Accept: Too Mean to Die
Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 29. 1. 2021
Produktion: Andy Sneap
Albumlänge: 52.16 min
Genre: Heavy Metal
Wertung: 8.0/10
Das Jahr 2021, Accept, und? Ein neues Album. Accept, die 1968 von Udo Dirkschneider und (dem späteren legendären Produzenten) Michael Wagener gegründet wurden, gelten als die erste echte deutsche Heavy-Metal-Band. Sie haben alles Gute und alles Schlechte erlebt und durchgemacht. Versteckspiele gibt es schon lange keine mehr. Es gab Höhen, es gab Tiefen. Dann kam das Jahr 2009 – und offenbar wirklich das letzte Reunion, denn diesmal hatte Wolf Hoffmann beschlossen, mit Accept bis zum Ende zu gehen. Wohin auch immer. Nach »The Rise of Chaos« (2017), das sie im Sommer 2018 ein letztes Mal auch zum Festival Metaldays in Tolmin brachte, verließ Peter Baltes die Band im Herbst desselben Jahres. Neben Hoffmann das einzige Mitglied jener Besetzung, die sich 1976 soweit gefestigt hatte, dass sie eine professionelle Karriere einschlagen konnte. So blieb Hoffmann als einzige der tragenden Figuren der Band übrig. Nach der Trennung von Baltes, als Fragen über die Glaubwürdigkeit einer weiteren Karriere unter dem Namen Accept aufkamen, standen dem unerschütterlichen Gitarristen mehrere Optionen offen. Aber er hielt die Kompassnadel genau dorthin gerichtet, wohin Accept sie bei der Reunion 2009 ausgerichtet hatten. Kein Rückzug.
Wolf Hoffmann hat das Quintett sogar erweitert, und Accept wuchsen 2019 zum Sextett mit gleich drei Gitarristen heran – wobei als einziger Gitarrensolist der Band offiziell natürlich nur Wolf genannt wird. Dabei ist klar, dass Uwe Lulis, der selbst ein Veteran der Szene ist – er hat Grave Digger durch die Neunziger wieder auf die Beine gebracht –, und Neuzugang Philip Shouse durchaus beeindruckend solieren. So erblickte »Too Mean To Die« das Licht der Welt. Das sechzehnte Studioalbum der großen Accept. Die Band ist zu böse, um zu sterben. Zu giftig. Schlicht zu hartnäckig, wenn nicht gar unzerstörbar. Was am wichtigsten ist: »Too Mean To Die« ist verdammt nochmal wieder ein starkes Album, das den Eindruck leichter Blässe von »The Rise of Chaos« gründlich korrigiert. Denn das hatte angedeutet, dass Accept ideenmäßig ausgebrannt seien. »Too Mean To Die« bringt Accept in ihrer aktuellen Ära – also von 2009 bis heute – auf das Niveau der Alben »Stalingrad« (2012) und »Blood of the Nations« (2010), oder zumindest fast dorthin. Nun, zumindest ist »Too Mean To Die« das düsterste, ja geradezu unheilverheißendste Accept-Album seit dem Beitritt von Sänger Mark Tornillo. In der Produktion haben Accept diesmal alles auf eine Karte gesetzt, und »Too Mean To Die« ist vielleicht sogar das kompromissloseste und vernichtendste Album seit dem Reunion 2009. Produktionstechnisch ist das ein Album, vor dem man nur den Hut ziehen kann. Die Antwort? Mal wieder der gute alte Andy Sneap. Damit ist alles gesagt.
Auch diesmal haben Accept ein Album abgeliefert, das von Kopf bis Fuß ihres ist. Ein reinrassiger Vertreter der deutschen Schule des (teutonischen) Heavy Metal. Es trägt alles in sich. Alles, wofür Accept waren und weiterhin stehen. Das Album liefert eine eingängige, durchdringende Serie direkter Kinnhaken in den Phrasierungen, und die kompositorische Entwicklung vernachlässigt dabei in keiner Weise das Kokettieren mit Elementen der klassischen Musik. Hoffmann hat sich diesmal sogar mehr, als zu erwarten war, dem Schleifen der Details gewidmet. Das ist bei jedem Schritt der kompositorischen Entwicklung spürbar. Die Soli sind aus mehreren Teilen aufgebaut. Sie sind besonders detailliert strukturiert, was ihre Verknüpfungen betrifft, und können innerhalb desselben Songs mehreren Modulationen folgen. Die Mid-Eight-Passagen sind Hoffmanns Steckenpferd und tatsächlich wahre kleine Meisterwerke – denn Wolf ist es gelungen, diese Momente in der Atmosphäre wieder konkret zu verdüstern und zu dramatisieren, den Songs dadurch ein brillantes Maß an Abwechslung einzuimpfen, sodass der Hörer wirklich bei jedem Schritt seine gitarristischen Glanzleistungen genießen kann.
