Joel Hoekstra’s 13: Running Games

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Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 12. 2. 2021
Produktion: Joel Hoekstra
Albumlänge: 52.53 min
Genre: Hard Rock
Wertung: 9.0/10


Joel Hoekstra ist mit seinem Projekt »dreizehn« zurück. Neues Album: »Running Games«. Über 50 Minuten Musik, und der Mann hat in vergleichsweise kurzer Zeit elf neue Tracks zum Leben erweckt, die zweifellos zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Jedenfalls kamen die Verpflichtungen bei Whitesnake zum Erliegen — wegen des »erzwungenen Stillstands menschlicher Aktivitäten« auf diesem Planeten, was natürlich auch Konzerttourneen einschließt. Joel nutzt diesen menschlichen »Zölibat« zum Aufnehmen seiner eigenen Musik. Und wie.

Für das neue Album hat er ein erstklassiges Team zusammengestellt. Diesmal tatsächlich nach dem Vorbild einer echten Hard-Rock-Besetzung. Diesmal hat Hoekstra die Gesangsrolle nur einem einzigen Sänger anvertraut. Die Wahl hätte kaum besser ausfallen können — neu ist sie allerdings nicht. Er hört auf den Namen Russell Allen. Jener Russell Allen aus der Zeit, als er noch nicht den ausgeprägt raubeinigen Vokalansatz verwendete, den man auf den Alben seiner Stammband Symphony X nach »Five: The New Mythology Suite« (2000) kennt. Also ein cleaner Vokalansatz, durch den die stimmlichen Qualitäten des Sängers mit voller Intensität strahlen — ebenso wie seine ewige Begeisterung für Person und Werk von Ronnie James Dio, und stellenweise auch für Joels aktuellen Arbeitgeber David Coverdale. Auf dem Vorgängeralbum »Dying To Live«, das vor gut fünf Jahren erschien, teilten sich zwei Sänger die Lead-Vocals: Allen und Jeff Scott Soto (solo, W.E.T., Talisman, Axel Rudi Pell,…).

Allen ist neben Joel Hoekstra aber nicht der einzige Star auf diesem Album. Joel Hoekstra hat sich ein wahrlich elitäres Team zusammengeholt: mit dabei sind außerdem Black Country Communion-Keyboarder Derek Sherinian, der überall begehrte Bassist mit dem Zauberfinger Tony Franklin und Schlagzeuglegende Vinny Appice (ex-Black Sabbath). Jeff Scott Soto rundet die Lead-Vocals mit seinen Background-Parts ab. Was uns hier erwartet, ist ein knallhartes Hard-Rock-Album, üppig bekränzt von durchdringender Musikalität und erstklassiger Ausführung. Das einzige, worüber man streiten könnte, ist natürlich die Laufzeit des Albums. Aber es ist halt schwer vorherzusagen, wann ein Album tatsächlich dein letztes sein wird. Hoekstra hat entschieden, mit dem Material nicht zu knausern. Die geschenkte Gelegenheit, ein neues Album herauszubringen, hat er in vollen Zügen genutzt.

Inhaltlich ist es mehr als zufriedenstellend abwechslungsreich. Wir bewegen uns innerhalb des vorhersehbaren Musters des Hard-Rock-Songwritings. Die Kompositionen sind brillant detailliert. Refrein-Einstiege, Übergänge zurück in die Strophen, mit sorgfältig ausgearbeiteten Intro- und Outro-Teilen. Ein gleißendes Arsenal an charakteristisch durchdringenden und unverwechselbaren Phrasen hat auf diesem Album seine Heimat gefunden. Das alles krönt Russell Allens explosiver und leidenschaftlicher Gesang, der mit der vollen Intensität absoluter Vokalbestform strahlt. Solch ein Album würde auch einem Sänger vom Schlag Joe Lynn Turner oder dem bereits erwähnten Jeff Scott Soto wie auf den Leib geschrieben passen. Die Zeit steht auf einem Album wie »Running Games« tatsächlich still — oder besser gesagt: es katapultiert dich in eine parallele Versuchung der sorglosen Achtziger.

