Gus G.: Quantum Leap
Label:
Kostantinos Karamitroudis, besser und direkter gesagt allen wohl bekannt als Gus G., brillanter Gitarrenheld und -akrobat aus dem griechischen Thessaloniki, der sich vor allem während seiner Zeit beim allseits bekannten „Fürsten der Finsternis“ Ozzy Osbourne einen Namen gemacht hat — Power-Metal-Fans kennen ihn außerdem bestens als Kopf seiner Band Firewind sowie durch frühere Mitgliedschaften u. a. bei Dream Evil, Nightrage und Mystic Prophecy —, hat gemessen an seiner Gesamtkarriere relativ spät die Entscheidung getroffen, Soloalben aufzunehmen und zu veröffentlichen.
Quantum Leap ist Gus‘ fünftes Solo-Studioalbum. Er hat sich entschieden, ausschließlich instrumentale Stücke aufzunehmen, weshalb das neue Album besonders interessant für alle sein wird, die etwa dem Schaffen von Joe Satriani folgen. Da Gus G. ein eingefleischter Gitarren-Shredder ist, dürfte das neue Werk vor allem für jene besonders reizvoll sein, die harten instrumentalen Gitarrenzauber lieben, für den u. a. Marty Friedman und Tony MacAlpine bekannt sind.
Die Jahre des Hochmuts und naiver Draufgängerei sind vorbei, und das neue instrumentale (!) Werk übertrifft auf ganzer Linie Gus‘ Studiodebüt aus dem Jahr 2001 namens Guitar Master, das ebenfalls vollständig instrumental war. Ganz einfach — wegen der künstlerischen Reife, die Gus heute verkörpert und begleitet. Gus G. hat das neue Album dieses Mal nach dem Prinzip eines knackigen All-Instrumental-Trios eingespielt, wobei seine Gitarre innerhalb der Kompositionen über das Gerüst aufgepfiffener Metal-Phrasen hinaus auch die Rolle des Sängers übernimmt — eine zusätzliche künstlerische Herausforderung für ihn auf diesem Weg, der er sich in den letzten zwanzig Jahren seiner Musikkarriere nicht gestellt hatte. Der Mann hat sich dabei glänzend geschlagen. Man muss im Hinterkopf behalten, dass unser wackerer Konstantinos ein ausgesprochen musikalischer Musiker ist. Dass er klassisch ausgebildet ist, muss man kaum extra betonen. Jeden Zug dosiert er so, dass er seine Handlungen klar dem Ziel unterordnet, eine hochansteckende Musikalität innerhalb der Kompositionen zu erreichen. Halbtöne sind tabu. Das Phrasing ist oft mächtig aufgepfiffen, und es gibt auf dem Album so einige Momente, die als elementare Grundlage für einen möglichen Firewind-Track dienen könnten. Das zeigt sich unter anderem im typischen Power-Metal-Gerassel des Titelstücks.
Gus G. hat eine Sammlung variabler Stücke zusammengestellt, die eine hohe Dynamik und Flüssigkeit erreichen und entfalten — das ist ein waschechtes, instrumental ausgerichtetes Gitarrenalbum, das sich mit großem Genuss hören lässt. Das Album bietet ruhige Momente, die Gus‘ musikalisches Reifen besonders unterstreichen, wie es im ausgezeichneten Night Driver zu spüren ist. Der ausgeprägt atmosphärische und verträumte Track trägt in seinen bildreichen Solopassagen auch einen Hauch Blues in sich. Alle Finessen sind mit außerordentlich feinem Gespür hinzugefügt und dosiert, was den eigenständigen künstlerischen Charakter nicht nur des Werks stärkt, sondern auch Gus‘ musikalische Einzigartigkeit klar widerspiegelt. Verführerisches und einfallsreiches Phrasing sowie die kraftvolle und treibende rhythmische Ausrichtung von Bass und Schlagzeug halten auf Quantum Leap den hohen Schwung aggressiver Metal-Schlagkraft und Explosivität aufrecht.
Das letzte Stück Force Majeure ist ein besonders faszinierender Power-Metal-Marsch, aus dem man mühelos einen beliebigen Firewind-Track ableiten könnte. Sein Markenzeichen ist, dass man darin Zeuge von vier Minuten außergewöhnlichem Dialog zweier Gitarren wird. Als Sondergast dabei: UFO-Gitarrist Vinnie Moore, der auch für seine eigenen Soloarbeiten bestens bekannt ist. Die Hauptmelodien werden in Terz-Harmonien gespielt. Die Natur der musikalischen Wahrnehmung beider Gitarristen ist im Kreuzfeuer der solistischen Eskapaden klar spürbar, was dem Stück in jedem Moment seiner Entwicklung einen besonderen Reiz verleiht. Entsprechend wogen darin auch intensive Stimmungszustände. Eine exzellente Wahl für das atmosphärische Finale des Albums und zweifellos einer seiner Höhepunkte.
Wer Gesangsmomente vermisst, den tröstet vielleicht die Bonus-CD, auf der sieben Stücke in Live-Einspielung versammelt sind. Die sollte man eher als Spaß betrachten, erst recht wenn man es mit den Bearbeitungen von Thin Lizzy- und Dire Straits-Originalen zu tun bekommt. Aber auf jeden Fall eine nette Zugabe, die Fans von Gus‘ Gitarrenkunst erfreuen wird. Kurzum: Mission erfüllt. Quantum Leap ist ein exzellentes, vollständig instrumentales Gitarrenalbum fröhlich-übermütiger Power-Metal-Shredder-Natur, das die kompositorische Reife und Feinsinnigkeit des Musikers ausstrahlt. Konzeptionell lebendig und flexibel, in den ultraschnellen Momenten auch hemmungslos verschmitzt, und in der Produktion bewahrt es einen organischen Charakter, als würde das Trio live spielen. Sollte Gus G. diese Haltung auch auf künftigen Solo-Studioalben beibehalten, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
Besetzung:
Gus G. – Gitarre, Keyboards
Dennis Ward – Bassgitarre
Gastmusiker:
Vinnie Moore – Gitarre auf
