Crack The Sky: Tribes
Label: Carry On Music
Erscheinungsdatum: 15. 1. 2021
Produktion: John Palumbo
Albumlänge: 63.17 min
Genre: Art Rock
Wertung: 9.0/10
Crack the Sky sind eine altgediente amerikanische Rockband – genauer gesagt eine Progressive-Rock-Band –, die mit ihrem Debüt 1975 bei Musikern und Kritikern für mächtig Staub gesorgt hat. Das Musikmagazin Rolling Stone kürte das gleichnamige Erstlingswerk zum Debütalbum des Jahres. Die Band hat sich nie aufgelöst. Im Sextett sind heute noch drei Originalmitglieder, und den kreativen Kern verkörpert seit jeher die Figur des Sängers, Hauptkomponisten, Produzenten und Multi-Instrumentalisten John Palumbo.
»Tribes« ist ein Album der Reflexion über die Zeit, in der wir leben. Auf globaler Ebene – obwohl es sich auf die Kritik der amerikanischen Gesellschaft konzentriert. Die Band hat in ihrer Karriere stets gerne und unbeschwert zwischen den Genres gesurft und sie geschickt zu einem eigentümlichen musikalischen Konglomerat verschmolzen. Was das angeht, trifft die Bezeichnung Art Rock heute wohl am besten. Das neue Album enthält 13 Tracks. Das ist viel, wirklich viel, und es ist über 63 Minuten lang. Die Jungs hätten durchaus die eine oder andere Idee für später aufheben können – aber egal. Sie haben es anders empfunden. Dass alles raus muss. Aufs Album. Vielleicht ist es das letzte. Palumbo ist nämlich bereits in seine achte Lebensdekade eingetreten.
»Tribes« ist stellenweise ein äußerst düsteres, aber auch donnerndes Album. Wütend, zornig, anklagend – und durchgehend fest auf dem Boden. Das kündigt der eröffnende Titeltrack an. Äußerst eindringlich in der Hauptphrase und der ausgefeilten Refrainmelodie – und die Band bestätigt damit sofort ihr geschärftes Art-Profil, garniert mit dem Ornament zusätzlicher Percussion im Outro des Songs. Die Mandoline in Another Civil War, einem Stück aus völlig anderem Holz geschnitzt, bestätigt dieses brillante, verinnerlichte Gespür im Kombinieren musikalischer Elemente, das der Musik von Crack the Sky das Prädikat „Musik mit Köpfchen“ verleiht. Another Civil War trägt auch ein schelmisch eingeschmuggeltes Flötenornament im Outro, bei dem es um die Integration eines bewusst „verzerrten“ Motivs der Konföderiertenhymne geht.
Die Botschaften der Texte bringen einen zum Nachdenken. Und diese Poesie übersteigt alle Unterschiede zwischen den Menschen. Zwischen den (politischen und anderen) Lagern, denen Menschen sich anschließen oder folgen – denn am Ende zählt nur eines: gesunder (indianischer) Menschenverstand auf individueller Ebene. Unterschiede überwinden kann man natürlich nur durch Liebe, und die Band flicht in Another Civil War sinnvoll die Zeile ein: »Die Liebe siegt.« Und in der heutigen Zeit ist das umso wertvoller. Der eigentlich größte Wert überhaupt. Den eigenen Kopf zu behalten und die Kraft zu bewahren, für jede eigene Handlung Verantwortung zu übernehmen.
So viel Schärfe, so viel Zorn war nicht zu erwarten (die Tracks Another Civil War, Stranger in a Strange Land, eine Strophe in Quick – verblüffen in dieser atmosphärischen Entwicklung) – und doch. Darauf deutet schon das ausgezeichnete Cover hin, das ich eher irgendeinem Punk/Hard-Rock-Hybrid vom Schlage eines Warrior Soul zuordnen würde. Dieses Cover verkörpert perfekt den Widerschein des Zustands auf globaler Ebene, dem wir im vergangenen Jahr beiwohnen.
Da dies aber ein Art-Rock-Album ist, besitzt es seine eigene, ihm ureigene musikalische Form, die sich durch das diskografische Œuvre der Karriere verfolgen lässt und – wie gesagt – in der auralen Essenz von Palumbo, Schlagzeuger Joey D’Amico und Gitarrist Rick Witkowski vereint ist. »Tribes« ist nämlich ein neu bemessener Schritt auf dem Weg der natürlichen Selbstevolution der Band. Hier sucht man keine hochglanzpolierten, technisch komplexen Eskapaden – nur das vollständige Folgen der Gefühle beim Aufbau der Atmosphäre. Auf »Tribes« präsentieren sich Crack The Sky als eine unglaublich stimmige, naturwüchsige musikalische Entität, die unter ihr artistisches Dach die Einflüsse von Punk, altem Rock der Siebziger, neo-klassischen Ansätzen (Integration von Streicher- und Bläserarrangements), Folk (Country) und Pop verschmilzt. Die Band schämt sich auch nicht, mit der Integration programmierter Patterns zu experimentieren (Dear Leaders).
