3.2: Third Impression
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 12. 2. 2021
Produktion: Robert Berry
Albumlänge: 56.59 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10
3.2 ist eine besondere Geschichte des Rock-Universums. So wie 3 und das Album »The Power of Three«. Als die Geschichte der großen Progressive-Rock-»Tabubrecher« ELP endgültig ausklang, redeten Musikagenten Mitte der Achtziger Keith Emerson und Carl Palmer zu, eine Band zu gründen, die radiofreundlichere Musik schreiben sollte. Greg Lake wollte offenbar kein Teil dieser Geschichte sein, oder wurde gar nie eingeladen mitzumachen. Die Erfahrung mit »Love Beach« blieb eine ungeheilte Wunde in der Diskografie von ELP, aber auch in den Herzen der Fans dieser Band. Und dann tritt Robert Berry in die ganze Geschichte ein. Amerikanischer Komponist, Multiinstrumentalist und bei Bedarf auch mehr als ordentlicher Sänger. So entstand 3 (Emerson-Berry-Palmer), die das bereits erwähnte Album veröffentlichten. Die Jahre vergingen, und Berry nahm den Kontakt mit Emerson wieder auf. Sie sprachen über ein neues 3-Album. Demoaufnahmen entstanden, ein lebhafter Austausch von Ideen und Aufnahmen fand statt. Aber Emerson hat das nicht mehr erlebt – der Tod kam ihm zuvor. Dennoch erschien 2018 ein Album unter dem Namen 3.2 mit dem Titel »The Rules Have Changed«, bei dem sämtliche Albumkompositionen gemeinsame Schöpfungen von Berry und Emerson sind, wobei Berry – unglaublich erfahrener und abgebrühter Musiker und Produzent – für alle Details und Feinheiten gesorgt hat. Das Album »The Rules Have Changed« lässt sich also als glaubwürdige Fortsetzung des Projekts 3 bezeichnen, das zu einer Zeit entstand, als die Zeitgenossen von Emerson, Lake und Palmer in radiofreundlichen Formationen wie Asia und GTR spielten, während Yes und Genesis erfolgreich eine chamäleonhafte Häutung vollzogen hatten, mit der sie die in den Siebzigern erworbene Radiokompatibilität beibehielten. Vielen Proggern gelang das nicht (Jethro Tull, Gentle Giant), aber das ist eine andere Geschichte.
Na ja, Berry hat den Namen 3.2 mehr als gerechtfertigt. Man würde ihn deuten als: »die einstigen Drei, reduziert auf die heutigen Zwei« – und genau das ist gemeint. Mit »The Rules Have Changed« hat er die Geschichte von 3 triumphierend abgeschlossen. Zumindest bis Ende letzten Jahres schien das so zu sein. Doch auf Drängen von Frontiers Music Srl. hat sich Berry entschieden, dem ganzen musikalischen Abenteuer noch eine Fortsetzung hinzuzufügen. Das Ergebnis ist das Album »Third Impression«. Mit seinen Erfahrungen und seinem unglaublichen musikalischen Talent hätte Berry so eine Herausforderung sicher nicht einfach so angenommen. Hand aufs Herz. Seinen Teil hatte er mit »The Rules Have Changed« getan, und wer ihm folgt, hätte sich viel lieber ein neues Alliance-Album gewünscht. Doch Berry fand in seinen Archiven noch einen Song, der in Zusammenarbeit mit Emerson entstanden war und als Komposition zu lang war, um ihn auf »The Rules Have Changed« unterzubringen. Das ist der Song Never, der letzte auf »Third Impression«. Berry hat in Statements darüber, wie er das Schreiben völlig neuer Songs für das Album »Third Impression« angegangen ist, ausgeführt, dass er sich in Keith Emerson hineinversetzt hat und bei der Wahl der Keyboard-Arrangements (Synthesizer, Moog, Hammond-Orgel) und Klavier diese so geschrieben hat, wie er sich vorstellte, dass Emerson sie geschrieben hätte, wäre er noch am Leben. In den Klangstrukturen, den hinzugefügten Hammond-Würzungen, der Integration von Moog-Spielereien und natürlich den Abschnitten, gespielt in den Klangschleiern des klassischen Klaviers, mit klar herausgestelltem Schmelz, der die Synthese aus Rock und Neo-Klassik evoziert – all das zielt natürlich auf Gestalt und Werk von Keith Emerson ab –, ist das Album »Third Impression« ein unglaublich gelungenes Album. Das war nicht zu erwarten, dass man das so schreiben könnte. Aber Berry hat auch mit diesem Album einmal mehr bestätigt, was für ein faszinierender Musiker er ist und bleibt.
