Mi2: Črno na belem
Label: ZKP RTV SLO
Erscheinungsdatum: 1. 4. 2021
Produktion: Drago Popovič
Albumlänge: 45:12 min
Genre: Art Rock/Rock’N’Roll
Wertung: 10/10
»Črno na belem« ist das achte Studioalbum der mittlerweile legendären slowenischen Rock’n’Roll- und Art-Rock-Formation Mi2. Mi2, die als eine der beliebtesten slowenischen Rockbands aller Zeiten gelten, sind längst zu einer gesamtgesellschaftlichen Institution geworden — einer echten Volksrock-Band.
Dass die Gruppe im Laufe der Zeit in Slowenien in den Rang musikalischer Ikonen aufgestiegen ist, belegt auch der große Erfolg des Vorgängers »Čista jeba«, der 2014 erschien, sich in Goldauflage verkaufte und der Band die Goldene Flöte für das beste Album des Jahres einbrachte.
Was macht Mi2 so unverwechselbar, dass sie in der Liga der slowenischen Rockbands klar herausstechen? Tja, einiges — aber man könnte vor allem auf ihre außergewöhnlich starke Poesie verweisen: die Kunst, eindringliche Botschaften funkensprühend zu vermitteln und Lyrik durch den Kern des Rock’n’Roll zu interpretieren.
Mit dem neuen Album ist die Gruppe offiziell zum Sextett geworden. Sie hat einen langjährigen Studiogefährten, der ihnen schon immer an den Keyboards geholfen hat, in ihre Reihen aufgenommen: den faszinierenden Davor Klarič. Endlich, würde man sagen, ist damit das Tüpfelchen auf dem i gesetzt. Seine Aufnahme in Mi2 wirkt so natürlich und selbstverständlich wie das Atmen von Sauerstoff. Mit Klarič an Bord öffnet sich ein neues Spektrum an musikalischen Manövern, die die Gruppe noch nicht erprobt hat — sein Anteil ist prägend im Sound des neuen Albums spürbar (besonders im Stück Kakor nekoč zeigt er mehrere Gesichter seines scharfsinnigen Witzes). Im aufmunternden und positiven Le zaspi fügt Klarič Klänge hinzu, die man bei Mi2 so nicht gewohnt war, die aber vollkommen willig und kompatibel wirken — damit hat die Band etwas Neues geliefert. Obwohl Davor schon lange mit der Gruppe verbunden ist, fällt seine Verspieltheit beim schelmischen Einstreuen dekorativer Einlagen stärker auf, ist wahrnehmbarer, und mit dem Sound der neuen Mi2 kommuniziert er noch natürlicher. Der Sound des neuen Albums als Ganzes spricht einen unglaublich voll, kompakt, kontrastreich, packend und organisch an. Die Produktion ist außergewöhnlich, das Klangbild strotzt vor brillanter Dreidimensionalität. Die Bassdrum tritt kontrastreich in den Vordergrund, belebt Phrasen mit einer Folge musikalischer Linien, ist allgegenwärtig und erzeugt auf dem Album einen unglaublichen »Drive«. Der gitarristische »Jangle«-Sound ist hervorgehoben und befreit. Ein wahres Beispiel höchsten Artismus und kompositorischer Reife, die Mi2 im Jahr 2021 erreichen, sind in dieser Hinsicht die Stücke Le zaspi und Kakor nekoč, wo die Gruppe besonders meisterhaft Atmosphäre aufbaut und von der Strophe zum Refrain hin steigert. Dann ist da noch Midva (ohne die Zahl 2). Ein Track, der irgendwie im Stil der Achtziger geschrieben ist, der konzeptuell 1983/84 irgendeiner U2 hätte entwischen können, wo Klaričs Hammond anspricht, als wäre er dem The Who-Album „Who’s Next“ (1971) entlaufen. Pfiffig.
Das Album »Črno na belem« entstand in Pausen — in der Zeit zwischen 2017 und 2021. Das ist der Beweis, dass die Jungs es nirgendwo eilig hatten. Sie gingen die Dinge an, wenn die Zeit reif dafür war. Also haben sie nichts mit Gewalt erzwungen. Deshalb entwickelt sich bei Mi2 alles sehr natürlich und vollkommen ehrlich. »Črno na belem« ist ein Album, das einen grenzenlos berührt. Ein Album, das den Hörer umhaut. Immer wieder und wieder. Und das ist bei Mi2 eigentlich nichts, was man nicht schon von früher kennen würde. Sie sind Poeten, die durch Melodie und Interpretation einer Botschaft jenen Verlängerungsarm geben, der einen packt und in einem Gefühle weckt, der einen bewegt, berührt. Angesichts der außergewöhnlichen Erfahrung des Teams und des konkreten Zeitintervalls von sieben Jahren, in dem das Album entstand, ist das Ergebnis in seiner Gesamtheit glänzend — und die Art-Charisma dieser einzigartigen slowenischen Rock’n’Roll-Gruppe erstrahlt erneut mit voller Intensität. Makellos. Elf Tracks sind elf abgeschlossene Einheiten, jede mit ihrem eigenen musikalischen Ausweis, ihrer Akte, ihrer Geschichte.
Mi2 bleiben gesellschaftskritisch (mit einem punkrock-verseuchten, aufgebrachten Zwitschern bei Joj, joj, joj), schelmisch, luzide und ironisch (der stolpernde Kabarett-Walzer Čavun (untermalt von einem Honky-Tonk-Klavier), Adam in Eva, die SKA-Funk-Explosion Proklete vijolice, das hardrock-mäßig aufgeblasene Slepi šus, der abschließende Walzer-Polka Počasi Matilda, …) — aber auch mystisch, besonders sinnlich und melancholisch, nostalgisch und sehnsuchtsvoll (Kakor nekoč, Le zaspi, Lanski sneg, Midva). Die Tracks sind künstlerisch außergewöhnlich stark und werden mit der Zeit zu Evergreens im eisernen Repertoire der Konzertauftritte heranreifen. Solange die Band so prägende Tracks schreibt wie das grenzenlos entflammbare Proklete vijolice, hält sie den lebendigen Kontakt zum psychologischen Profil dieser Trubar’schen »jungen und schönen Slowenen«. Die Vokal-Kompositions-Achse Kregar-Dirnbek bleibt unvergänglich.
»Črno na belem« ist ein phänomenales neues Album von Mi2. Man kann nichts hinzufügen, nichts wegnehmen. Ein vollendetes Werk von großer künstlerischer Ästhetik. Reifer, verrückter und immer besser. Die Geschichte hört nicht auf. Mi2 bleiben im Jahr 2021 fest im Sattel ihres musikalischen Visionärtums und liefern ein faszinierendes neues musikalisches Kapitel auf ihrem langen und gewundenen Weg eines grenzenlos eindringlichen und prägenden Rock’n’Roll-Messens.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Joj joj joj
2. Midva
3. Ljubezen na žlico
4. Proklete vijolice
5. Slepi šus
6. Lanski sneg
7. Kakor nekoč
8. Le zaspi
9. Čavun
10. Adam in Eva
11. Počasi Matilda
Besetzung:
Tone Kregar – Gesang
Jernej Dirnbek – Gitarre, Gesang
Egon Herman – Gitarre, Hintergrundgesang
Davor Klarič – Keyboards, Hintergrundgesang
Robert Novak – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Igor Orač Peter – Schlagzeug, Hintergrundgesang
