Frost*: Day And Age
Label: Insideout Music
Erscheinungsdatum: 14. 5. 2021
Produktion: Frost*
Albumlänge: 53.16 min
Genre: Neo-Progressive Rock/Art Rock
Wertung: 9.0/10
Frost* ist eine britische Art- und Neo-Progressive-Rock-Band, hinter der drei außergewöhnliche Musiker stehen. Der Erste ist Jem Godfrey, Gewinner des Ivor Novello Award für die meistverkaufte Single des Jahres 2006 – nämlich für den Song That’s My Goal, der als musikalische Untermalung in The X Factor, der britischen Talentshow im Fernsehen, verwendet wurde. Das ist auch der Mann, der hinter den Hits der Pop-Band Atomic Kitten steckt sowie hinter anderen Pop-Ikonen (u. a. Paul Young, Holly Johnson, Tony Hadley). Dieser Mann rettete 2012 die Tournee von Joe Satriani, als er kurzfristig für Mike Keneally einsprang – und im selben Jahr half er auch Steve Vai auf Tour. Dann ist da der Jüngere der beiden Kings: Nathan (It Bites), der den Bass ‚zupft‘ nach dem Vorbild seines berühmten Bruders Mark King. Mark wurde noch in den Achtzigern mit der legendären Art/Pop-Sensation Level 42 bekannt. Das dritte Mitglied im Bunde ist der ‚allgegenwärtige‘ Gitarrist John Mitchell, der mit seiner Aktivität auf der Szene seit mehr als zwei Jahrzehnten einen der enorm wichtigen Grundpfeiler darstellt, die den ständig lebendigen Progressive-Rock-Puls auf britischem Boden am Leben erhalten – auch wenn dieser nach dem Aufblühen in den Siebzigern komplett ‚abgetaucht‘ ist und nur noch denen zugänglich ist, denen es 2021 noch vergönnt ist, Musik ‚mit eigenem Kopf‘ zu entdecken. Alle drei gelten auch als außergewöhnliche Toningenieure und Produzenten und sind dazu noch hervorragende Komponisten. Mitchell hat sich über die Jahre hinweg auch zu einem sehr guten Sänger entwickelt.
Kurzum, mit dem Trio ist nicht zu spaßen. Einst ein Quintett, heute ein Trio. Die Band hat fünf Jahre lang kein Album veröffentlicht. Die Antwort ist simpel. Die Einzelnen sind mit einem Haufen verschiedener Musikprojekte völlig ausgelastet, und »Day And Age« ist damit erst das vierte Frost*-Album. Wenn man nur Mitchell unter die Lupe nimmt: In den Zwischenjahren hat er Alben mit Kino und Arena aufgenommen und veröffentlicht, vor allem aber widmete er sich den kreativen Manövern rund um sein neues Projekt The Lonely Robot. In dieser Zeit startete er auch sein eigenes Musiklabel White Star Records. Das konzentriert sich auf die Suche nach Progressive-Rock-Talenten, die auf den Britischen Inseln immer wieder auftauchen, darunter Kepler Ten, Kyros oder Voices From the Fuselage.
Das Trio entschied sich, für das neue Album keinen festen Schlagzeuger mehr in den Reihen zu haben. Für »Day And Age« tat man sich daher mit drei phänomenalen Schlagzeugern zusammen, die dem Trio im Studio halfen. Kaz Rodriguez (Chaka Khan, Josh Groban), Darby Todd (The Darkness, Martin Barre) und Pat Mastelotto (Mister Mister, King Crimson, Ork) – das sind die Namen, und diese Namen sprechen für sich.
Mit »Day And Age« haben Frost* bis dato zweifellos ihre reifste Studioarbeit abgeliefert. Ihren Sound haben sie stets eigenständig und für Musikkenner stets reizvoll gestaltet, doch dass sie musikalisch mit den Jahren reifen, belegen besonders eindringlich die vergangenen fünf Jahre, die seit dem konkret anders gelagerten Vorgänger – Godfreys persönlichem Konzeptwerk über die Midlife-Crisis »Falling Satellites« (2016) – verstrichen sind. Irre ist, wenn du feststellst, dass das Album »Day And Age« keine Gitarrensoli braucht und auch nicht mehr gelegentlich ‚alternativ‘ klingt wie die beiden vorangegangenen Studioalben. Ja. Bei einem Namen wie John Mitchell braucht dieses Album keine Gitarrensoli. Der Eröffnungstrack – das längste Stück des Albums, nämlich der Titeltrack – liefert in seinen elf Minuten kein einziges Solo, bietet dafür aber eine ungemein packende Phrase, die von einem außergewöhnlichen rhythmischen »Drive« getragen wird, der dich sofort in seinen Bann zieht. Er klingt wie ein radiofreundlicher Hit, bei dem keine einzige Sekunde der gewaltigen 11 Minuten langweilt. Der Track dreht sich, als würdest du mit den Augen zwinkern. Dieses enorm geschickt geführte Hauptmotiv, das sofort unter die Haut geht, taucht im Schlussteil des Songs Kill The Orchestra wieder auf.
