Ray Wilson: The Weight Of Man

0 149

Label: Jaggy D
Erscheinungsdatum: 27. 8. 2021
Produktion: Ray Wilson
Albumlänge: 47:33 min
Genre: Art Rock
Bewertung: 9.0/10


Der schottische Sänger Ray Wilson, der weltweite Bekanntheit als Mitglied der Post-Grunge/Neo-Prog-Band Stiltskin sowie als ehemaliges Mitglied der Progressive-Rock-Legenden Genesis erlangte – mit denen er als Nachfolger des berühmten Phil Collins das Album »Calling All Stations« (1997) aufnahm –, hat sein siebtes Soloalbum mit dem Titel »The Weight of Man« veröffentlicht.

Nach seinem Abgang bei Genesis hat Wilson, der in der Vergangenheit auch mit Prog-Rock-Ikonen wie Steven Wilson und Steve Hackett zusammengearbeitet hat, eine respektable Solokarriere aufgebaut – abgesehen von Deutschland, dem einzigen Land, in dem einige seiner Soloalben gelegentlich in den Verkaufscharts auftauchten, bleibt er jedoch ein weitgehend übersehener Musiker.

Wie übersehen er trotz allem ist – obwohl seine Soloalben bisher zumindest sehr solide, wenn nicht sogar exzellent waren –, zeigt vielleicht am deutlichsten der Genesis-Dokumentarfilm »Genesis: Together and Apart« aus dem Jahr 2014, in dem Wilson mit keiner Silbe erwähnt wurde. Auch die Prog-Puristen machen um Wilsons Solokarriere trotz seiner Verbindung zu Genesis einen großen Bogen, da sich der Großteil seines eigenständigen Schaffens stilistisch irgendwo an der Grenze zwischen Art Rock und Pop Rock bewegt – mit gelegentlichen Alternative-Rock-Momenten.

Auch »The Weight of Man« folgt irgendwie dieser musikalischen Grenzgänger-Ausrichtung, die den Löwenanteil von Wilsons Solokarriere prägt, während die vorherrschende melancholische Stimmung längst zu seinem Markenzeichen geworden ist – alle Fans seines Solowegs werden das Album daher mit Sicherheit gut aufnehmen. Unter Wilsons musikalischen Mitstreitern auf »The Weight of Man« sticht als bekannter Name sein alter Kumpel hervor, der israelische Schlagzeuger Nir Z, der als Gastmusiker den Großteil der Schlagzeugparts auf »Calling All Stations« eingespielt hatte, kurzzeitig Mitglied von Stiltskin war und nebenbei der Bruder von Blackfield-Schlagzeuger Tomer Z ist. Den Großteil der übrigen Instrumente auf dem Album haben Wilsons Musikerkollegen eingespielt, die die aktuelle Inkarnation von Stiltskin bilden. Vielleicht fragt sich der eine oder andere, warum Wilson dieses Album angesichts dieser Tatsache nicht unter dem Namen Stiltskin veröffentlicht hat – doch schon ein oberflächlicher Blick in die Texte zeigt, dass diese größtenteils sehr persönlicher Natur sind.

Mit den Jahren ist Herr Wilson noch raffinierter und lyrisch reifer geworden, während seine Stimme genauso gut ist wie damals, als er sich Ende der Neunziger kurzzeitig Genesis anschloss – das beweist bereits der Eröffnungstrack »You Could Have Been Someone«, auf dem Ray mit programmierten Orchesterarrangements im Hintergrund sofort mit seiner melodramatischen Gesangsdarbietung begeistert. »Mother Earth« ist ein melancholisch-dramatischer, umweltbewusster Song, mit dem Ray darauf aufmerksam macht, dass der Menschheit die letzte Stunde schlägt, wenn sie mit der Natur weiterhin so umgeht wie die Axt im Walde. In die Kategorie der gesellschaftskritischen Songs fällt auch »We Knew The Truth Once«, das von einer unbeschreiblichen Melancholie durchdrungen ist. Das ist ein Song, der mit seiner atmosphärischen Tiefe, Melodiosität und klaren Botschaft sicher auch Fans „weicherer“ Neo-Prog-Bands wie etwa Jadis und Lifesigns ansprechen wird.

