Rage: Resurrection Day
Label: SPV/Steamhammer Records
Erscheinungsdatum: 17. 9. 2021
Produktion: Rage
Albumlänge: 50.02 min
Genre: Power Metal
Bewertung: 9.5/10
Der Tag der Auferstehung. Der Tag, auf den wir fieberhaft warten. Der Tag, an dem sich alles zusammenfügt und Gleichgewicht auf beiden Seiten der Gleichung herrscht – aber auch der Tag, der einen neuen Anfang ankündigt. Und nicht zuletzt der Tag, an dem die legendären Hamburger Power-Metaller Rage ihr neues Studioalbum eben dieses Titels veröffentlichen. In seinem Namen steckt jede Menge Symbolik. Es ist nämlich kaum zu fassen, dass der Gründer und Chef der Band – Hauptkomponist, Sänger und Bassist Peter ‚Peavy‘ Wagner, der die Gruppe seit 1984 ununterbrochen am Laufen hält, eine legendäre Figur der deutschen Metal-Szene – nach all den schweren und schönen Zeiten, die er durchlebt, überlebt und in sich trägt, immer noch Lust hat, musikalisch aktiv zu sein und den kreativen Schwung bzw. die Band am Leben zu erhalten. »Resurrection Day« ist nämlich, man höre und staune, das 25. Studioalbum der Band, und ‚Peavy‘ muss sich längst niemandem mehr beweisen. Doch offensichtlich treiben ihn Leidenschaft und echte Herzlichkeit weiter an. Und das zählt.
Rage sind eine Band, die schon viele ‚kleine Tode‘ und Reinkarnationen bzw. Wiederauferstehungen hinter sich hat. Dazu mehrere Schaffensären, die sogar drastische stilistische Übergänge verzeichnen. Letztere Bemerkung werden vor allem jene verstehen, die die Ära nie vergessen werden, als Wagner mit dem weißrussischen Musikzauberer Victor Smolski zusammenarbeitete. Aber das ist eine längst abgeschlossene Geschichte, und danach trat die Band in eine schrittweise Transition ein, in der sie begann, sich wieder mit den Wurzeln ihres Schaffens auseinanderzusetzen – und so in der extrem kurzen Zeitspanne der letzten vier Jahre gleich drei neue Studioalben herausgebracht hat. Das letzte davon, nämlich »Wings Of Rage« (RockLine Rezension), im vergangenen Jahr.
Nun, das war auch das Jahr, in dem die Band von einem weiteren der unzähligen Lineup-Wechsel erschüttert wurde. Peter ‚Peavy‘ Wagner gab im vergangenen Sommer bekannt, dass die Band wieder als Quartett agiert. Dafür holte er zwei neue Gitarristen ins Team. Der erste war Stefan Weber (ex-Axxis), der Marcos Rodriguez ersetzte, und wenige Wochen später folgte die Dazustoßung eines zweiten Gitarristen – Jean Bormann (Angel Inc, Rage & Ruins). Das vierte Mitglied bleibt nach wie vor Schlagzeuger Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos, der seit 2015 für Rage trommelt.
Die Band war damit wieder zu drei Vierteln deutsch besetzt und nahm unmittelbar nach der (Re)Formation eine neue Version des »Black In Mind«-Klassikers The Price Of War auf und veröffentlichte sie (noch Mitte letzten Jahres, im Juni) unter dem Titel The Price Of War 2.0. Die findet ihr als Bonustrack auf der limitierten Sonderversion des neuen Albums.