Aber gehen wir der Reihe nach vor. Um das Gesamtbild noch vollständiger zu zeichnen, lohnt es sich auch zu erwähnen, in welchem Umfeld das Album aufgenommen und komponiert wurde. Das Trio begab sich im Januar 2020 in ein Studio, das in einem Küstenleuchtturm in Dungeness in East Sussex eingerichtet ist. Mitten im Winter, wenn täglich kaum ein Sonnenstrahl zu erhaschen ist, 30 Fuß vom Meer entfernt, ausgesetzt dem heulenden Wind, dem Klatschen riesiger Wellen, dem Knistern der Funken des nahen Kraftwerks und dem Blinken blendender Lichtbündel des Leuchtturms. Hier entstanden die Songs Terrestrial und Repeat To Fade – und angesichts des eben Beschriebenen überrascht das hysterische Schreien Mitchells in Repeat To Fade – ‚genießt es, ihr Rotznasen!!!‘ – ins Mikrofon nicht im Geringsten. Diesen Moment wollte die Band nicht nur auf dem neuen Album haben, sie musste ihn schlicht draufhaben. Deshalb ist die Atmosphäre dieses Albums stellenweise auch düsterer. Für Briten ist es kein Problem, dieses Element in die Musik zu rufen, doch bei Frost* spricht diese Düsternis diesmal noch intensiver. Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht brillant.
Das neue Frost*-Album ist konkret ‚modernisiert‘. Da sind die Talente, und dazu kommt die unglaubliche Aktivität Mitchells innerhalb der vergangenen paar Jahre im Rahmen des Projekts The Lonely Robot, die so manche kompositorische und energetische Schwingung auf das neue Frost*-Album überträgt. Genau mit dieser Aktivität hält der Musiker seine hervorragende kompositorische Form. Auf »Day And Age« ist auch die offensichtliche ästhetische Verwandtschaft mit Elementen der New-Wave/Synth-Rhetorik der Achtziger stark präsent, was auch in den Kontext der Verbindung mit der neuen Generationswelle passt – wie etwa die aktuellen Werke der Gruppe Kyros; dabei denke ich besonders an den neuen Frost*-Song The Boy Who Stood Still, wobei die neuen Frost* sogar den Geist des Rush-Trios der Mitte der Achtziger heraufbeschwören. Kurzum, ein sehr abwechslungsreiches, lebendiges Album, vollgepackt mit einer packenden Atmosphäre, die spielerisch Mystik und Melancholie beschwört und erschafft. Es ist ein außergewöhnlich vollendetes Art-Rock-Album, das ausdrucksstark geschlossen wirkt und wie eine kohärente Energiebombe mit ausgeprägtem Pomp-Drama-Theater mitreißt. Die Kontraste zwischen den Klangbausteinen sind raffiniert intensiviert, die klangliche Natur des Werks strahlt in einem erreichten dreidimensionalen ‚Atmen‘. Die musikalische Klangwelt des Albums ist vollblütig ausgeschöpft und ausgefüllt. Es ist ein Album, dem man sich einfach hingibt und das einen trägt, trägt, führt. Einen solchen Artismus von einzigartigem Wert findet man auch in der Natur der Alben von Gruppen und Projekten wie It Bites, Kino und dem bereits erwähnten Projekt The Lonely Robot. Diese letzte Feststellung überrascht kaum. Diese Tatsache war still und heimlich zu erwarten.
Wie der Titel sagt. Tag und Alter. Reife kommt mit den Jahren, erleuchtet in einem Tag, der den einzigartigen Moment wunderbarer Kontemplation und magischer Wahrnehmung dreier ‚musikalischer Übersetzer‘ bringt. Fans der Gruppe und aller in dieser Rezension genannten Künstler werden ohne weiteres Gerede schlicht begeistert sein.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Day And Age
2. Terrestrial
3. Waiting For The Lie
4. The Boy Who Stood Still
5. Island Life
6. Skywards
7. Kill The Orchestra
8. Repeat To Fade
Besetzung:
John Mitchell – Gesang, Gitarre
Jem Godfrey – Keyboards
Nathan King – Bass
Gastmusiker:
Pat Mastelotto – Schlagzeug
Kaz Rodriguez – Schlagzeug
Darby Todd – Schlagzeug