Feinmechanik und filigrane Züge des detaillierten Ringens mit den Kompositionen gibt es diesmal mehr als sonst – und kaum zu glauben. »Too Mean To Die« kriecht sogar langsamer ins Ohr als ein durchschnittliches Accept-Album. Es gibt keinen dominierend herausragenden Track wie »Teutonic Terror« oder »Pandemic« (»Blood of the Nations«, 2009) – und dennoch. Das Album ist kompositorisch abwechslungsreich. Im Hinblick auf die bewährte Accept-Formel, die wir alle kennen, überraschend abwechslungsreich. Auf jeden Fall ist es gewürzt mit einer Serie brillanter Zerstörer, die den Assoziationskortex mit einer gewaltigen Dosis Napalm überschütten. Das kündigt das Eröffnungsstück »Zombie Apocalypse« an, das für sich allein schon einer der Höhepunkte des gesamten Albums ist. Das Album bricht im Nu mit brutaler Wucht auseinander, wenn Accept von allen Positionen aus angreifen. Aber der Titeltrack, der darauf folgt, fügt noch mehr vernichtende Aggression und Terror hinzu als das Intro selbst. Der Titeltrack ist der wildeste, stacheligste Song des Albums. Zugleich auch der schnellste – und an diesem Punkt liefern Accept, allen voran Hoffmann, eines der aufregendsten Abenteuer in den Errungenschaften grenzenloser gitarristischer Geistesblitze (mehrteilige Soli, ihre Verknüpfungen, Ein- und Ausstieg in der Mid-Eight-Passage). Beide Songs sind zugleich unglaublich düster und verderblich. Einige solche Momente folgen im weiteren Verlauf. Aber schon das Intro platzt vor uriger Metal-Erektion.
»The Undertaker« ist ein Song, der vom Rest des Materials abweicht. Es ist ein Song, der die Atmosphäre ausgesprochen graduell aufbaut. Er öffnet sich mit »cleanen« Gitarren – achte auf Hoffmanns Ton-Kontrolle –, ist mitteltempig, und die Band entwickelt darin eine echte Unheimlichkeit, die eine intensiv düstere, ausweglose Atmosphäre freilegt, in der Mark Tornillo besonders begeistert mit seinem Ansatz: Er singt die Strophen in ruhiger Manier – für ihn eine Seltenheit –, im Refrain aber fügt er eine kehlige Rauheit hinzu, bei der einem ein echter Totenschauer über den Rücken jagt. Diese Vocal-Linie ist brillant mit zwei weiteren Vocal-Linien harmonisiert. Einer höheren und einer tieferen. Das garantiert eine Intensivierung echter Friedhofsatmosphäre, während es gleichzeitig gerissen eine Prise Pomp unterschiebt. Dazu kommen noch donnernde männliche Chorgesänge, was bei Accept natürlich obligatorisch ist (auf dem Album gibt es mehrere solcher obligatorischen Momente). Definitiv ist das ein Song, den Accept in ihrer Karriere so noch nicht ausprobiert haben. Es überrascht nicht, dass er als eine der ausgekoppelten Singles des Albums ausgewählt wurde.
Songs, die zum Feiern einladen, gibt es diesmal nur eine Handvoll. So wie »Overnight Sensation«, das eine der klassischst konzipierten Phrasierungen mitbringt, mit der Accept den echten Kontakt zu den Achtzigern suchen – und unmittelbar darauf schließt sich auch die Phrasierung in »No Ones Master« an, das eine neue brillante Mischung aus Aggression und Hymnik ist. In diese Kategorie lässt sich auch das temporeiche »Not My Problem« einreihen.
Eine besondere Delikatesse des Albums ist »Symphony of Pain«. Das ist ein Song, in dem der »geschärfte« Wolf Hoffmann deutlich in den Vordergrund tritt und mit einer Phalanx gitarristischer Teufelsspielereien aufwartet – wie in einem der obigen Absätze beschrieben –, und mit seinen gitarristischen Tugenden besonders verblüfft. Dabei vergisst er nicht, L. Van Beethoven Tribut zu zollen (schelmisch eingewobene Motive der 5. und 9. Sinfonie). »Symphony of Pain« ist die abwechslungsreichste Komposition des Albums. In jeder Hinsicht. Auch was das Einweben verschiedener Schlagzeugeinsätze in den Übergangsteilen betrifft, während der erwähnte Gitarren-Einschub von Wolf Hoffmann pure Fantasie ist. Zweifellos einer der Höhepunkte des Albums. Dann ist da »Sucks To Be You«. Ein Song mit ausgeprägtem »Groove«, der vor allem durch das felsige rhythmische Gerüst von Christopher Williams getragen wird – und Tornillo brüllt sich in diesem Song besonders gesellschaftskritisch aus. An Wut mangelt es dem Sänger über das gesamte Album hinweg keineswegs.