Hoekstra setzt alles auf pompöse Theatralik und die Entfaltung hoher Musikalität. Das Highlight jedes Tracks sind die eingängigen Refrainmelodien, die brillanten Stimmungsschwankungen fangen vor allem die Middle-Eight-Passagen ein — in denen Hoekstra erklärt, warum Coverdale ihn heute als Gitarristen engagiert hat: Coverdale hat schließlich immer nur die Besten rekrutiert. Das verinnerlichte Gespür für die Entwicklung einer kompakt zündenden Komposition pflegte und verfeinerte er vor allem während seiner Jahre bei Night Ranger, und heute perfektioniert er es gekonnt mit Whitesnake. Es gibt einige Momente, die hyper-musikalisch sind und den Hörer direkt auf die Wellenlänge der post-millenialen Night Ranger-Outputs katapultieren (die übrigens ebenfalls ein neues Album aufnehmen) — Foreigner und Journey sind da auch nicht mehr weit. Aber Achtung: »Running Games« kennt keinen AOR-Zuckerguss. Nur ein paar mögliche Anknüpfungspunkte, wohin die Kompositionen in einem anderen musikalischen Umfeld »abgedriftet« wären. Dafür gibt es Momente, bei denen Assoziationen zu Deep Purple und Whitesnake nicht lange auf sich warten lassen. Sherinian nutzt Hoekstra hervorragend aus, und die Solo-Akrobatik auf den Keyboards im Verbund mit dem Gitarren-Rally liefert einigen Tracks eine brillante Würze.

»Running Games«, das eher wie ein Bandalbum als ein Soloprojekt wirkt, ist eine brillante Mischung aus Hard-Rock-Einflüssen der Siebziger und Achtziger, verwoben mit der Ästhetik kraftvoller Muskeleinsätze moderner Produktionstechniken. Mit so viel Talent, Erfahrung und Kilometern auf dem Buckel, und in Gesellschaft außergewöhnlicher Musiker, kann kaum etwas schiefgehen. Joel Hoekstra beweist sich damit als außerordentlich abgebrühter Profi. Diesmal muss man den Musiker in erster Linie als Komponisten betrachten — und erst danach als erstklassigen Gitarrenvirtuosen. Die Leistung des zusammengestellten Teams ist granitfest und auf Schritt und Tritt begeisternd. »Running Games« ist als Ganzes ein außerordentlich überzeugendes Werk und schon zu Jahresbeginn ein stiller Kandidat für eines der besten Hard-Rock-Alben des Jahres.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Finish Line
2. I’m Gonna Lose It
3. Hard To Say Goodbye
4. How Do You
5. Heart Attack
6. Fantasy
7. Lonely Days
8. Reach The Sky
9. Cried Enough For You
10. Take What’s Mine
11. Running Games
12. Lay Down Your Love*

* … Bonustrack (nur digitales Albumformat)

Besetzung:
Joel Hoekstra (Whitesnake/Trans-Siberian Orchestra) – Gitarre
Russell Allen (Symphony X, Adrenaline Mob) – Gesang, Hintergrundgesang
Vinny Appice (ex-Black Sabbath, DIO) – Schlagzeug
Tony Franklin (ex-The Firm, Blue Murder) – Bassgitarre
Derek Sherinian (Sons Of Apollo, Dream Theater, Black Country Communion) – Keyboards
Jeff Scott Soto (Sons Of Appollo, Trans-Siberian Orchestra) – Hintergrundgesang

Gastmusiker:
Lenny Castro (TOTO) – Perkussion
Chloe Lowery (Trans-Siberian Orchestra) – Hintergrundgesang
Dave Eggar (Evanescence, Coldplay) – Cello
Katie Kresek (Adele, Five For Fighting) – Violine, Viola


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