Lords Of Black: Alchemy Of Souls, Pt. 2
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 15. 10. 2021
Produktion: Tony Hernandez / Mix & Mastering: Roland Grapow
Albumlänge: 66.13 min
Genre: Power Metal
Bewertung: 9.0/10
Lords Of Black, die spanischen Ultra-Melodic-Power-Metaller mit artistischen Ambitionen in Richtung Progressive Metal, veröffentlichen unter der Führung des magischen Gitarristen Tony Hernando und dank der makellosen und tadellosen Vokalarbeit des überragenden Chilenen Ronnie Romero (u. a. Rainbow) nach weniger als einem Jahr Pause den zweiten der beiden »Alchemy Of Souls«-Alben.
Es ist das insgesamt fünfte Studioalbum der 2014 gegründeten Madrider Band, die noch im selben Jahr ihr gleichnamiges Studio-Debüt veröffentlichte. Die Band hat es in der unüberschaubaren Schar von Gruppen, die sich in dieser Genre-Sphäre versuchen, mit Talent und harter Arbeit geschafft, das bereits ziemlich verwöhnte und extrem anspruchsvolle Publikum in post-millennialen Zeiten zu überzeugen und auf sich aufmerksam zu machen – Zeiten, die dem Power Metal seit gut zehn Jahren nicht gerade wohlgesonnen sind. Hand aufs Herz. Im Power Metal ist längst alles gesagt worden, und der heutige Trend geht in Richtung Extreme (Brutalität) sowie genreübergreifende Fusion. Aber wenn Herzblut und Kühnheit dabei sind, lassen sich Klischees durchaus glaubwürdig überbrücken. Lords Of Black sind eine dieser Bands. Über den Durchschnitt hebt sie das unglaubliche kompositorische Talent des Chefs und Haupt-Visionärs, des Gitarristen Tony Hernandez – und die Songs können sich auch diesmal mit außergewöhnlicher Abwechslung, arrangierter Detailtreue und Tricks rühmen, die die goldenen Zeiten heraufbeschwören, als Bands wie Stratovarius, Savatage, Angra und Symphony X den Metal-Planeten beherrschten. Aber das war vor mehr als zwanzig Jahren.
Nach dem ausgezeichneten ersten »Alchemy Of Souls«-Album, das im November 2020 erschien (RockLine Rezension), hat die Band bereits Mitte Oktober 2021 den Studio-Nachfolger veröffentlicht. Angesichts der außergewöhnlichen Reife und Perfektion des Vorgängers war die Erschaffung eines neuen Albums in so kurzer Zeit eine umso größere Herausforderung für die Band. Das hohe Qualitätsniveau des Vorgängers zu halten. Mindestens das, wenn nicht sogar mehr. Das ist der Band gelungen. Da sich beide Teile so schnell folgten, überrascht und elektrisiert das neue Album nicht mit derselben Intensität wie sein Vorgänger – aber das heißt keineswegs, dass es nicht mindestens genauso gut ist wie das erste »Alchemy Of Souls«-Album. Also elf neue Eigenkompositionen, ein Intro sowie ein Cover von Sympathy – sofern ihr Besitzer der Sonder- bzw. Deluxe-Ausgabe des Albums seid. Es ist nämlich schön zu wissen, dass die Metal-Welt Uriah Heep in der Ära, in der der verstorbene John Lawton bei ihnen sang, nicht vergessen hat.
Man fragt sich, was mit Lords Of Black passiert wäre, wenn die Welt nicht seit zwei Jahren in das Martyrium dieser neuen, seltsamen und durch und durch düsteren Zeiten zahlloser unerklärlicher Lockdowns gestürzt worden wäre – die eher das Gefühl einer nahenden Apokalypse erzeugen als irgendetwas anderes. Konzerttourneen gibt es also nicht, da sie verboten sind, aber Bands haben dafür mehr Zeit, neue Musik zu schreiben. Romero, der sich im Januar 2019 auf etwas schockierende Weise von der Band verabschiedet hatte, kehrte im Mai 2020 zurück – was Tony Hernandos musikalische Visionskraft und in vielerlei Hinsicht das Wesen und Werk der Band selbst rettete, obwohl ihr in dieser Zeit der Argentinier Hugo Valdez (Dream Child) und der Kroate Dino Jelusick (Whitesnake, ex-Animal Drive) souverän am Mikrofon ausgeholfen hatten. Nun, die ‚Verdunkelung des Planeten‘ trat ein, und Romero kehrte nach Madrid zurück. Mit weitaus weniger Verpflichtungen gegenüber den zahlreichen Bands und Projekten, in die er eingebunden ist. Also entschied er sich, Hernando erneut zu helfen und zu Lords Of Black zurückzukehren.
