth-Control-Klassiker geprägt hat. Sehr gut macht sich auch »The Last Word«, der erste vollständig neue Song auf »Open Up«, der im klassischen Birth-Control-Stil konstruiert ist und einen exzellent ausgearbeiteten instrumentalen Abschluss bietet.

Auf »Wrestling Mama«, das ebenfalls erfolgreich zwischen druckvollen und ruhigeren, atmosphärischen Nuancen pendelt, begeistern vor allem Föllers stimmliche Vielseitigkeit, verspielte Hammond-Passagen und schlaue Gitarrenfiguren. »Open Sesame« beginnt als zarte Ballade – das hält aber nicht lange an, denn schon bald verwandelt sich der Track in eine ungemein temperamentvolle Kreation, die vor einer beeindruckenden Menge massiver Hammond-Passagen, saftiger Vokalharmonien, präzise getimter Schlagzeugfills und gitarristischer Abwechslung geradezu bersten will. »I Don’t Mind« ist ein völlig unerwartetes Experiment: Im Einstiegsteil kommt eine Drum Machine zum Einsatz, die klingt, als wäre sie direkt aus den Achtzigern entliehen, während der anfängliche Rhythmus des Stücks leicht an den Queen-Standard »The Invisible Man« erinnert. Diese Ähnlichkeit ist sofort vergessen, sobald die rauschenden Hammond-Passagen, die organischen Drums, die wuchtigen Gitarrenpassagen und Föllers stets temperamentvoller Gesang einsetzen.

Auch auf »Wannabe« zieht Birth Control den bewährten Trick ab und täuscht den Hörer kurz, dass eine Ballade folgt – nach einer anfänglichen Zurückhaltung verwandelt sich der Song plötzlich und ziemlich unerwartet in einen Energiekatalysator im klassischen Birth-Control-Stil, sprich irgendwo auf der goldenen Linie zwischen Progressive Rock und Hard Rock, während der Band in den Instrumentalpassagen die Verspieltheit so schnell nicht ausgeht. Sowohl die Gitarren- als auch die Orgelsoli werden alle langjährigen Fans begeistern. Auf dem exzellenten »Plans Get Lost«, dem ein Hauch Space Rock innewohnt, überzeugt vor allem der außerordentlich gut ausgearbeitete, geradezu hypnotische Refrain – damit beweisen Birth Control, dass sie nach all diesen Jahren neben ihrem unerschöpflichen Experimentiertrieb immer noch ein außergewöhnliches Gespür für eingängige Melodien besitzen. »These Are the Days« ist der abschließende Prog-Hard-Rock-Energiekatalysator, auf dem Birth Control von Anfang bis Ende glänzen und uns erneut daran erinnern, dass es auf diesem Album keinen einzigen „verschlafenen“ Moment gibt.

Mit »Open Up« haben Birth Control ein außerordentlich ansprechendes Album geschaffen, das alle langjährigen Fans mit Sicherheit glücklich machen wird. Es scheint, als würden sie nach der Rückkehr aus dem vorübergehenden Ruhestand eine echte Wiedergeburt erleben – denn »Open Up« stellt eine spürbar qualitative Weiterentwicklung gegenüber dem ohnehin schon sehr soliden Vorgänger »Here and Now« dar. In einer Zeit, in der Musiker aus dem goldenen Zeitalter des Progressive Rock in immer rascherer Folge ins Jenseits abtreten oder schlicht alle guten musikalischen Ideen verbraucht haben, beweisen Birth Control, dass man auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch exzellenten Progressive Rock schreiben kann – ungeachtet der Anzahl an Lebensjahren, die man auf den Schultern trägt. Der einzige Schwachpunkt von »Open Up« ist das ziemlich hässliche und völlig einfallslose Cover, das einer Band mit einer so reichen Tradition großartiger und vor allem provokanter Albumcover wirklich nicht würdig ist – das hat freilich keinerlei Einfluss auf den musikalischen Inhalt.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik

Tracklist:
1. Gamma Ray 2.0 (4:30)
2. The Last Word (8:10)
3. Wrestling Mama (4:48)
4. Open Sesame (9:43)
5. I Don’t Mind (6:34)
6. Wannabe (7:15)
7. Plans Get Lost (7:01)
8. These Are the Days (5:09)

Besetzung:
Peter Foller – Bass, Gesang
Martin Ettrich – Gitarre, Talk Box
Sascha Kuhn – Keyboards
Hannes Vesper – Bass, Orgel
Manfred von Bohr – Schlagzeug


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