Palumbo ist nicht als technisch brillanter Sänger bekannt. Aber er trägt eine außergewöhnliche Ausstrahlung und funktioniert brillant im auralen Bild der Songs selbst. Gleichzeitig deckt die Band den Sänger phänomenal mit zusätzlichen Backing-Harmonien ab, und der Gesang wird mehrfach auch bewusst mit Effekten bearbeitet. Vor allem in den Tracks, die ausgesprochen düster sind.
Die Gitarre ist ausgesprochen rockig-beißend, und manche Riffs springen einem buchstäblich ins Ohr! So wie bei Blowing Up Detroit. Der vierte Track des Albums, auf dem Crack the Sky ihren ausgereiften, verinnerlichten Sinn für Musikalität endgültig bestätigen. Auch auf der Ebene des Erreichens von Bombast. Eben dieser wird in diesem Track konkret intensiviert. Damit hätte er mühelos die Radiofrequenzen der Achtziger erobert.
Die Produktion ist organisch, außerordentlich kohärent und atmet aus vollen Lungen. Die Kompositionen entfalten sich durch die Steigerung der Atmosphäre. Das ist der Hauptreiz des Art Rock und seiner Anziehungskraft. Die Verschmelzung der Einflüsse von The Beatles, Eagles, Styx, Kansas mit einer deutlich geschärften Rockkante (brillant gesetztes Gitarrensolo in Quick), die ausgesprochene Unnachgiebigkeit beschwören kann – was den Tracks stellenweise einen Hauch Alternative Rock verleiht –, wirkt in der Schaffung von Atmosphäre sogar vergleichbar mit der apokalyptischen (auch verschwörerischen) Stimmung mancher (schwer greifbarer) Blue Öyster Cult (Drinking My Self Sober). »Tribes« lässt euch in keiner Weise auf dem Trockenen sitzen. Und noch mehr: Die Band wiegt euch mühelos auch in einem funky Pop-Groove, den das schelmische The Lost Boys mit sich bringt, das das Album beschließt und noch ein weiteres kompositorisches Unikat liefert (na ja, mit Funk hatte Crack the Sky schon auf ihren Alben der Siebziger nähere Bekanntschaft geschlossen). Eure Favoriten wählt ihr diesmal selbst – denn das ist ein außerordentlich ausgearbeitetes und charakterlich abwechslungsreiches Album. Mehrfaches Hören ist Pflicht. Ihr werdet es noch lange entdecken.
Crack the Sky bleiben in Slowenien (bis heute) eine weitgehend übersehene Band, der auch diese Rezension sehr wahrscheinlich keinen (neuen) slowenischen Fan bringen wird. In einer ohnehin langlebigen Karriere haftete dieser Band gerne das Etikett an: „die beste Progressive-Rock-Band aus den USA, von der ihr noch nie gehört habt.“ Auch nach dem 18. Studioalbum bleibt es dabei. Unbestreitbar bleibt aber auch, dass »Tribes« ein Album ist, das man auch nach 63 Minuten noch einmal hören möchte. Es ist ein Album, das als Ganzes mit der Intensität eines außerordentlich versöhnlichen Dialogs zwischen Poesie (Botschaft) und der Reichweite des Komponierens selbst beeindruckt. Ein genial ausgearbeitetes Gespür für kontemplative Ergänzung – für eine eigentümliche Ergänzung –, mit intensiven Wechseln zwischen harten, geschärften, düsteren Passagen und weichen, fragilen Abschnitten, die den Hörer mit Beklommenheit und Bitterkeit erfüllen. Genau das war auch das Ziel der Band: den Hörer mit ihrer Musik zu bewegen und aufzurütteln. Zu erschüttern. »Tribes« ist – gerade heraus und schlicht gesagt – ein hervorragendes Art-Rock-Album; solche macht man heute nicht mehr. Musikliebhaber, ihr werdet damit noch lange beschäftigt sein.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
01. Tribes (4:36)
02. Another Civil War (5:21)
03. Dear Leaders (5:01)
04. Blowing Up Detroit (4:39)
05. Quick (8:34)
06. Another Beautiful Day (4:13)
07. All My Innocence (4:26)
08. Drinking Myself Sober (4:39)
09. Stranger in a Strange Land (4:43)
10. We Don’t Know (4:06)
11. Alligator Man (4:25)
12. Boom Boom (4:09)
13. The Lost Boys (4:25)
Besetzung:
John Palumbo – Gitarre, Keyboards, Gesang
Rick Witkowski – Gitarre, Backgroundgesang
Bobby Hird – Gitarre, Backgroundgesang
Glenn Workman – Keyboards, Backgroundgesang
Dave DeMarco – Bassgitarre, Backgroundgesang
Joey D’Amico – Schlagzeug, Backgroundgesang
