Samo Šalamon & Hasse Poulsen: String Dancers
Label: Samo Records
Erscheinungsdatum: 2021
Produktion: Samo Šalamon
Albumlänge: 52.18 min
Genre: Contemporary Jazz
Bewertung: 9.0/10
Die beiden Saitentänzer, die sich diesmal zu einem herausfordernden und außergewöhnlich eigenwilligen auditiven Abenteuer zeitgenössischer Jazzgrifftechniken zusammenfinden, hören auf die Namen Samo Šalamon und Hasse Poulsen. Das Geflecht zweier Akustikgitarren, in kontemplativ tanzenden Bögen und Windungen. Beide mit einem reichen Erfahrungsschatz, ausgestattet mit breitem technischem Wissen und dem scharfsinnig forschenden Geist des improvisatorischen Abenteurismus – und vor allem ist es das Aufeinandertreffen zweier grundverschiedener musikalischer Charaktere, expressiver Entitäten, die sich im gemeinsamen Spiel mit einer Portion herausfordernder Kühnheit gegenseitig ständig anspornen und kreativ ergänzen. Genau das bringt das Album »String Dancers« als neues musikalisches Unikat hervor.
Über Samo Šalamon ist schon viel gesagt worden. Aber genug ist es nie. Und nicht nur das. Über Samo kann man gar nicht genug sagen. Warum? Weil er einer der aktivsten slowenischen Musiker ist. Nicht nur gerade jetzt, sondern schon seit einigen Jahren. Und das auf der internationalen Jazzszene. Er erschafft und nimmt auf. Non stop. Pro Jahr veröffentlicht er auch mal drei Alben. Gerade jetzt, wo der ‚Lockdown‘ zur neuen gesellschaftlichen Norm wird, zu einer Art unnormaler Normalität, und normale Konzertauftritte kaum möglich sind. Dafür bleibt Zeit fürs Kreieren. Für Musik. Die Inspiration kommt von woanders, nicht zwingend von Konzerten und Tourschnipseln.
Hasse Poulsen ist in Dänemark längst eine echte Legende auf der Szene zeitgenössischer Jazzentwicklungen – und darüber hinaus. Samos Idee, gemeinsam ein Improvisationsalbum zu kreieren, ist schon im Ansatz der Generator des eigenwilligen musikalischen Abenteuers, das dieses Album verkörpert.
Der kreative Prozess lief ungefähr so ab. Jeder schrieb einige Kompositionen oder Entwürfe (Leitmotive), die sie sich gegenseitig durch den Austausch von Dateien zukommen ließen und jeweils die fehlenden Teile ergänzten. Zu Hause, in ihren Heimstudios. Die beiden haben das Album in kürzester Zeit eingespielt. Im vergangenen Juni und Juli. Wie gesagt. Unter ‚Isolationsbedingungen‘ – und doch verlief der Prozess sehr natürlich, befruchtend, da die Ideen des einen die Talente des anderen kreativ herausforderten. Der Informationsfluss in beide Richtungen brodelte. Damit haben sie so manche scheinbar unüberwindliche Hürde überwunden und durch clevere Lösungen ein neues Ausdrucksniveau erreicht. Neue Reichweite. Die Sprache der freischwingenden Gitarrenkinetik jazziger Improvisationen.
Das Album ist ganz klar als improvisatorisches Geflecht zweier Gitarrenfiguren mit zeitgenössischem Jazzcharakter angelegt. Dabei sind durchgehend Anleihen beim Neoklassizismus stark präsent, mitunter auch Weltmusik-Einflüsse. Die Motive sind fest und kompakt, auch wenn sie in ihrer Entfaltung ein Gefühl von ‚Leichtigkeit‘ erreichen – denn sie gehen keineswegs unmittelbar ins Ohr, unterhalten und beschäftigen den ‚Hörer‘ solcher Musik dafür umso reizvoller mit ihren amüsanten, herausfordernden, oft schelmisch gestimmten atonalen Figuren. Die Lösungen bzw. der Kern der Kompositionen vermitteln dem Zuhörer also eine ständige Nachvollziehbarkeit. Ohne skurrile Ausbrüche, ohne avantgardistische Fluchten, ohne Fragmentierung. Auch wenn das Ganze manchmal in Richtung der aufgewühlteren Gewässer des Avant-Jazz-Kuriositätenkabinetts abdriftet, fangen sich beide Musiker im Stil erfahrener Seiltänzer an solch einem Kipppunkt auf und führen den Moment, wo das Chaos aufzublühen droht, zurück in den Zustand des ruhigen Gleitens auf den Gewässern der gewählten Motive. In brillant ergänzendem Gleichgewicht zwischen dem unbeschwerten, freischwingenden und freiheitsliebenden Tanz der Improvisationen, die harmonisch innerhalb der Motivrahmen koexistieren. Ein faszinierendes Diktat, das mit dem Leitmotiv ‚Erwarte das Unerwartete‘ anspricht.
Tatsächlich hörst du auch mal ein ‚Gleiten‘ über die Saiten im Stil von John McLaughlin aus der Zeit, als er sich mit Paco de Lucia und Al Di Meola zusammengetan hat (z. B. Soft Grass). Kurzum. Dieses Album wird jeden aufhorchen lassen, dem das instrumentale Gitarrenspiel streng akustischer, organischer Pastelle am Herzen liegt. Mit zweifellos herausfordernd malerischen Improvisationsmanövern, aber durchgehend nachvollziehbaren Kompositionsfiguren. Gleichwertig. Ohne Dominanz einer Gitarre über die andere. Ergänzend und erfüllend. Eklektisch und, wie ich in diesem Essay schon mehrmals angedeutet habe, grenzenlos bezaubernd.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Ultra Serieux
2. Austrian Lake
3. Coverless
4. Two Sides of a Mountain
5. Sometimes a Bird
6. Free Noses
7. Soft Grass
8. String Dancers
9. Mind Fuel
10. Cornering
11. The Scent of Rain
12. A Word We Heard
Besetzung:
Hasse Poulsen – Akustikgitarre
Samo Šalamon – sechs- und zwölfsaitige Akustikgitarre
