Rojpot: Rojpot
Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 28. 12. 2020
Produktion: Peter Lebar
Albumlänge: 48.16 min
Genre: Elektronik / Ambient / Alternative
Wertung: 8.5/10
Rojpot. Roj und pot. Erste Assoziationen? Insekten und Schweiß. Noch eine? Frank Zappa. Wie kommt der jetzt dazu? Na ja, jener Vers von ihm »über die endlose Qual«: »Fliegen, alle grün und surrend…«. Fliegen im Schwarm? Selten. Doch wenn’s ausgerechnet die grünen sein müssen, dann sind das genau jene metallisch glänzenden, bei denen schnell klar wird, wo und wann sie sich im Schwarm versammeln. Immer dann, wenn in unseren Alltag das Phänomen körperlicher Schöpfung von inhaltlichem Charakter mit streng abschreckender Herkunft Einzug hält. Steigen wir raus aus den Assoziationen, zurück in die Realität, und schließen das Intro mit mehr bedeutungsvollem Sinn ab. Das einleitende Klangmuster des geflügelten Schwarms – ob aus der Ordnung der Hautflügler oder der Zweiflügler – das das Album namens »Rojpot« eröffnet, kündigt tatsächlich die Substanz des Albums an, wie sie in die diesmalige Rezensenten-Klemme geraten ist (’schwärmender Wegweiser in den Klangschund‘).
Hinter dem Musikprojekt Rojpot und dem gleichnamigen Debüt steckt der Ljubljaner Musikvisionär Peter Lebar. Das Album »Rojpot« bringt ein neues, völlig eigenständiges musikalisches Abenteuer und gilt als Besonderheit im slowenischen – und darüber hinaus auch im weiteren – Musikraum. Die Manöver der Verquickung elektronischer Musik, elektronischen Samplings und Programmierens mit Jazz und Elementen der alternativen Rockmusik überraschen in der slowenischen Musikszene nicht mehr. Damit haben wir hier langjährige, reiche Erfahrungen und dementsprechend ein üppiges Arsenal an Künstlern, die so etwas wie eine eigenwillige Welle der alternativen Musikkultur kreiert haben. Das hat schon Tradition. Gut ist aber, dass sich Künstler, die sich in solchen Sphären der Genreverschmelzung versuchen, stets jenes heiß begehrte Stück Eklektizismus erkämpfen, das sie in ihr musikalisches Milieu einbauen – als Schöpfer klar wahrnehmbarer musikalischer Vielfalt. Das Album »Rojpot« ist auch so eines.
Mit Ausnahme der Arrangements für zwei Albumtracks ist das Album »Rojpot« vollständig das musikalische Werk von Peter Lebar. Das Projekt als Ganzes ist sehr leichtfüßig konzipiert und vermittelt das Gefühl völlig freiheitsliebender und frei drehender Offenheit – Offenheit gegenüber der Integration von Ideen und dem Kern der Suche nach einem fortwährend versöhnlichen Dialog vieler musikalischer Elemente in einem stets hörenswerten, aber eklektischen Format. Die Gerüste (Kulissen) der Stücke, die auch auf programmierten Samples und Pastellen der Synthese basieren – voll integrierte Tasteninstrumente, Gitarren, Blasinstrumente, zusätzliches Schlagzeug –, zwei Tracks sind auch vokal, obwohl, Hand aufs Herz, solche Musik Gesang nicht unbedingt braucht, es sei denn, er wird als zusätzliches Instrument eingesetzt. »Rojpot« besitzt reichlich transzendentales Dahintreiben, bringt also eine Trip-artige Erfahrung, da die Phrasen mehrfach-repetitiv sind – das Musikerkollektiv schichtet weise, geschickt und sehr achtsam sowie bedächtig Klangebene auf Klangebene, aus der eine üppige Klangmasse wächst, nennen wir’s ruhig einen eigenwilligen Klangkörper. Doch das tun sie mit großer Geduld und, wie gesagt, Bedächtigkeit. Die Versöhnlichkeit des Hinzufügens von Elementen – vor allem Jazz und Funk – in das elektronische Musikmilieu schafft durchweg hochattraktiven musikalischen Inhalt. Gerne gehört. Ohne jedwede Ausreißer und Fluchten in Richtung avantgardistischer musikalischer Absonderlichkeiten. Die Musik trägt einen deshalb mit sich fort, da sie durchweg hohe Musikalität besitzt – außer in ausgewählten Momenten wie dem (Vokal-)Track Svet distrakcije, der das angesichts seiner eigenen Botschaft (des Titels) auch gar nicht darf. Bei aller sonstigen düsteren Natur erreicht das Album durchweg hohe vibrierende rhythmische und musikalische Dynamik – weshalb es viele verschiedene Hörerinnen und Hörer ansprechen wird.
