Kepler Ten: A New Kind Of Sideways
Label: White Star Records
Erscheinungsdatum: 20. 11. 2020
Produktion: Kepler Ten
Albumlänge: 64.20 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10
Kepler 10, einst bekannt als KOI-72, ist ein sonnenähnlicher Stern im Sternbild Drache, der rund 608 Lichtjahre von der Erde entfernt liegt. Es handelt sich dabei auch um ein Sonnensystem mit bislang zwei bestätigten Planeten (Kepler 10b und Kepler 10c); einem dritten, Kepler 10d, sind Wissenschaftler seit 2017 auf der Spur.
Der perfekte Einstieg in eine neue Progressive-Rock-Geschichte? Die einer relativ jungen Band namens Kepler Ten. Ein britisches Progressive-Rock-Trio, das seine Karriere – lustigerweise – als Cover-Band der kanadischen Prog-Rock-Giganten Rush begann. Die Band wäre freilich in keinster Weise interessant, wenn sie nicht etwas Besonderes hätte. Dass sie gelegentlich an Rush erinnern, hast du natürlich sofort selbst bemerkt – doch diese gelegentlichen Assoziationen sind durchaus sympathisch.
Gehen wir der Reihe nach. Kepler Ten, die im Februar 2017 ihr Studioerstlingswerk »Delta-V« veröffentlichten, haben in den letzten drei Jahren eine Transformation durchgemacht, mit der sie ihren Sound und Stil konkretisiert haben. In einem Trio aus Schlagzeug, Gitarre und Bass/Gesang kann ein Gitarristenwechsel die künftige Entwicklung der Band entscheidend prägen. Genau das ist passiert. Ritchie Cahill wurde auf dem neuen Album durch Alistair Bell ersetzt. Dieser Gitarrenvirtuose – u. a. auch ein großer Fan von Eric Johnson – setzt den »Siebensaiter« auf eine sehr zeitgemäße, moderne Art ein. Die technisch-komplexe Entfaltung gitarristischer Zauberkünste ist auf »A New Kind of Sideways« im Vergleich zum Vorgänger »Delta-V« gewaltig vorangeschritten. Mit der Wahl des neuen Gitarristen haben Kepler Ten kein Fünkchen von ihrer musikalischen Visionskraft geopfert, sondern mit »A New Kind of Sideways« auf Schritt und Tritt das qualitativ-expressive Niveau des ohnehin mutigen und vor allem hochwertigen Erstlings übertroffen, der bereits das große Entwicklungspotenzial dieser Band angedeutet hatte.
Kepler Ten werden angeführt vom erfahrenen Bassisten und Sänger James Durand sowie Schlagzeuger und Perkussionist Steve Hales. Beide steuern auch Keyboards bei. Sie sind außerdem die Hauptkomponisten und Arrangeure. Schon der Bassspielstil an sich, wie auch das Schlagzeugspiel, verraten eine starke Sympathie für Rush und ihr Werk. Der klirrende und ausgesprochen auffällige Bass in den Linien, die in den Arrangements oft dominieren, dazu einige Fills und Übergänge am Schlagzeug sowie – interessanterweise – die Klangfarbe von James Durands Stimme vertiefen das Gefühl, dass Kepler Ten eine Band sind, die es automatisch immer wieder zu Rush zieht. Doch diese Assoziationen sind eher sympathisch als irgendwas anderes, denn es geht nicht ums Kopieren, sondern nur um eine spürbare Begeisterung, mit der das ausdrucksstarke Bild des künstlerischen Dossiers der Band ausgestattet ist. Da Kepler Ten Briten sind und weder Durand noch Hales »Nerd-Geeks« sind, sondern abgebrühte Haudegen der alten Schule, zieht die Vibration deutlich – vor allem durch die Integration von Keyboards und einige pastellartige Klangsynthesen – in Richtung der Errungenschaften des britischen Neo-Progressive Rock. Das bedeutet, dass diese Band auch schnell von Fans von IQ, Pendragon, Pallas und Arena als ihre eigene adoptiert werden wird …
Doch Kepler Ten ist es gelungen, aus all dem ihre eigene Spur zu entwickeln, die wiedererkennbar und eigenständig ist und auf dem neuen Werk im Vergleich zum Erstling »Delta-V« einen ausgeprägten evolutionären Fortschritt markiert. Sowohl in der Klangproduktion und der Prägnanz der Arrangements als auch in der weit höheren progressiv-komplexen Durchdachtheit des Werks, das nun auch von einem deutlich höheren kompositorischen Ehrgeiz der Band getragen wird. Die Band hat das Arrangement etwas gedehnt und aufgelockert, wodurch sie noch mehr aus dem Progressive-Rock-Wesen herausholt. Dabei hat sie stets darauf geachtet, die intensive musikalische Natur des Werks beizubehalten. Sichergestellt wird das durch unglaublich eingängige und packende Refrainmelodien. Die Produktion ist organisch, lebendig – sie vermittelt das Gefühl einer Live-Aufführung, obwohl es natürlich keine ist. Alistair Bell ist kurz gesagt technisch deutlich versierter als sein gitarristischer Vorgänger. Das zeigt sich vor allem in der Fähigkeit des Gitarristen, sich brillant in die einzelnen kompositorischen Arrangements einzufügen, was die Dimension des eigengewachsenen künstlerischen Bildes nicht nur dieses Werks, sondern in der Folge auch der charakterlichen Erneuerung der Band stärkt. Der wohl gelungenste Beweis der hervorragenden Chemie zwischen den drei Musikern ist der Titelsong des Albums. Er hat alles: packende musikalische Anziehungskraft und eine unglaubliche Entfaltung des Progressive-Rock-Geschehens, die in ihren Lösungen und der Aufrechterhaltung hoher Kompaktheit schlicht begeistert. Ein Tipp: Der Titelsong nimmt als »Ausgangspunkt« des Komponierens eine Vorlage, die nicht weit entfernt ist von dem, was auf dem Album »Power Windows« von Rush zu finden war.