Ray wäre nicht Ray, wenn er auf »The Weight of Man« nicht mindestens einen Song über unglückliche Liebe untergebracht hätte. Diesmal sind das »I, Like You« und »Amelia«, zu denen begleitende Musikvideos gedreht wurden. Wer Rays bisheriges Solowerk kennt, wird nicht überrascht sein, dass es sich dabei um keine seichten Balladen handelt, sondern um arrangementreiche Kreationen mit außergewöhnlicher atmosphärischer Tiefe und einer erstklassigen Gesangsdarbietung. Zu den atmosphärischen Höhepunkten des Albums gehört zweifellos der Titeltrack, der mit einem melancholischen Gitarrensolo ausklingt. Auf »Almost Famous« blickt Herr Wilson bedeutungsvoll auf seine Zeit bei Genesis zurück und gibt zu verstehen, dass er es kein bisschen bereut, in dieser kurzen Phase keinen Weltruhm erlangt zu haben – »Calling All Stations«, das in Europa recht erfolgreich war, war in den USA kommerziell ein totaler Reinfall, woraufhin der amerikanische Teil der Konzerttournee abgesagt und die legendäre Band in der Folge (vorübergehend) aufgelöst wurde. Die Sonderedition des Albums enthält am Ende auch eine interessante Coverversion des Beatles-Klassikers »Golden Slumbers«.

»The Weight of Man« wird Wilsons Ruf als außergewöhnlich beständiger Solokünstler weiter festigen, der seiner klanglichen und lyrischen Vision treu bleibt und seine zwar überschaubare, aber äußerst treue Fangemeinde damit bisher nie enttäuscht hat. Auch wenn »The Weight of Man« sehr wahrscheinlich – wie die meisten von Rays bisherigen Alben – kommerziell völlig unbeachtet bleiben wird und die Prog-Puristen auf der anderen Seite keinesfalls bereit sein werden, ihm zuzuhören, ist es ein schöner Spiegel von Wilsons musikalischer Entwicklung. Das bedeutet, dass sein reichhaltiger atmosphärischer und lyrischer Inhalt so manchen ernsthaft zum Nachdenken bringen wird, wohin die Menschheit gerade steuert.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik

Trackliste:
1. You Could Have Been Someone
2. Mother Earth
3. We Know the Truth Once
4. I, Like You
5. Amelia
6. The Weight of Man
7. The Last Laugh
8. Almost Famous
9. Symptomatic
10. Cold Like Stone
11. Golden Slumbers

Besetzung:
Ray Wilson – Gesang
Ali Ferguson – E-Gitarre auf Track Nr. 1, 2, 4, 5, 6, 7
Uwe Metzler – E-Gitarre auf Track Nr. 3, 9, 10, 11, Akustikgitarre auf Track Nr. 3 und 8, Banjo auf Track Nr. 8
Lawrie MacMillan – Bassgitarre auf Track Nr. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
Martin Ziaja – Bassgitarre auf Track Nr. 11
Jethro Bodean – Keyboards auf Track 1, 2, 4, 5, 6, 7, Programmierung auf Track Nr. 1, 2, 4, 5, 6, 7
Yogi Lang – zusätzliche Keyboards auf Track Nr. 2, 4, Hintergrundgesang auf Track Nr. 2
Scott Spence – Klavier & Keyboards auf Track 8 und 9, Streicherarrangements auf Track Nr. 8
Rainer Scheithauer – Klavier auf Track Nr. 11
Marcin Kajper – Klarinette auf Track Nr. 1
Alicia Chrzaszcz – Violine auf Track Nr. 8
Henrik Mumm – Cello auf Track Nr. 11
Nir Z. – Schlagzeug auf Track Nr. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9
Frank Dapper – Schlagzeug auf Track Nr. 11


Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki