Lifesigns: Altitude
Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 8. 3. 2021
Produktion: John Young & Steve Rispin
Albumlänge: 54.22 Min.
Genre: Neo-Progressive Rock
Wertung: 8.5/10
Die englischen Progger Lifesigns, die 2021 ihr drittes Studioalbum mit dem Titel »Altitude« veröffentlicht haben, haben seit ihrer Gründung 2008 zahlreiche Umbesetzungen erlebt. Von den Gründungsmitgliedern hält nur noch der Chef der Band durch, Keyboarder/Sänger John Young (ex-Greenslade, Quango), der Lifesigns nach dem Abgang der Mitgründer, Bassist/Sänger Nick Beggs und Schlagzeuger Martin ‚Frosty‘ Beedle, nahezu komplett neu formiert hat. Lifesigns bestehen 2021 neben Young aus dem bekannten ungarischen Schlagzeuger Zoltán Csörsz (ex-The Flower Kings, Karmakanic, The Tangent), Gitarrist Dave Bainbridge (The Strawbs, ex-Iona), Multi-Instrumentalist Jon Poole (ex-Cardiacs) sowie Tontechniker Steve Rispin, der ihr fünftes Mitglied ist.
Obwohl manche Lifesigns den Neo-Progressiven zurechnen und sie gerne mit Bands wie Jadis vergleichen, wäre melodischer symphonischer Prog-Rock die treffendere Bezeichnung für ihre Musik — keines der Bandmitglieder war Teil der Neo-Prog-Bewegung, die in den Achtzigern entstanden ist. Youngs frühere Zusammenarbeit mit dem verstorbenen John Wetton, als er 1989 Gastmusiker bei Asia war und später Mitglied von Wettons kurzlebiger Band Quango, hat dazu geführt, dass er einen ziemlich „zugänglichen“ Kompositionsstil entwickelt hat, der durch melodische symphonische Arrangements und eingängige Refrains geprägt ist.
Das hört man schon beim Titelstück, das gleichzeitig als Opener dient: Trotz seiner ausgesprochen melodischen und atmosphärisch schönen Natur enthält es zahlreiche komplexe Keyboard- und Gitarrenpassagen sowie intelligent gesetzte Schlagzeugeinwürfe. Da der Keyboarder den Großteil der Lifesigns-Musik schreibt, ist es wenig überraschend, dass auf »Altitude« reiche symphonische Arrangements das Ruder übernehmen — und die werden auf erlesene Weise gespielt. Gleichzeitig greifen Lifesigns so gut wie nie zu „Retro“-Arrangements oder borgen sich Passagen von bekannteren und etablierteren Prog-Rock-Bands, sodass du beim Hören ihrer Musik nur sehr selten ertappt wirst, wie du dir denkst: „Das hab ich doch schon bei King Crimson, Genesis, Yes, Pink Floyd, Jethro Tull, ELP usw. gehört.“
Der nächste Track, »Gregarious«, der ein episches Gitarrensolo enthält, bestätigt, dass »Altitude« nahtlos an die beiden vorherigen Lifesigns-Alben anknüpft — das heißt, trotz des technisch hohen Niveaus der meisten Musiker gibt es hier keine wilden Experimente oder ausgeprägt komplexe Instrumentaleinlagen. Prog-Liebhaber können das in aller Ruhe und laut hören, ohne das übermäßige Risiko einzugehen, dass die Nachbarschaft, die auf Volksmusik, Trap und Konzernpop schwört, die Tür einrennt. Die größte Stärke von »Altitude« ist die reiche und intensive Atmosphäre der meisten Stücke sowie das außergewöhnliche Gespür dafür, relativ komplexe rhythmische Strukturen mit melodischen symphonischen Arrangements zu verbinden.
Ein Stück wie »Ivory Tower« wäre ohne Youngs kompositorisches Genie, seinen harmonischen Gesang und die außergewöhnlichen instrumentalen Fähigkeiten aller Lifesigns-Mitglieder wohl zweitklassig. Stattdessen zählt es zu den Höhepunkten des Albums. »Shoreline« hat im Eröffnungsteil eine leicht jazzige rhythmische Struktur, ist aber ein durch und durch symphonisch-progrockiges Werk, das auch alle Fans von Bands wie Sound of Contact und Lonely Robot ansprechen wird.
Trotz ihrer scheinbaren Schlichtheit und schnellen Zugänglichkeit im Vergleich zu manchen Vertretern der klassischen und zeitgenössischen Prog-Rock-Szene enthalten die meisten Stücke auf »Altitude« eine intelligent strukturierte Arrangements und hervorragend gespielte Instrumentalpassagen — wie das epische Gitarrensolo auf »Last One Home«. Youngs Gesangsansatz sticht weder in technischer Hinsicht noch durch Einzigartigkeit heraus, doch seine Stimmfarbe fügt sich wunderbar in die überwiegend melancholische und nostalgische Natur der meisten Stücke auf »Altitude« ein. Mit kurzen Keyboard-Soloeinlagen zwischen den einzelnen Kompositionen — etwa im Schlussteil des Epos »Fortitude« — beweist er immer wieder, dass er ein echter Virtuose auf Tasteninstrumenten ist.
Lifesigns beweisen mit »Altitude«, obwohl die Fans mittlerweile in etwa wissen, was sie von ihnen erwarten können, einmal mehr, warum sie zu den feinsten Bands der zeitgenössischen Prog-Rock-Szene zählen. Young und seine musikalischen Weggefährten setzen die erfolgreiche Formel der beiden Vorgängeralben fort und erfinden auf »Altitude« das Rad nicht neu. »Altitude« ist trotzdem — oder gerade deswegen — ein echter Leckerbissen für all jene Prog-Rock-Liebhaber, die schnelle Zugänglichkeit, die melodische Natur der Arrangements und eine erstklassige Atmosphäre der Kompositionen bevorzugen, und für die klangliche Innovation, ständiges Experimentieren, Improvisieren und das Zur-Schau-Stellen individueller technischer Fähigkeiten keine zwingenden Voraussetzungen sind, um Musik zu genießen.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. Altitude
2. Gregarious
3. Ivory Tower
4. Shoreline
5. Fortitude
6. Arkhangelsk
7. Last One Home
8. Altitude (reprise)
Besetzung:
John Young – Keyboards, Gesang
Dave Bainbridge – Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Jon Poole – Bassgitarre, Basspedal, Hintergrundgesang
Zoltan Csorsz – Schlagzeug, Perkussion
