Gojira: Fortitude
Label: Roadrunner Records
Erscheinungsdatum: 30. 4. 2021
Produktion: Joe Duplantier
Albumlänge: 51.52 min
Die französische Band Gojira ist im letzten Jahrzehnt nicht nur zur bekanntesten französischen Metal-Band aufgestiegen, sondern befindet sich auch ganz an der Spitze der aktuellen Szene. Jedes Album wird mit größerer Spannung erwartet als das vorherige, sodass die Euphorie rund um das neue Album diesmal noch größer war als beim 2016 erschienenen Magma. Seit dem letzten Werk sind also rund fünf Jahre vergangen. Fortitude hätte eigentlich schon letztes Jahr das Licht der Welt erblicken sollen, doch die Pandemie stoppte die Postproduktion und verschob alles nach hinten.
Mit Magma zeigten Gojira ihre emotionalere Seite – eine direkte Folge des Todes der Mutter der Brüder Duplantier. Das Album wurde überraschend gut aufgenommen, sowohl von den Fans als auch von der Kritik. Gojira wissen trotz der Abkehr von ihrem ursprünglichen Stil auch mit einem etwas anderen Ansatz zu überzeugen. Es wäre naheliegend gewesen, dass die Band diesen Weg einfach weitergegangen wäre. Gojira hat seit dem Debüt Terra Incognita (2001) eine handfeste stilistische Wandlung vollzogen. Die Anfänge waren zweifellos Death-Metal-lastig, doch mit jedem Album haben sie mehr Groove eingebaut und dabei gleichzeitig die Technik beibehalten.
Mit jedem Album versuchen Gojira, etwas Neues einzuweben, was auch eine Art natürlichen Fortschritt zeigt – und ihre Musik ist dadurch zugänglicher und publikumsfreundlicher geworden. Die Songs sind einfacher strukturiert, die Refrains stehen noch stärker im Vordergrund. Auf der anderen Seite steckt noch immer genug Technik drin, um das Ganze richtig interessant zu machen. Mit ihrem einfallsreichen Stil machen Gojira offensichtlich vieles richtig: Das Magazin Metal Hammer kürte sie unlängst zur wichtigsten Metal-Band des Jahrzehnts. Und auch in Slowenien gehören sie zu den begehrtesten Bands überhaupt.
Das lang ersehnte Fortitude eröffnet zweifellos vielversprechend mit Born For One Thing. Anders als bei früheren Werken steigen Gojira diesmal zerstörerisch und wuchtig ein, was in einem Breakdown gipfelt. Assoziationen zu From Mars to Sirius und The Way of All Flesh sind hier absolut gerechtfertigt. Doch bereits danach folgt Amazonia, mit dem sie einen Gang zurückschalten. Das Tempo beruhigt sich ein wenig, und der Song erinnert deutlich an Sepulturas Album Roots – nur dass Gojira das Ganze weiter ausgefeilt und auf ein höheres Produktionsniveau gehoben haben. Mit dem Song machen Gojira außerdem auf den bedrohten Amazonas-Regenwald aufmerksam, der jedes Jahr durch menschliche Zerstörung schrumpft. Die Band weist seit geraumer Zeit auf ökologische Katastrophen hin, und an diesen Themen wird ihr so schnell nicht der Stoff ausgehen.
Another World haben Gojira bereits letztes Jahr vorgestellt. Da es sich nicht gerade um das herausragendste Stück handelt, fielen die Reaktionen eher gemischt aus. Es ist schlicht ein durchschnittlicher Song, der am stärksten im Refrain zur Geltung kommt. Hier wird auch deutlich genug, dass Gojira aufgehört haben, sich in Strukturen zu verheddern, und stattdessen starke Refrains in den Vordergrund stellen – die auf großen Konzerten natürlich ein Magnet für das Publikum sind. Wenn Another World nicht ganz überzeugt, dann trifft Hold On hingegen voll ins Schwarze. Nach einem längeren Intro, das mit verträumten a-capella-Vocals beginnt, bauen Gojira schrittweise mit Schlagzeug und Gitarren auf, bevor sie mit ihrem zerstörerischen Stil und einem kraftvollen Refrain explodieren, in dem sogar „Gang“-Vocals auftauchen. In einem ähnlichen Stil, mit dem sie ihren Groove und ihre Technik wahren, machen sie mit New Found weiter. Vor allem zeigt sich dabei eine gewisse Konsistenz.
