Tony Martin: Thorns

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Label: Dark Star Records
Erscheinungsdatum: 24. 1. 2022
Produktion: Tony Martin
Albumlänge: 49.11 Min.
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 9.0/10


Anthony Philip Harford, besser bekannt unter dem Namen Tony Martin, braucht eigentlich keine große Vorstellung. Zumindest nicht für alle, die Black Sabbath am Herzen liegen. Der Mann kam zur Band in deren absolut dunkelster kommerzieller Stunde. Auch wenn Martin mit seiner unglaublich charismatischen und unverwechselbaren Stimme mit Black Sabbath insgesamt fünf Alben aufgenommen hat – darunter (mindestens) vier makellose Studioalben –, konnte er das Sinken von Iommis Schiff letztlich nicht aufhalten. Eine Stimme, vor der man sich verneigt, keine Frage. Und trotzdem: Tony Martin hat von der Musikwelt nie die Anerkennung erhalten, die seinen Vorgängern Ronnie James Dio und Ozzy Osbourne so selbstverständlich zuteilwurde.

Martin hatte bereits 1992 mit »Back Where I Belong« ein brillantes Solodebüt vorgelegt, mit dem er bewies, aus welchem Holz er geschnitzt ist – nicht nur als Vokalist, sondern auch als musikalischer Visionär. Dann vergingen gut zehn Jahre, bis Martin mit »Scream« (2005) ein neues Studioalbum herausbrachte, mit dem Tony seine Glaubwürdigkeit und seine künstlerische Haltung unter Beweis stellte. Und danach? Da warteten wir noch ein „bisschen“ länger. Ganze weitere siebzehn Jahre. Jetzt ist es endlich da. »Thorns« ist erschienen, das dritte Album. Der Titel trägt in sich das ganze Martyrium auf persönlicher Ebene – die bekannte Dornenkrone und das blutende Herz, das diese Dornen über die Zeit unaufhaltsam von allen Seiten durchbohren. Dem Schicksal des Verderbens kannst du nicht entkommen. Sein Griff wird mit den Jahren erstickender und am Ende tödlich. Oder wie Lemmy es gesagt hätte: Du lebst für den Sieg, auch wenn du als Verlierer geboren wurdest.

Nein, es ist nicht ganz das, was ihr vielleicht denkt. Es ist nicht zwingend „Sabbath-esk“ – und doch fast. Produktionstechnisch ist »Thorns« eine endgültige Abkehr von allem, was Tony zuvor aufgenommen hat. Ob mit Black Sabbath oder als Soloartist. Umgeben von einer Truppe außergewöhnlicher Musiker und mit einem klanglich stark modernisierten und aktualisierten Sound bietet der legendäre Sänger hier sein neues, mehr als exzellentes eigenständiges Studiowerk.

Die 49 Minuten des Albums vergehen wie im Flug. Martin schreit Seele und Herz heraus und singt in okkultgesättigter, verhängnisschwerer und finster-panoramischer Poesie seinen blutigen Schweiß aus sich heraus. Mit seinen fast 64 Jahren singt er immer noch wie eine Luftschutzsirene, und Fans des Vokalprofils nicht nur von Tony, sondern auch von Ronnie James Dio werden beim Hören dieser Darbietung den ultimativen Orgasmus erleben – wieder und wieder. Der Mann tötet. Mit großem Schwung.

Das Album bringt einige variable Abweichungen mit sich. Wie gesagt: Es will nicht zwingend die „Sabbath-eske“ Kompositionsweise aus Martins Ära in den Vordergrund stellen, was sehr, sehr angenehm ist und sich auch sehr auszahlt. Dennoch bleibt das Album dieser Sphäre verhaftet. Generell gesehen ist es durchweg metallisch-einäschernd, in manchen Momenten auch mutig genug für einige künstlerische Abenteuer – und klingt dabei gleichzeitig sehr vertraut. Es eröffnet mit dem Zerstörer As The World Burns, gefolgt vom „märtyrerhaften“ und ausgesprochen verhängnisschweren Black Widow Angel. Was sofort ins Ohr springt, ist die ausgeprägt aufgeplusterte, voluminöse, lawinenartige und stechende Produktion der tief gestimmten und ausgesprochen „knusprigen“ Gitarren in ihrer Phrasierung. Einen kontrastreichen Gegenpol dazu bilden die über das gesamte Album hinweg unglaublich aktiven, dynamischen und felsenfesten Drums des aktuellen Venom-Schlagzeugers Danny Needham sowie ein klirrender, reißender, ätzend und gewaltig detonierender Bass, beigesteuert vom ehemaligen Hammerfall-Bassisten, dem Schweden Magnus Rosén (hör dir zum Beispiel sein wildes „Slapping“ irgendwo bei der dritten Minute der Mid-Eight-Passage von Black Widow Angel an). Mehrere Stücke bedienen sich natürlich der Halbton-Phrasierung, was Martin mit seinem ausgesprochen musikalischen und dominant-explosiven Gesang faktisch „neutralisiert“. Deshalb wirkt »Thorns« im Kern sehr musikalisch.

