W.E.T.: Retransmission
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 22. 1. 2021
Produktion: W.E.T.
Albumlänge: 41.45 min
Genre: Hard Rock
Bewertung: 9.0/10
W.E.T. sind eine Formation, die – anders als viele der aktuellen Interpreten, die sich ebenso wie W.E.T. im Spektrum von Hard Rock, Melodic Rock und auch AOR bewegen – Qualität vor Quantität stellt. Nicht nur ist »Retransmission« gerade mal das vierte Studioalbum der Band in 12 Jahren, es ist der Gruppe erneut gelungen, eine wirklich phänomenale Auswahl des Besten vom Besten zusammenzustellen.
Angesichts der Tatsache, dass die drei Hauptträger der Band – Eric Mårtensson (Eclipse), Robert Säll (Work of Art) und natürlich der unzerstörbare Vokalist mit der diamantenen Stimme Jeff Scott Soto (Sons of Apollo, solo, …) – ständig in verschiedene musikalische Nebenprojekte und die Aktivitäten ihrer Stammbands eingebunden sind, ist es geradezu faszinierend, dass es an hervorragenden Ideen schlicht und einfach nicht mangelt. Die Hauptkomponisten bei W.E.T. sind natürlich der wundersame Eric Mårtensson und Robert Säll, von denen auch das künstlerische Überleben ihrer Stammbands Eclipse und Work of Art abhängt. Auf der anderen Seite steht Jeff – ein Kerl, dem überwiegend andere die Musik schreiben, in die er dann seinen auf Meilen wiedererkennbaren Gesang einbringt, mit rostfreien und samtig-streichelnden Qualitäten, die immer wieder an jeder Stelle restlos begeistern. Jeffs Gesang ist auch diesmal jener ultimative und wesentliche Faktor, durch den die neuen W.E.T.-Songs buchstäblich vor der Echtheit all der erlebten Leidenschaften und Emotionen platzen.
»Retransmission« ist ein Album, das mit außerordentlich lebendiger Schärfe und dem Feuer überschäumender darstellerischer Intensität aufwartet. Die Produktion ist schlicht und ergreifend fantastisch. Es klingt, als hätte die Band das Album nach dem Prinzip eines Live-Auftritts im Studio eingespielt. Und wie gewohnt ist das neue W.E.T.-Album in erster Linie ein Hard-Rock-Album, das sich aufgrund seiner ultra-musikalischen Ansteckungskraft entschieden gegen die Charakteristika des modernen Melodic-Rock-Revivalismus sperrt, ebenso gegen die Tradition der AOR-Musik, während die aufgedrehte Gitarrenproduktion die Elemente der klassischen Heavy-Metal-Schule nicht vernachlässigt. Es erübrigt sich zu betonen, dass auch dieses Album allenthalben vor ausgeprägtem dramatischem Theater und Bombast platzt. Die hochgestimmten Momente erreichen ihre Höhepunkte in prächtig ausgeführten Refrainmelodien, die regelrecht miteinander wetteifern, wer dem anderen die Aufmerksamkeit auf dem Album stehlen kann.
W.E.T. sind auch auf dem neuen Album eine interessante Mischung aus den kompositorischen Talenten von Säll und Mårtensson, was sowohl Fans von Eclipse als auch Work of Art freuen wird; da Jeff mit seinem Gesang aber ein ausgesprochen dominanter Sänger ist, sind die heutigen W.E.T. auf gewisse Weise eine sinnvolle Fortsetzung des Weges der verstorbenen schwedischen Hard-Rocker Talisman. Ihre Talente in vollem Umfang zum Album beigetragen haben erneut Bassist Andreas Passmark, Schlagzeuger Robban Bäck und der außergewöhnliche Eclipse-Gitarrist Magnus Henriksson, der einige erstklassige Akrobatik in den Gitarrensoli abgeliefert hat. Das Pulver muss trocken bleiben, damit es voll explodiert – und W.E.T. wissen das nur zu gut.
Die ideelle Vielseitigkeit ist hoch, und die Songs entwickeln innerhalb des vorhersehbaren kompositorischen Formats dennoch ein hohes Maß an Variabilität. Zwölf Songs entfalten sich in mittlerem bis zügigem Tempo, wobei wir auf Position Nr. 8 auf das etwas weinerliche und balladenhaft angelegte »What Are You Waiting For« stoßen, dem man eigentlich gar nicht nachtrauert. Es ist nicht schlecht, aber es ist offensichtlich, dass es aus Genre-Pflichterfüllung auf dem Album gelandet ist – das Genre verlangt von Künstlern bekanntlich mindestens eine Ballade pro Veröffentlichung. Da es in der Songreihenfolge aber zwischen dem hervorragenden »Coming Home« und »You Better Believe It« eingeklemmt ist, verliert der Hörer das Gefühl, dass diese Ballade überhaupt auf dem Album vorhanden ist. Zu den Songs mit balladenhaftem Einschlag zählt auch »How Do I Know«, der W.E.T. aber deutlich besser gelungen ist. Der Rest des Materials ist durch die Bank brillant poliert und eine phänomenal zündende Mischung aus außergewöhnlicher Rock-Schärfe und musikalisch packender Bombastik. Vom eröffnenden, nach Arena klingenden »Big Boys Don’t Cry« bis zum abschließenden und einem der schnellsten Songs des Albums, »One Final Kiss«. Kurz, knapp und mit dem Feuer aufrichtiger Herzlichkeit. Ein Album von weniger als einer Dreiviertelstunde bringt mit dieser Spielzeit eine Erleichterung, denn es kennt wirklich keinen kompositorischen Ballast.
Offensichtlich ist dieses aufgezwungene Innehalten, das die ganze Welt zum Stillstand gebracht hat, auf gewisse Weise auch inspirierend. Schon im vergangenen Jahr haben wir eine Reihe fantastischer neuer Alben in verschiedenen Genre-Sphären bekommen. Offensichtlich wird auch das Jahr 2021 so sein, und »Retransmission« ist gleich zu Beginn dieses Jahres der laute Vorbote dieses Trends. Die Bands haben also mehr Zeit, weil sie nicht auf Tournee dürfen. Das bedeutet auch mehr Zeit für das Feilen an Details, und »Retransmission« ist ein Beispiel dieser Art von Perfektion. Kenner haben erwartet, dass W.E.T. ein gutes Album herausbringen würden. Darüber hinaus ist es mehr als nur ein hervorragender Anschluss an die drei Vorgängeralben – es ist sogar die reifste und dramatischste Leistung aller vier W.E.T.-Alben, was an sich kaum überrascht. Angesichts des Zusammenschlusses außergewöhnlicher Talente, die dahinterstehen, ist das eben die (glückliche) Realität.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Big Boys Don’t Cry
2. The Moment Of Truth
3. The Call Of The Wild
4. Got To Be About Love
5. Beautiful Game
6. How Far To Babylon
7. Coming Home
8. What Are You Waiting For
9. You Better Believe It
10. How Do I Know
11. One Final Kiss
Besetzung:
Jeff Scott Soto – Gesang
Erik Martensson – Rhythmusgitarre & einige Soli, Hintergrundgesang, Keyboards
Robert Säll – Keyboards, Gitarre
Magnus Henriksson – Gitarrensoli
Andreas Passmark – Bassgitarre
Robban Bäck – Schlagzeug