Ehrlich gesagt wäre es wirklich schade gewesen, wenn Romero seinen Abgang aus der Band nicht rückgängig gemacht hätte. Seine Stimme verleiht der Musik von Lords Of Black einen besonderen Charakter und setzt das i-Tüpfelchen auf die außergewöhnliche Eingängigkeit und Griffigkeit des Materials. Das neue Album bewahrt die außergewöhnlich theatralische und vernichtend düstere Atmosphäre des Vorgängers. Die Produktion ist ausgeprägt ruppig und borstig, das Gitarren-Phrasing im Klangbild stark zugespitzt und kraftvoll in den Vordergrund gerückt. Das Mastering hat erneut der legendäre Roland Grapow (Masterplan, ex-Helloween) übernommen. Die Kompositionen erreichen ein erfreulich hohes Niveau an kompositorischer Abwechslung und damit einhergehend auch ein hohes Maß an dynamischer Entwicklung. Gleichzeitig wogt die eingefangene Stimmungsvielfalt überzeugend über das gesamte Album. In kompositorischer Hinsicht bleibt Hernando ein Meister der Spannungssteigerung. Dabei muss besonders hervorgehoben werden, dass die Atmosphäre der Songs ihren stimmungsmäßigen Crescendo in aller Regel genau in den Refrains erreicht. Die Tendenz der Band, auch den Progressive-Metal-Bereich anzusprechen, ist auch diesmal spürbar. Das Quartett ist instrumentaltechnisch außergewöhnlich versiert, was in der Ausführung bestimmter Album-Passagen besonders deutlich wird – und in den Songs sticht dabei die bewegtere und leicht ‚erkundende‘ In A Different Light besonders anschaulich hervor.
Besonderes Hörvergnügen bieten erneut die Middle-Eight-Passagen, in denen Hernando mit seinen übermütigen Gitarren-Kunststücken verblüfft und den Atem raubt, während das Album auf Schritt und Tritt von einer außergewöhnlichen Rhythmussektion begleitet wird, in der Schlagzeuger Jo Nunez mit einigen spektakulären Schlagzeug-Überraschungen bzw. ausgedehnten und funkelnden Crash-Übergängen in den Drum-Rolls besonders hervorsticht. Kurzum, ein Album, das den Fan ständig bei der Stange hält und ihn im Griff der außergewöhnlichen Zugänglichkeit hochoktaniger Schlagkraft, einer ausgeprägt düsteren und vernichtenden Atmosphäre sowie der musikalischen Griffigkeit festhält – innerhalb einer schlüssigen Arrangement-Kompaktheit. Alles funktioniert bei Lords Of LBack wieder brillant, und die Crew hält auch mit dem neuen Album ihr artistisches Wachstum aufrecht – und damit auch den hart erkämpften Status als eine der angesehensten Power-Metal-Bands der neueren Zeit. Für den Power Metal (ohne aufgesetzten Bühnen-Kitsch und -Glitter) keine gerade rosigen Zeiten. Dabei hat der Metal-Oberbegriff eine außergewöhnliche (sub- und crossgenremäßige) Verzweigung erreicht, neben deren artistischen ‚Extremen‘ der Power Metal häufig zum verdrängten und vergessenen Genre-‚Däumling‘ wird.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Prelude (Alchimia Confessio 1458 A.D.)
2. Maker Of Nothingness
3. What’s Become Of Us
4. Bound To You
5. Before That Time Can Come
6. Mind Killer
7. Death Dealer
8. Prayers Turned To Whispers
9. In A Different Light
10. How Long Do I Have Now
11. Fated To Be Destroyed
12. No Hero Is Homeless
13. Sympathy (orig. Uriah Heep)
Besetzung:
Ronnie Romero – Gesang
Tony Hernando – Gitarre
Dani Criado – Bassgitarre
Jo Nunez – Schlagzeug