»A New Kind of Sideways« ist ein halbkonzeptuelles Album, das sich mit philanthropischen und humanistischen Themen befasst. Die zentrale Botschaft dieses Konzepts ist die Erkenntnis, dass wir »als menschliche Wesen alle gleichwertig sind und daher füreinander verantwortlich – unabhängig von Alter, Rasse, Geschlecht und sexueller Orientierung«. Wie Kepler Ten selbst sagen, ist es »Ausdruck der Frustration darüber, dass wir alle gleich bluten, aber trotzdem den Großteil unseres Lebens damit verbringen, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen«. Obwohl jeder einzelne Track eine eigenständige Geschichte mit Anfang und Ende ist, verbinden der Eröffnungstrack »Clarity« und die besonders ambitionierte zwanzigminütige Suite »One and the Same«, die das Album in drei Teilen abschließt, diesen Grundfaden des fragilen Konzepts. Bei Letzterem kann man scherzhaft anmerken, dass es sich um so etwas wie die »2112«-Suite der Kepler-Ten-Karriere handelt. Hand aufs Herz: Sie ist mindestens fünf Minuten zu lang – und das wegen einiger Wiederholungen, die schlicht nicht nötig sind. Vor allem, was die Hauptmelodie im letzten Teil betrifft. Ansonsten ist das Album hervorragend kalibriert mit einem ausgeprägten Drama-Theater und hochvibrantem Stimmungsbogen, der mit großer Sogwirkung anspricht und dem Album einen kraftvollen Schwung dynamischer Entwicklungen verleiht. Ein besonderes Kapitel auf dem Album sind auch die hervorragenden Refrainmelodien, die diese ausgefeilte Mischung aus Pomp und Drama-Theater noch zusätzlich intensivieren.
Das Album trägt eine stimmige und einfallsreiche Verteilung zwischen musikalischen Parts und Teilen, in denen die Band dem instrumental-progressiven Aufwirbeln des Kompositionsdossiers mehr Aufmerksamkeit widmet. Das Trio hat mit dem frischgebackenen Gitarristen Alistair Bell eine hervorragende gegenseitige Chemie verkörpert und mit dem Album »A New Kind of Sideways« eine neue Natur des künstlerischen Dossiers begründet. Das ist das Fundament, auf dem sie mit vollem Ehrgeiz und kreativem Feuer weiter schaffen und sich entwickeln können. »A New Kind of Sideways« ist ein Werk einer eigenwilligen und eigengewachsenen musikalischen Aura, das neben flüchtigen Assoziationen an Rush und ihr Werk ein Element des Ungewöhnlichen mitbringt, das dankenswerterweise als Garant für Frische dient. Diese Frische des musikalisch Ungewöhnlichen wird so manchen Musikgourmet sicherlich überraschen. Kepler Ten machen mit ihrem zweiten Studioalbum also klar, dass sie sich zu einer musikalischen Entität entwickeln, mit der man in Zukunft ernsthaft rechnen sollte.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Universal
2. Clarity
3. Falling Down
4. Weaver
5. These Few Words
6. A New Kind of Sideways
7. Icarus Eyes
8. One and the Same
Besetzung:
James Durand – Gesang, Bass, Keyboards
Alistair Bell – Gitarre
Steve Hales – Schlagzeug, Perkussion, Keyboards