Im nächsten Abschnitt ist Pragmatismus beim Beobachten des musikalischen Phänomens aller Erscheinungsformen aus mehreren Blickwinkeln gefragt. Die Musik des Albums »Rojpot« wird positiv überraschen und auf ihre Seite ziehen – ruhig gesagt: das Interesse wecken – bei all jenen Hörern, die in erster Linie elektronische Musik »schwarzer Natur« anzieht, wo Parallelen zu den Errungenschaften von Krautrock, N.D.W. und I.D.M. nicht zu vernachlässigen sind sowie zu größeren Künstlern von den Trip-Hop-Pionieren Massive Attack bis zu – für die slowenische Musikalternative – stets interessanten und experimentellen Künstlern wie: Bowrain, den Unternehmungen von Aleksander Arsov unter dem Pseudonym Unhappy, bis hin zu Kontradikshn. Auch wenn diese schnell hingeworfenen Vergleiche dem (beliebigen) Leser dieses Texts eher als flüchtiger Orientierungspunkt dienen denn als solides Gerüst dafür, wo musikalisch die Reise hingeht, besteht zwischen den genannten Künstlern (wenn auch locker) eine gewisse künstlerisch-inhaltliche Verbundenheit und ‚Vertrautheit‘, die für einen ähnlichen Typ Musikpublikum attraktiv sein wird.
Das Vokabular ist durchweg zumindest einen Hauch düster, die ‚Elektronik‘ trägt ständig zumindest minimalen Kontakt mit solchen Klangpastellen, weshalb das Album einen klaren alternativen musikalischen Charakter besitzt und definitiv ein Vertreter der slowenischen ‚Underground‘-Szene ist.
Das Debüt ist so aufgestellt, dass es in seinem Artismus unzählige Optionen, Sprungbretter für die künftige Pflege des eigenen musikalischen Vokabulars bietet. Es begeistert durch eigenständige Entwicklung, durch das eigenwillige Zusammenspiel von klanglicher und inhaltlicher sowie ideeller Durchdringung der musikalischen Elemente und Bausteine der Klanglandschaft, das den Hörer zu überraschen und aufzuwühlen vermag – sowohl im Moment des mutigen musikalischen Experimentierens als auch im präzisen Fokus der arrangierenden Formatierung, was dem Album einen eigenständigen Glanz musikalischer Ästhetik verleiht. Deshalb wird es überaus interessant sein, die Unternehmungen von Peter Lebar und dem Kollektiv der beteiligten Musiker künftig zu verfolgen. »Rojpot« ist ein Werk von inhaltlicher Durchdringung und hochflexiblem musikalischem Intellekt seiner Schöpfer.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Intro (00:37)
2. Espressivo introverte (02:54)
3. Svet distrakcije (03:51)
4. Chembaluminescence (06:10)
5. Safely removed from harem (08:24)
6. Kamikaza bot (03:43)
7. 7 (01:59)
8. Banditen und polizisten (03:29)
9. Orange air (06:35)
10. Cosmic super highway (04:17)
11. Bee (06:10)
Besetzung:
Peter Lebar – Arrangements, Programmierung, Tasteninstrumente
Gastmusiker:
Katarina Nasteska – Gesang auf Track Nr. 3 und 6
Januš Luznar – Gesang auf Track Nr. 9
Adrien Douliez – Saxophon auf Track Nr. 2
Boštjan Franetič – Gitarre auf Track Nr. 2
Elvis Sedić – Gitarre auf Track Nr. 5
Alan Ropoša – Gitarre auf Track Nr. 9
Frank Hopman – Schlagzeug auf Track Nr. 3
Aljaž Košir – Schlagzeug auf Track Nr. 5
