Simon Phillips: Protocol V

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Label: Phantom Recordings
Erscheinungsdatum: 4. 2. 2022
Produktion: Simon Phillips
Albumlänge: 52.29 min
Genre: Jazz Rock Fusion
Bewertung: 10/10


Da muss einfach Groove sein. Ohne Grenzen. Wir reden vom fünften Album des legendären Jazz-Rock-Fusion-Projekts Protocol, hinter dem einer der größten Schlagzeugmeister steht – sagen wir ruhig: einer der ganz großen Meister oder Schlagzeugmagier unserer Zeit, nämlich Simon Phillips. Von den Studio-Eskapaden mit einer schier endlosen Schar der namhaftesten Musiker über die Anfänge von Protocol, als er auf dem Debüt von 1989 noch alles im Alleingang erledigte, bis hin zur Serie der Protocol-Alben „II“, „III“ und „IV“, die zwischen 2013 und 2017 erschienen – jetzt kommt das fünfte: „V“.

Phillips bleibt auch hier seinen Markenzeichen treu, die vor allem die Protocol-Alben II bis IV klar abstecken, wobei er für neue künstlerische Verschiebungen und Herausforderungen gesorgt hat, die das Album mit einer ganz eigenen musikalischen Chemie und expressiver Charisma aufladen. Von den Mitgliedern, die an früheren Protocol-Alben mitgewirkt haben, hat Phillips nur Bassist Ernest Tibbs an seiner Seite behalten. Diesen Bassisten zeichnen außergewöhnliche technische Brillanz (hör dir sein Solo im abschließenden The Long Way Home an), Explosivität und Kreativität aus, die wie maßgeschneidert für Phillips‘ Vielseitigkeit und sein beständig forschendes „Schlagzeug-Ingenieurswesen“ sind – das in seiner ungeahnten Theatralik für alle echten Musikgourmets dauerhaft faszinierend bleibt. Neben Tibbsovem Groove, den auch diesmal seine überragende Performance am Bass hervorzaubert, liegt es für Phillips völlig nahe, diese brillante Stimmigkeit seiner Logik des Schlagzeugspiels, Komponierens und Arrangierens beizubehalten. Kontrapunkte, kühn angelegte Rhythmusschlüssel und überhaupt die Formen in dieser makellosen und prägenden Kollision des Dialogs zwischen Schlagzeug und Bass unterhalten grenzenlos beim Hören, überraschen angenehm und bleiben der Kern bzw. der Brennpunkt des gesamten Geschehens – auch auf dem fünften Protocol-Album.

Damit Protocol „V“ ein anderes Album wird, aber dennoch der Jazzrock-Fusion vollständig treu bleibt, hat Phillips eine Besetzungsänderung vorgenommen. Grega Howe, der dem Album Protocol „IV“ seinen besonderen Charakter verleiht, wird diesmal durch Alex Sill ersetzt, während der legendäre Zauberer an den Tasten – der Venezolaner Otmaro Ruiz – einsprang, der in seiner Karriere u. a. mit John McLaughlin, Dianne Reeves und Frank Gambale zusammengearbeitet hat. Und noch mehr: Protocol sind vom Quartett zum Quintett gewachsen. Phillips hat nämlich auch einen Saxofonisten integriert. Er entschied sich für Jacob Scesney. Es war Tibbs, der Phillips vorschlug, sich bei der Wahl des neuen Gitarristen und Bläsers an zwei relative Newcomer der Jazzrock-Fusion-Szene zu wenden – eben Sill und Scesney.

Auf den Schwingen der Inspiration, auf der Suche nach neuem kreativem Ertrag, den ein solches Quintett entfalten kann, hat Phillips auch die sieben Stücke des neuen Albums konzipiert. Das Potenzial dieses Quintetts ist ungeahnt, und Phillips wollte es so weit wie möglich ausschöpfen. Darauf weist das energiegeladene Eröffnungsstück Jagganath hin, das im weiteren Verlauf durch Isosceles mit seiner gesteigerten Funk-Kinetik nicht nur ergänzt, sondern energetisch sogar überboten wird. Danach gleitet man in etwas ruhigere Gewässer, die jedoch von Mysteriösität umhüllt sind. Das ist Nyanga, in das sich auch mehrere Federn der Weltmusik einschleichen. Ein eigenwilliges und herausragendes Stück des fünften Protocol-Albums ist Undeviginti. Das ist der lateinische Name der Zahl neunzehn. Mit Blick auf die äußerst vergnügliche Rhythmusfigur im 19/16-Takt könnte man es auch „zwanzig minus eins“ nennen. Es ist eines der schwierigeren, aber zugleich reizvollsten Stücke des neuen Albums, in das sich das Quintett richtig hineingraben musste. Fans der alten Fusion-Schule, besonders die Verehrer von Weather Report – willkommen daheim! When the Cat’s Away, das aufgrund seines Eröffnungsmotivs auch alle Liebhaber von Phillips‘ Zeit mit Toto aufhorchen lassen dürfte, ist ein Co-Komposition von Phillips und Pianist Jeff Babko. Dieses Stück öffnet mehr Raum für Otmaro Ruiz‘ elektrisches Rhodes-Piano (irgendwo um die dritte Spielminute), während Gitarrist Alex Sill im weiteren Verlauf eines seiner besonders geistreichen und funkelnden Soli des Albums hinlegt. Das mystische Dark Star mit seiner ruhigen einleitenden Motivform am Klavier entlädt die Spannungsladung, die zuvor Undeviginti und When the Cat’s Away aufgebaut haben. Neben dem hohen musikalischen Ertrag des warm verzerrten Gitarrenklangs kommt auf Dark Star der leidenschaftliche Ausdruck des Saxofons durch Jacob Scesneys solistische Impressionen zu einem ganz besonderen Charakter.

