Saxon: Carpe Diem
Label: Silver Lining Music
Erscheinungsdatum: 4. 2. 2022
Produktion: Andy Sneap & Biff Byford
Albumlänge: 44.19 min
Genre: Heavy Metal / N. W. O. B. H. M.
Bewertung: 9.0/10
Saxon! Das ist eine Band, die alles überlebt hat. Buchstäblich alle größten Massenaussterben in der Geschichte des Planeten Erde. Und Saxon werden noch lange hier bleiben. Noch viele Jahrhunderte, noch lange nachdem die Ära des Menschen zu Ende gegangen ist. Mehr noch: Saxon sind ewig. Und unglaublich, dass ganze vier Jahre zwischen dem Vorgänger »Thunderbolt« (2018) und dem neuesten, frisch erschienenen Studiowerk »Carpe Diem« vergangen sind. Normalerweise sind es höchstens zwei.
Es ist wahrscheinlicher, dass Fischen Federn statt Schuppen wachsen, als dass Saxon sich auch nur um einen winzigen Millimeter verändern würden. Und diese vier Jahre, die im vorigen Absatz erwähnt wurden, bedeuten einiges. »Carpe Diem« ist nämlich das Album, das Saxon seit »The Inner Sanctum« nicht mehr so zusammengebracht haben – zumindest seit »The Inner Sanctum« – was vor allem von den anspruchsvollsten und verwöhntesten Fans der Band festgestellt werden darf. Nicht, dass irgendeines der Saxon-Alben zufällig schlecht gewesen wäre. Weit gefehlt. Alle Alben, die Saxon auch in den Zeiten des neuen Jahrtausends veröffentlicht haben, bleiben absolute Pflicht für jeden echten Saxon-Fan. Doch solch einfallsreichen Funkeln und kreative Inspiration haben Saxon nach den Alben »Unleash The Beast« (1997), »Killing Ground« (2001) oder dem erwähnten »The Inner Sanctum« (2007) schon lange nicht mehr ausgestrahlt. Das sind diese satten vier Jahre. Und Biffs Kreuz und seine gesundheitlichen Probleme, die Entdeckung eines neuen Hobbys – Biff ist nämlich mit 71 Jahren ein begeisterter Radfahrer geworden – und noch einiges mehr. Vielleicht hat auch die Veröffentlichung des Albums »Inspirations« (2021, RockLine Rezension) mit seinem äußerst bedeutsamen Titel und einem Dutzend Coverversionen zu dieser neuen Inspiration beigetragen, das den Fans der Band half, die vier Jahre des Wartens zu überbrücken. Saxon enttäuschen keineswegs. Schon gar nicht diesmal. Sie wirken nämlich erfrischend, und das Wort Renaissance passt ihnen diesmal ganz besonders gut. Auch wenn das neue Album – und das ist keine Erkenntnis auf dem Niveau von Albert Einstein – nichts Neues bringt. Hand aufs Herz: Das will von Saxon schon seit vielen Jahren niemand mehr.
The Pilgrimage ist ein faszinierendes Epos, das stolz neben den mittelschnellen bombastischen Epen der Band wie Crusader, Broken Heroes oder/und The Eagle Has Landed steht und damit für sich allein schon einer der sicheren Höhepunkte des neuen Werks ist. Ideen- und kompositionstechnisch wirkt dieser Track so, als hätten Saxon ihn irgendwann um 1984 geschrieben – mit der federnden Leichtigkeit potenter Hengste, die vor Testosteron überquellen, auch wenn es sich um gewitzte, routinierte Gäule handelt, die mit allen Wassern gewaschen sind. Der Song wirkt, als hätten Saxon ihn (in ihren reifen Jahren) auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Kräfte aus der klassischen Ära (Mitte der Achtziger) zusammengesetzt. Eine äußerst geschickt recycelte Formel, die eine der größten Attraktionen des neuen Albums liefert. Ihr stehen in nichts nach: das exzellente okkulte, düstere und verhängnisvolle Lady in Gray mit seinen raffiniert eingewebten Orchestrierungen und Keyboards sowie das gegen Ende unheilschwangere Black Is The Night. Das sind die definitiven Höhepunkte des neuen Albums, wenn wir von der Entfaltung einer raubgierigen theatralischen Dramatik sprechen.
Saxon sind also eine Band von biblischen Dimensionen. Quinn und Scarratt sind auf eine Meile erkennbare Autodidakten, die mit Blues und Rock’n’Roll aufgewachsen sind, und das spiegelt sich einmal mehr nicht nur in den Riffs, sondern auch in den Soli wider. Die beiden Gitarristen sind neben der einzigartigen vokalen Ausstrahlung des unzerstörbaren Biff Byford die Garantie für das absolute Saxon-Unikat in der Welt des Heavy Metal. Das Album eröffnet mit dem Titeltrack – ähnlich wie das Album »Unleash The Beast« mit seinem Titeltrack eröffnet. Eigentlich übernimmt der Track Carpe Diem in vielerlei Hinsicht die Funktion des genannten Unleash The Beast, einschließlich des anfänglichen Schreies von Biff Byford. Der lässt einem schon zu Beginn die Haut gehörig aufstellen, und ihm folgt das noch schnellere und noch verheerendere Age Of Steam, dem sich nach schneidender Wucht die abschließende, vernichtende Sturmattacke Living In The Limit anschließt. Dabei darf man keineswegs das „schwindelerregende Schrapnell“ im exzellenten Dambusters übersehen, ebenso wenig wie die besonders vernichtenden Charakteristika des Tracks Super Nova. Ja – auf dem neuen Album gibt es einige ausgesprochen beschleunigte Songs. Da sind Momente, die an Raubgier dem Albumauftakt mit dem Titeltrack nicht nachstehen, wie die Band das anschaulich in All For One eingefangen hat. Und schließlich gibt es da noch Remember The Fallen, das ein typisch recycelter »Post-Solid Ball Of Rock«-Saxon-Track ist. Kurzum: Die Bestie bleibt nach wie vor blutdürstig!
Diesmal graben Saxon unersättlich, stachelig und verbissen, wie schon lange nicht mehr. Dazu trägt auch die Integration von Andy Sneap als Soundingenieur bei, der unter der wachsamen Supervision von Biff Byford mit dem Klangbild des neuen Albums „gespielt“ und dem Ausdruck der neuen Songs eine ausgeprägte Frische eingehaucht hat. Wenn wir schon bei Biff sind: Es ist erwähnenswert, dass sein Gesang im Studio wirkt, als würde der Sänger 25 und nicht 71 zählen. Brillant.
Genieß also den Tag! Mit dem neuen Saxon-Album, das für die Großväter des Heavy Metal eigentlich eine Art Neuentdeckung ist – auch wenn die Band diesmal wieder nur das tut, was sie am besten kann, vermag und beherrscht. Aber diesmal haben sich die Sterne nach einem schönen Bündel an Jahren endlich wieder perfekt ausgerichtet. »Carpe Diem« ist eines der besten Alben, die Saxon nach dem Jahr 2000 aufgenommen haben.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Carpe Diem (Seize the Day)
2. Age of Steam
3. The Pilgrimage
4. Dambusters
5. Remember the Fallen
6. Super Nova
7. Lady In Gray
8. All for One
9. Black is the Night
10. Living On the Limit
Besetzung:
Biff Byford – Gesang
Paul Quinn – Gitarre
Nigel Glockler – Schlagzeug
Doug Scarratt – Gitarre
Nibbs Carter – Bassgitarre
Gastmusiker:
Seb Byford – Hintergrundgesang