Ja. Und damit nahtlos zum vorigen Absatz. Die Band hat auf dem neuen Album nämlich eine Reihe neuer musikalischer Ideen mit der Frische der kreativen Talente der beiden neuen Mitglieder kombiniert – denn die Arbeits- und Kreativchemie der neuen Rage ist eine absolut neue Geschichte. ‚Peavy‘, der erfahrene und gerissene Fuchs der alten Garde, hat diesen Umstand weidlich ausgenutzt. Das merkt man dem neuen Album durch und durch an: Es knallt und biegt sich auf Schritt und Tritt vor lauter Inspiration und einer brillanten Kombination aus Spott, aufgekratzter Aggressivität und reinem Zornesschütteln – aber auch aus Momenten des Okkulten und des Verderbens, was sich perfekt mit einer hohen musikalischen Eingängigkeit verbindet, die in den packenden Refrainmelodien ihren Höhepunkt findet. Genau das hat ‚Peavy‘ im elementaren Ausdrucksvokabular der Band immer gesucht. Diesmal hat das neue Album diese Rezeptur wirklich phänomenal verkörpert. Mit »Resurrection Day« haben Rage also ihren Transitionsweg hin zu der Ära abgeschlossen, in der sie als Quartett agierten – und das ist die Ära der klassischen Rage-Alben »Black In Mind« und »End Of All Days«. Natürlich mit dem Wissen, dass »Resurrection Day« ein Ungetüm der neuen Zeit ist, das – wie erwähnt – die alte DNA der Band brillant mit dem aktuellen musikalischen und kreativen Genom des neu geborenen Quartetts verbindet. Offensichtlich sind diese 75% ‚Deutschtum‘ der neuen Quartettbesetzung entscheidend für eine Glaubwürdigkeit, die in jeder Hinsicht dem Vergleich standhält.
»Resurrection Day« läuft brillant los. Ein theatralischer Auftakt, dem eine Serie von ‚Ohrfeigen‘ und ‚Brechern‘ folgt – der blitzende und giftig zischende Power-Metal-Kosmos der Band. Mit gelegentlichen Seitenblicken auf den teutonischen Thrash Metal (Virginity, The Age Of Reason, Extinction Overkill), wenngleich das durch die hohe Musikalität der neuen Songs sehr geschickt kaschiert wird. Kein Geheimnis mehr ist, dass ‚Peavys‘ Stimme über die Jahre deutlich tiefer geworden ist – doch in den Leadmelodien ist sie auch diesmal wieder hervorragend mit choralen Gesangslinien harmonisiert, die dort, wo nötig, höher liegen als ‚Peavys‘ aktueller Stimmumfang es erlaubt. Das Album, das ungebremst vorwärtsrast, stoppt erst kurz vor dem Ende etwas ab – mit dem einzigen etwas ruhigeren Moment Black Room, ohne dabei jedoch seine theatralische Verbissenheit, sein Unheilvolles und seine Düsternis einzubüßen. Die Produktion ist wieder ausgezeichnet, lebendig, sticht und beißt mit einer unglaublichen Eruptivität, und die Band in Gestalt des neu ‚angespitzten‘ Quartetts vernachlässigt – wie es schon ihre Tradition ist – das gelegentliche Anbandeln mit neo-klassischen Elementen nicht, was sich im Einsatz orchestraler Arrangements ausdrückt. Das erste Beispiel hierfür ist gleich der Opener und direkt danach der Titeltrack des Albums. In diesem Zusammenhang muss auch der Track Traveling Through Time hervorgehoben werden, der von der klassischen Komposition Schiarazula Marazula des italienischen Renaissance-Komponisten Giorgio Mainerio inspiriert wurde.
Ja. Klingt unglaublich – aber auch das fünfundzwanzigste Album dieser langlebigen und offenbar unzerstörbaren legendären deutschen Heavy-Metal-Truppe verdient in jeder Hinsicht Lob. Es ist hervorragend, markant, in jeder Beziehung ein echtes Rage-Album, das – wie gesagt – auf den Flügeln der neu geborenen Quartettchemie Anlauf nimmt und sich auf kraftvolle, gerissene und wirkungsvolle Weise mit den kreativen Zeiten von vor fast drei Jahrzehnten auseinandersetzt. Ein Album der Kollision von Alt und Neu, ein Album der neuen Zeiten der Band – und nicht zuletzt ein Album, das Fans der klassischen Rage-Ära definitiv nicht im Stich lassen wird.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Memento Vitae (Overture) (1:14)
2. Resurrection Day (4:18)
3. Virginity (3:41)
4. A New Land (3:49)
5. Arrogance And Ignorance (5:00)
6. Man In Chains (4:36)
7. The Age Of Reason (4:22)
8. Monetary Gods (3:54)
9. Mind Control (4:14)
10. Traveling Through Time (4:13)
11. Black Room (4:49)
12. Extinction Overkill (5:52)
Besetzung:
Peter ‚Peavy‘ Wagner – Gesang, Bassgitarre
Stefan Weber – Gitarre
Jean Bormann – Gitarre
Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos – Schlagzeug, Hintergrundgesang