Berry hat wirklich an alle Details beim Arrangieren gedacht. Die Arrangements sind reich, und die Tracks sind auf erfreulich abwechslungsreiche Weise vielfältig. Es gibt solche, die progressiv und erkundend ansprechen, und solche, die man ohne groß nachzudenken schnell ins Radioprogramm einreihen könnte, wie etwa das tolle Missing Peace (ein Song, als wäre er von einem Alliance-Album). Black of the Night ist ebenfalls ein zugänglicherer Track, mit einem führenden keltischen Folk-Motiv, das Theatralität und Pomposität evoziert. The Devil Of Liverpool ist eine progressiv ausgerichtete Impression, bei der Berry eine ausgezeichnete Klangräumlichkeit erreicht hat – den Grundrhythmus hat er mit zusätzlichem Schlagwerk unterlegt, und die verschlungenen Basslinien (Berry übernahm in Bands primär die Rolle des Bassisten) fügen einen ungemein eingängigen »groovigen« Unterton hinzu und liefern organische Wärme. Der Refrain ist natürlich melodiös und faszinierend eingängig. Es gibt Rhythmuswechsel, und im Ausklang ein Hammond-Orgel-Solo, so wie es Emerson fast sicher gespielt hätte. Das ist nur einer dieser Tracks, die das Album dominieren. Unter den progressiv angelegten Tracks fällt es etwas schwerer, Favoriten zu finden, aber zu den beeindruckendsten Momenten des Albums zählen sicher das eröffnende Top of the World, das folkig beginnt, aber schnell und geschickt seinen gesamten Progressive-Rock-Gehalt und seine Ausgelassenheit offenbart, sowie das abschließende Never. Auf dem Album »Third Impression« ist der besondere Track Emotional Trigger. Er öffnet sich in einem sanft trägen Plätschern, das von einem Klaviergerüst getragen wird. Dieses wird von zarten Synthesizer-Pastellen umhüllt, die einen Schleier des Mystischen hinzufügen. Über allem liegt ein Moment, der im Charakter einer Kabarett-Jazz-Chanson angesiedelt ist. Ein ausgezeichneter, weicherer Song, der sich von Durchgang zu Durchgang arrangementmäßig entfaltet und bei dem man sich sogar eine Nine Simone vorstellen könnte – was jedoch das genial eingebettete Moog-Solo durchschneidet und diesem Track den absoluten Art-Rock-Stempel aufdrückt. Eine hervorragende Bereicherung des Albums. Die Ruhe vor dem Sturm, den A Fond Farewell mit seinem interessant bewegten Part, in den Berry einen 7/8-Takt einführt, und das abschließende Never – der Höhepunkt des Albums – entfesseln. Never, der am stärksten Progressive-Rock-orientierte Track des Albums, enthält originale Emerson-Linien, ein faszinierendes Hammond-Solo von Emerson, das Berry wunderbar mit seinem Gitarrensolo verlängert hat. A Bound Of Union ist ein Song der Feierlichkeit und Begeisterung. Diese Hymne hat im letzten Drittel einen interessanten Teil, der als musikalische Untermalung bildstark in einen alten Schwarzweißfilm eingebettet sein könnte.
Berry ist wirklich unglaublich. Großartig. Auch wenn das kein Solo-Album von ihm ist, ist es das Werk eines großen Perfektionismus und Vollkommenheit. Hingabe. Berry ist auch ein ausgezeichneter Sänger. Seine Stimme ist unverwechselbar, prägend und unglaublich einnehmend. Sowohl im Progressive Rock als auch im AOR-orientierten Songwriting. Zugleich hat Berry auch alle Gitarren und Soli eingespielt, und auch da hat er fasziniert. »Third Impression« ist ein Progressive-Rock-Album der alten Schule. Es ist ein gelungener Anschluss an die beiden Vorgänger – wobei einer davon tief in den Achtzigern verwurzelt ist –, und auch wenn sein Vorgänger »The Rules Have Changed« mehr Reinblütigkeit bzw. Verwandtschaft mit dem Album »The Power of Three« bewahrt, ist »Third Impression« ein unglaublich gelungenes »Imitat«, das mehr als glaubwürdig alle Zutaten trägt, durch die seine Vorgänger erkennbar sind. Also als wäre Emerson nicht nur auf dem Song Never präsent, sondern auf allen Tracks des Albums. Das war auch das Ziel dieser Berryschen Synthese, die im Auftrag von Frontiers Music Srl. entstanden ist, und weswegen sich die Inhaber des Labels vor Berry nur verbeugen können. Bei allem ist es unglaublich, was ein einziger Musiker in seinem Studio alles leisten kann. In jeder Hinsicht. Auch produktionsmäßig. »Third Impression« ist in jeder Hinsicht ein faszinierendes Werk, das Werk eines hochgradig durchdringenden künstlerischen Intellekts, das im Gegensatz zu dem Meer all der beauftragten und künstlich platzierten Musikprojekte seitens des Labels Frontiers Music Srl. – häufig seelenlos und »Instant-Verpackung« – eine vollblütige, greifbare Seele und einen musikalischen Charakter besitzt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Top of the World (9:00)
2. What Side You’re On (2:51)
3. Black of the Night (6:15)
4. Killer of Hope (3:16)
5. Missing Peace (5:54)
6. A Bond of Union (5:20)
7. The Devil of Liverpool (6:09)
8. Emotional Trigger (4:54)
9. A Fond Farewell (4:27)
10. Never (8:58)
Besetzung:
Robert Berry – Gesang, Bassgitarre, Keyboards, Gitarre, Schlagzeug