Dann kommt der dritte Track, der eine der interessantesten Albumabweichungen vom heiligen „Metal-Kodex“ mitbringt. Book Of Shadows, ausgestattet mit gregorianischen Gesängen im Hintergrund des Arrangements, lässt das Blut in den Adern gefrieren und die Gänsehaut aufsteigen – und stiehlt sich damit sogar die ein oder andere Sympathie aus den dunkelsten und okkulten Momenten der Solokarriere von Bruce Dickinson. Eine ähnliche Atmosphäre und Mystik besitzt der Titeltrack des Albums, das exzellente, abschließende Thorns, das für sich genommen einer der albuminternen Höhepunkte ist. Es zeichnet sich dadurch aus, dass sich die geheimnisvolle Pamela Moore (ihr kennt doch das Album »Operation Mindcrime« von Queensryche?) Tony im Duett anschließt – die Magie und der Kontrast, den die beiden Stimmen an dieser Stelle entfalten, sind der ganz eigene (abschließende) Reiz des Albums.

Stimmungsumschwünge erreicht Martin im Arrangement mit federleichter Leichtigkeit. In den Strophen werden die Gitarrenphrasen mitunter bewusst „zurückgehalten“ (z. B. in Crying Wolf, Book Of Shadows). In den Vordergrund tritt an diesen Stellen Martins faszinierende Stimme, die noch eindringlicher Gefühle von Verderben, Okkultem, Hoffnungslosigkeit und ultimativer Ergebenheit ins persönliche Scheitern beschwört. Die Songs sind voller Melancholie, finsterer Panoramen und Bitterkeit. In diesen Momenten, die manchmal auch akustisch ansprechen, stützen aufgedrehte und aufgeplusterte Basslinien den Gesang. An diesen Punkten weckt das Album sogar einen gewissen keltischen (Folk-)Charme (die Kumulation davon findet sich in This Is Your Damnation, das von einem „Polka“-Rhythmus untermalt wird und in dem das gesprochene Wort in den Vordergrund rückt). Was die Gitarrensoli betrifft, braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Auf diesem Album erweist dem Tony der außergewöhnliche italienische Gitarrenvirtuose Dario Mollo seinen Gegendienst. Die beiden haben in der Vergangenheit nämlich einige Alben unter dem Namen Mollo/Martin veröffentlicht. Dazu gesellt sich noch ein weiterer Gitarrenmeister: Scott McClellan, der neben seinem Gitarrenspiel auch einige Co-Kompositionen zum Album beigetragen hat. In Damned By You, das unter allen noch am stärksten nach Sabbath klingt, bringt Tony Martin im Einstiegsteil des Songs persönlich ein Violinen-Ornament ein.

Wie gesagt: Im Großen und Ganzen ein vertraut klingender Metal-Drama-Theater finsterer Panoramen britischer Nomenklatur, im Stil der alten, eingeschworenen Metallschule. Neben schweren Riff-Ohrfeigen und brillanter Vokalausführung liefert er auch arrangements- und kompositionstechnische Frische und Inspiration sowie einige unerwartete Wendungen. Letztere tragen maßgeblich zur hohen Dynamik und den stimmungsvollen Abweichungen in der Abfolge der Gemütszustände des Albums bei. Tony Martin singt nach wie vor brillant, was am Ende natürlich das Allerwichtigste ist. Eine Reihe exzellenter Songs, randvoll mit finster aufgeladener Atmosphäre, hält den Hörer fest im „Schockgriff“ verhängnisschwerer Ausblicke – und diesem Album werden sich in erster Linie die Fans von Black Sabbath in der Ära mit Martin und Ronnie James Dio nicht entziehen können, aber auch alle, die das Vokalwerk dieses herausragenden und legendären Sängers schätzen.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
01. As The World Burns
02. Black Widow Angel
03. Book Of Shadows
04. Crying Wolf
05. Damned By You
06. No Shame At All
07. No Where To Fly
08. Passion Killer
09. Run Like The Devil
10. This Is Your Damnation
11. Thorns

Besetzung:
Tony Martin – Gesang, Gitarre, Bass, Violine
Dario Mollo – Gitarre
Scott McClellan – Gitarre
Magnus Rosén – Bass
Danny Needham – Schlagzeug

Besondere Gäste:
Pamela Moore – Gesang auf Track Nr. 11
Greg Smith – Bass auf Track Nr. 6
Laura Harford – Erzählung im Outro von Track Nr. 3
Joe Harford – Gitarre
Bruno Sa – Keyboards


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