»How Do We Sleep« überrascht mit einem tribalen Intro-Rhythmus, über dem ein folkiges Geflecht aus Gitarrenharmonien in Terzen gespannt ist, gefolgt von einem Übergang in den klassischen Accept-Drive, der sofort unter die Haut kriecht und für das Songwriting der Band im letzten Jahrzehnt typisch ist. Tornillo ist darin brillant. Seine vokale Qualität so zu entfalten, ermöglicht ihm die exzellente Verknüpfung von Strophe, Pre-Chorus und dem ausgesprochen gierigen, doch wieder eingänzig-düsteren Refrain. Die Verse: »Sag mir, wie können wir heute Nacht schlafen, wenn die ganze Welt in die Hölle stürzt? Erklär mir, wie wir das rechtfertigen können.« Tornillo hat sie mit solcher Leidenschaft gesungen, dass sie den Hörer mühelos berühren und mitreißen. Tornillo ist das Zünglein an der Waage, das mit seiner gelebten Performance an entscheidenden Stellen des Albums jenes einzigartige Gefühl zum Leben erweckt, wenn ein Song den Hörer einfach aufsaugt und davonträgt. Das bedeutet, dass Accept es geschafft haben, auf das Album auch eine eigentümliche Magie zu bannen, die den Hörer verzaubert. Tornillo hat auf diesem Album zweifellos die beste Performance seiner Karriere als Sänger der Band abgeliefert. Hut ab, Mark. Seine Subtilität und Sanftheit kommen besonders ausgeprägt in »The Best Is Yet To Come« zum Vorschein. Man ist es gewohnt, dass er durchgehend nur schreit und schreit. Aber hier liefert er seine andere Seite. Ein außergewöhnlicher Track mit einer ähnlich graduell aufgebauten Atmosphäre wie in »The Undertaker«, nur dass das Gefühl der Unheimlichkeit durch Melancholie ersetzt wird.
Am Ende ist eine Mischung aus neoklassischen Elementen und orientalischen Melodien angehängt. Das Ganze ist natürlich geschickt in die ungezügelte Schärfe des Metal-Riffings eingebettet. Wir sprechen vom Instrumental »Samson & Delilah«. Ein Song, der eher auf Hoffmanns Soloalbum passen würde, ist kein zwingender Bestandteil dieses Werkes. Die Band war sich dessen bewusst und hat den Song deshalb ans Ende des Albums gesetzt. Wer Wolf Hoffmanns Soloarbeiten kennt, den wird dieses Instrumental nicht überraschen. Im Hinblick auf das Gesamtwerk von Accept sorgt es dennoch für leichte Verwirrung. Der Song ist sehr gut, aber wie gesagt, kein Pflichtprogramm. Dennoch kann der Fan dieser Metal-Spielart damit vollkommen zufrieden sein. Man kann es auch als verlängerten instrumentalen Ausklang des Albums verstehen. Es trägt ein ausgearbeitetes Leitmotiv, Anfang und Ende in sich.
Die Fülle an solistischen Verzierungen bei jedem Schritt beweist nur Hoffmanns außerordentliches Engagement, das Beste aus sich herauszuholen, was er kann und vermag. Vielleicht hat Hoffmann die Motivation zusätzlich angetrieben – auch angesichts der Sticheleien, dass es nach Baltes‘ Weggang keinen echten Sinn mehr ergebe, die Karriere unter dem Namen Accept fortzusetzen. So wie Udo Dirkschneider die eine und einzige Stimme ist, ist auch Baltes der eine und einzige Bassist – aber dennoch. Das Klangbild des Albums »Too Mean To Die« ist erstklassig. Makellos. Die Bass-Linien graben sich ein und sind in der Produktion intensiv kontrastiert. Tornillo singt, als wäre es der letzte Tag der Menschheit. Mit einer seiner besten Performances. Williams hat mit seinem giftigen Rollen und Torpedieren beim Einsatz des doppelten Bass-Drum-Pedals für ein außergewöhnliches rhythmisches Gerüst gesorgt, in das die Gitarren-Phrasen eingebettet sind. Das ist ein Album, das Accept-Fans begeistern wird. Nach dem etwas ideenlosen Vorgänger ist »Too Mean To Die« genau das, was sein Titel befiehlt. Unzerstörbar, unzerbrechlich, ein ungeschliffener Diamant der weiten Gefilde des ursprünglichen und elementaren Charakters der Heavy-Metal-Galaxis. Sollte das vielleicht das letzte Accept-Album sein, ist klar, dass Hoffmann und seine Crew sich in großem Stil verabschieden werden. Aber wie es aussieht, ist das noch nicht das Ende der Geschichte. Wie schön – oder?
Schlüsseltracks: Zombie Apocalypse, Too Mean To Die, The Undertaker, Symphony of Pain, How Do We Sleep
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Zombie Apocalypse
2. Too Mean To Die
3. Overnight Sensation
4. No Ones Master
5. The Undertaker
6. Sucks To Be You
7. Symphony Of Pain
8. The Best Is Yet To Come
9. How Do We Sleep
10. Not My Problem
11. Samson And Delilah
Besetzung:
Mark Tornillo – Gesang
Wolf Hoffmann – Gitarre, Sologitarre
Uwe Lulis – Gitarre
Philip Shouse – Gitarre
Martin Motnik – Bassgitarre
Christopher Williams – Schlagzeug