Einer der wohl überraschendsten Songs, den Gojira hier bieten, ist The Chant, der als Fortsetzung des gleichnamigen kurzen Instrumentalstücks fungiert. Der Song wird von einem „aaaaaaah oooooooh“-Gesang begleitet, was Assoziationen zu System of a Down und Mastodon weckt. Joe Duplantier setzt ausschließlich auf melodischen Gesang, und auch ein Solo wurde eingebaut – wieder etwas Neues. The Chant wirkt auf seine Art wie eine fröhlichere Version von Shooting Star vom Vorgänger. Ein Schwenk, den man nicht erwartet hätte, aber am Ende zeigt sich, dass genau solche Abweichungen dem Album enorm viel Dynamik verleihen. Natürlich wird der Song nicht bei jedem Fan Anklang finden.
Als Gegenpol zu The Chant liefern Gojira gleich als nächsten Track das wuchtigere Sphinx, das mit einem ziemlich charakteristischen Gojira-Groove und Nachdruck punktet – mehr nach dem Geschmack derer, die das härtere Gojira bevorzugen. Die wilde Seite halten sie mit Into The Storm aufrecht, in dem Schlagzeuger Mario Duplantier mit einfallsreichen Polyrhythmen glänzt. Der Refrain dämpft die Wucht zwar etwas, aber den Gesamteindruck trübt das kein bisschen.
Mit The Trails kommen Gojira wieder zur Ruhe. Duplantier setzt erneut auf melodischen Gesang, das Ganze wirkt verträumt und atmosphärisch – eine hervorragende Entspannung vor dem Abschlussstück Grind, mit dem Gojira ihre aggressivere und wuchtigere Seite zeigen.
Gojira haben also wieder Neues ausprobiert, was nicht unbedingt jedem Hörer gefallen muss – doch als Gesamtwerk überzeugt das Album durch seine Vielfalt und den einen oder anderen unerwarteten Schwenk. Die Songs sind durchdacht geschrieben, und auch wenn die Strukturen nicht mehr ganz so komplex sind, haben sie dafür Anfang und Ende. Gut möglich, dass das Album erst nach ein paar Durchläufen so richtig unter die Haut geht – oder wenn es dann tatsächlich zum Test kommt, wie sich die Songs live schlagen. Auch Magma gewann mit der Zeit mehr Respekt, nachdem die ersten Reaktionen noch eher gemischt waren.
Auch die Produktion verdient Lob. Die Umsetzung ist wieder überzeugend, und am Sound selbst gibt es nichts zu meckern – er ist mehr als gut. In knapp 52 Minuten zeigen Gojira, dass es ihnen nicht an Kreativität mangelt. Ebenso souverän ist die Ausführung. Joe Duplantier hat mit seinem Gesang begonnen, stärker zu experimentieren und setzt nun noch mehr auf melodischen Gesang, wodurch das Album auch auf der melodischen Seite gewonnen hat. Das herausragende Mitglied bleibt Schlagzeuger Mario Duplantier, der heute einer der angesehensten Drummer im Metal ist. Sein Rhythmusgefühl macht Gojira nach wie vor so besonders und verleiht den eigentlich simplen Gitarren erst ihren eigentlichen Sinn. Dabei sollte man die anderen Mitglieder nicht vergessen: Alle Instrumente sind klar hörbar, einschließlich des Basses, der sogar die eine oder andere eigene Linie einwirft.
Gojira sind nach fünf Jahren stärker denn je zurückgekehrt. Fortitude darf sich wie seine Vorgänger mit sehr guter Produktion, Vielfalt, Wucht, einem starken Rhythmusfundament und natürlich Technik brüsten. Mit dem Album bewahren sie ihren Stil und erkunden gleichzeitig neue Territorien – womit sie vielleicht auch ein etwas anderes Bild für die Zukunft andeuten. Wohin Gojira in Zukunft allerdings gehen werden, lässt sich kaum vorhersagen, denn sie verstehen es immer noch zu überraschen.
8,5/10
Tracklist:
1. Born for one Thing
2. Amazonia
3. Another World
4. Hold On!
5. New Found
6. Fortitude
7. The Chant
8. Sphinx
9. Into the Storm
10. The Trails
11. Grind
Besetzung:
Joe Duplantier – Gesang, Gitarre
Mario Duplantier – Schlagzeug
Christian Andreu – Gitarre
Jean-Michel Labadie – Bass