Thorium: Empires in the Sun

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Label: Freya Records
Erscheinungsdatum: 5. 3. 2021
Produktion: Tom Tee
Albumlänge: 54.04 min
Genre: Heavy Metal
Wertung: 8.5/10


Beim Namen Thorium ist eine kurze Einleitung angebracht. Nein, diesmal geht es nicht um das chemische Element Thorium, sondern um eine weitere, relativ neue belgische Heavy-Metal-Band, die ihr selbstbetiteltes Studiodebüt 2018 veröffentlichte. Die Sache wäre nicht halb so interessant, wenn hinter ihr nicht drei ehemalige Mitglieder der belgischen Heavy-Metal-Legende Ostrogoth stecken würden: die Gitarristen Dario Frodo und Tom Tee sowie Bassist Stripe. Nebenbei: Ostrogoth sind nach wie vor aktiv und haben ihre Besetzung nach 2017 mit neuen Mitgliedern erneuert. Zu den drei genannten Musikern gesellte sich der hervorragende niederländische Schreier David Marcelis, bekannt durch seine Mitgliedschaft in den Bands Lord Volture und Black Knight, während Louis Van der Linden (23 Acez) den Schlagzeughocker übernahm.

Das Debüt der Band »Thorium« (2018) wirbelte vor allem in den Benelux-Ländern und Deutschland ordentlich Staub auf – was zu erwarten war –, doch Thorium machten damit auch in Großbritannien sehr erfolgreich auf sich aufmerksam. Das zweite Studioalbum »Empires in the Sun« ist eine triumphale Fortsetzung des Debüts. Thorium bleiben auch hier in ihrer einbetonierten stilistischen Spur, die das Beste aus der Old-School-Metal-Tradition schöpft, genauer gesagt aus der N.W.O.B.H:M-Bewegung, aber auch aus den alten, verknöcherten Formen des amerikanischen Speed Metal. Thorium sind – verglichen mit den barock verzierten Metal-Neoklassikern Iron Mask oder dem erschreckenden Ultrahochgeschwindigkeits-Theater ihrer Landsleute Evil Invaders – ganz klar ihre eigene Geschichte. Während sie schamlos ihr scharfes Gebiss zur Schau stellen, das sie fest mit der alten Metal-Schule zusammenbeißt, legen Thorium auch großen Wert auf die Einbindung von Bombast und Pomp. Doch das ist hervorragend ausbalanciert durch den giftig-harten Punch rasanten Gitarrenphrasierens, das nahezu ausnahmslos von Gitarrenornamenten in Terzen durchzogen wird. Tradition. Anders geht es nicht, und anders darf es auch gar nicht sein.

Der Titeltrack des Albums stellt die absoluteste Annäherung an ein traditionelles N.W.O.B.H.M.-Hochamt dar, was gleichzeitig erklärt, warum beide Gitarristen bei Ostrogoth spielen konnten – doch das Album ist als Ganzes deutlich großangelegter angelegt. Vor allem wenn man auf die fast zwanzigminütige Epik-Suite 1302 trifft, die aus drei Teilen besteht. Wären Thorium eine Band, die ihre Karriere in den frühen Achtzigern begonnen hätte, würden sie heute als kultische Metal-Legenden gelten. Doch Revivalismus-Bands dieser Art wimmeln heutzutage auf dem Planeten. Die meisten von ihnen glänzen mit außerordentlichen Qualitäten – sowohl kompositorisch als auch, und vor allem, in der technischen Perfektion bei der Ausführung des Materials. Leider ist es ihnen nicht vergönnt, den Ruhm ihrer Vorbilder zu genießen, die in den Achtzigern alles sagten, was zu sagen war.

Was am Album vielleicht ein wenig stört, ist allenfalls die unerwartete Entscheidung der Band, The Old Generation mit einem »Fade-out« enden zu lassen – aber sonst muss man wirklich keine Haare in der Suppe suchen. Die Eröffnungsphrase von Winterfall erinnert flüchtig an eine Queensryche-Phrase in Breaking the Silence. Obwohl sich der Track von der alten Schule des amerikanischen Speed Metal inspirieren lässt (bei den genannten Queensryche schießen einem u.a. Vicious Rumors und auch Crimson Glory in den Kopf), entwickelt er sich trotzdem auf eigenen Gleisen. Für die zwanzigminütige Epik-Suite integrierte die Band eine Reihe von Musikern, die Vokalmelodien beisteuerten, mit denen Thorium den Leadgesang von Marcelis harmonisierten. Die Sache wäre im Text gar nicht erwähnt worden, wenn an diesen Chormelodien nicht u.a. Anthony Arjen Lucassen (Ayreon) und Joe Van Audenhove von Evil Invaders mitgewirkt hätten.

»Empiress in the Sun« ist ein ambitioniertes Album eines Quintetts, das sich beweisen will. Hungrig nach Bühnenexplosionen – die momentan aber verboten sind. Also geht es mit dem neuen Album wie eine blutrünstige Bestie vor, die gerade ihre Ketten gesprengt hat, um der Menschheit totales Chaos und apokalyptische Vernichtung zu bringen. Ungeachtet der Tatsache, dass Thorium traditionell dem Aufwärmen des Old-School-Metal-Handwerks verschrieben sind, gehen sie alles, was sie anfassen, mit einer unglaublichen, von Herzen kommenden Hingabe an, mit der sie jeden Vorwurf der Beliebigkeit oder das Ertrinken in Klischees überwinden, das den Hörer sonst vom Album abschrecken könnte. »Empires in the Sun«, das einen sofort am Kragen packt, überrascht mit der Lebendigkeit seiner Arrangements und Ideen, fasziniert durch die hervorragende Chemie, die im Quintett funktioniert, sowie durch die Großspurigkeit, die das grandiose und begeisternde Abschluss-Epos ungezügelt zur Schau stellt. Das ist ein Album und eine Band, die ihr euch unbedingt ansehen müsst – alle, die ihr den Errungenschaften des Old-School-Metals zugetan seid, unabhängig vom geografischen Standort der Metal-Evolution (Nordamerika, Europa), sowie alle Power-Metaller und Liebhaber des durchschlagenden und überzeugenden Revivalismus-Sturms, den das faszinierende Bataillon der Bands der neuen Generation auf globaler Ebene verkörpert. Nein. Metal ist noch immer da, und da wird er auch bleiben.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Dreams of Empire (00:53)
2. Exquisite (03:52)
3. Powder and Arms II (03:08)
4. Where Do We Go (03:54)
5. More Than Meets The Eye (04:42)
6. Empires in the Sun (05:12)
7. The Old Generation (04:44)
8. Winterfall (05:15)
9. Itchin‘ and Achin‘ (03:18)
10. 1302: The Minstrel [part I] (02:09)
11. 1302: The Golden Shadow (13:02)
12. 1302: The Minstrel [part II] (02:15)

Besetzung:
David Marcelis – Gesang
Tom Tee – E-, Akustik- und klassische Gitarren
Dario Frodo – Gitarre
Kurk „Stripe“ Lawless – Bass
Louis Van der Linden – Schlagzeug & Perkussion

Gastmusiker:
Arjen Anthony Lucassen – Backing Vocals
Benny ‚Zors‘ Willaert – Backing Vocals
Joe ‚Evil Invaders‘ Van Audenhove – Backing Vocals
Anneleen Olbrechts – Gesang, Backing Vocals


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