Die Autoren des letzten Stücks, The Long Road Home, sind alle Akteure des neuen Protocol-Albums. Es ist die längste Komposition. Wenn man nach den Momenten sucht, wo das Jam-Feeling am intensivsten ist, gilt das genau für den Eröffnungsteil des Albums und für das letzte Stück. Es hat alles an einem Ort. Auch zusätzliche Schichten akustischer Gitarre begleitet von klassischem Klavier. Kompaktheit, Auflockerung, unerwartete Aufwallungen der Stimmungen und ihr Abebben. Die ruhigere Passage kurz vor der vierten Spielminute lockt Spielelemente hervor, die an die zeitlose Verbindung von Pat Metheny mit dem verstorbenen Lyle Mays erinnern.

Das Album trägt Kompaktheit in sich. Diese gründet vor allem in den Anfangsteilen der Tracks sowie in ihren Abschlussteilen. Dazwischen öffnet sich ein riesiger Raum für die Expression einer Menge an Kapriolen, die das Team des neuen Protocol-Quintetts theatralisch umsetzt. Phillips bleibt unglaublich. Nicht nur als einer der faszinierendsten Schlagzeuger der Galaxis, sondern auch in seiner Rolle als Komponist. Alles, was er erschafft, erschafft er nach Gehör. Der Mann hat keine einzige Stunde musikalischer Ausbildung. Motive, die in seinem Kopf widerhallen und die er hört, bringt er aufs Klavier. Das sind die Ausgangspunkte der Kompositionen. Dann folgt die Entfaltung dieser prachtvollen Gier namens ausgelassener und ungezügelter Groove der ursprünglichen Form der Jazzrock-Fusion, zu der man heute kaum Parallelen findet. Wohin das Team ein Stück trägt, bleibt für den Hörer das größte Geheimnis – und genau darin liegt die Anziehungskraft von Album „V“. Protocol haben sich nie an starre Formen gehalten. Auch diesmal nicht. Schon das eröffnende Jagganath deutet vieles davon an. Sein Anfang verrät noch nichts, aber es ist schlicht irre, wie sich das Stück entwickelt, wohin es wächst und wohin es die gewaltigen Talente technischer Außerordentlichkeit und nicht zuletzt die hochwirksame Chemie des gegenseitigen Wahrnehmens und Anfeuerens des Teams tragen – das dieses einmal mehr phänomenale Protocol-Album geschaffen hat.

Simon Phillips ist einer jener Musikkünstler, der trotz außerordentlicher Kilometerleistung nicht bei dem verharrt, was er einmal erreicht und erstritten hat. Er will sich weiterentwickeln, reifen, sich vervollkommnen. Auch in seinem 66. Lebensjahr bewahrt er in dieser Hinsicht eine unglaublich jugendliche Potenz und gewissermaßen eine nie versiegende Lust zu beweisen. Album „Protocol V“ ist der Beweis dafür. Es ist ein weiteres strahlendes Juwel im üppigen musikalischen Opus dieses Schlagzeug-Giganten, der für zahlreiche Schlagzeuger der jüngeren Generation weltweit bis heute eine elementare Quelle der Inspiration ist. Amen.

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
1. Jagganath (6:50)
2. Isosceles (6:43)
3. Nyanga (7:46)
4. Undeviginti (6:48)
5. When the Cat’s Away (6:12)
6. Dark Star (6:43)
7. The Long Road Home (11:24)

Besetzung:
Simon Phillips – Schlagzeug
Ernest Tibbs – elektrische Bassgitarre
Otmaro Ruiz – Keyboards
Jacob Scesney – Altsaxofon
Alex Sill – Gitarre

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