Lords Of Black: Alchemy Of Souls, pt. 1
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 6. 11. 2020
Produktion: Roland Grapow
Albumlänge: 60.21 min
Genre: Power Metal
Bewertung: 9.5/10
Lords Of Black sind ein spanisches Quartett, das 2014 vom Gitarristen Tony Hernandez und dem chilenischen Vokalisten Ronnie Romero gegründet wurde, der seit 2009 im spanischen Madrid lebt. Genauso wie Hernandez. Mit ihren ersten drei Alben haben Lords of Black ihre Position als eine der vielversprechendsten Bands gefestigt, die das Erbe des Power Metals weiterführt. Mit ihren Talenten haben sie das Genre sensationell zu einer Mischung aus ansteckend giftigem melodischen Metal aktualisiert – mit Ausläufern, die in Richtung Progressive Metal drängen. Die Songs brauchen auch auf dem neuen Album etwas länger, um sich ins Ohr zu graben, als bei einer durchschnittlichen klischeebeladenen Power-Metal-Scheibe.
Das dritte Studioalbum der Band, »Icons of the New Days« (2018), überragte beide Vorgänger in Sachen Reife. Lords of Black haben damit großen Fleiß und Einsatz bewiesen, um in den Fokus der angesehensten neuen Bands zu rücken – hatten damit aber noch längst nicht alle verfügbaren Patronen verschossen. Dann kam jener Juni des Vorjahres und mit ihm der Schock, als Ronnie Romero beschloss, die Band zu verlassen. Romero ist einer der besten Sänger seiner Generation und entsprechend heiß begehrt. Er singt bei CoreLeoni (Nebenprojekt von Gotthard-Gitarrist Leo Leoni), den reformierten Vandenberg und wirkt im Ferrymen-Projekt mit – und was ist nochmal die Krone aller Kronen seiner Karriere? Er wurde in die Besetzung der reformierten Rainbow aufgenommen. Vom Mann in Schwarz persönlich: Ritchie Blackmore. Kein Wunder also, dass Hernandez in eine echte Bredouille geriet, denn Ronnie ist schwer zu ersetzen. Vielleicht nur durch jenen Ronnie, den wir alle seit 2010 so sehr vermissen. Spaß beiseite. Im vergangenen Jahr versuchte Hernandez, Lords of Black mit dem brasilianischen Sänger Hugo Valdez (Dream Child) am Leben zu halten – sowie mit dem kroatischen Gesangstalent Dino Jeulisić (Animal Drive). Gleichzeitig arbeitete er hart am Material für das neue Album.
Als er es Anfang dieses Jahres Romero zum Reinschnuppern schickte, war dieser so begeistert von der Qualität und den neuen Ideen, dass er seinen Entschluss rückgängig machte und zu Lords Of Black zurückkehrte. Das ist eine der schönsten Neuigkeiten dieses Jahres. Man kann sich Lords of Black ohne Ronnie schlicht nicht vorstellen. Das bestätigt das vierte Album »Alchemy Of Souls, pt. 1«, das alle drei Vorgänger übertrifft. Reifemäßig! Die Band hat sich die Produktionskünste von Roland Grapow (Masterplan, ex-Helloween) erhalten, und der legendäre Roland hat seinen Job einmal mehr überragend gemacht. Viele schwelgen noch immer in jenen »Dark Ride«-Zeiten, die für Helloween ohne Grapow nie und nimmer zurückkehren werden.
Zurück zu Lords of Black! Mit Romeros Rückkehr ins Team hat der dadurch mächtig beflügelte Hernandez tatsächlich das Beste aus sich herausgepresst, was er gerade kann und vermag. Das Album ist ruppig, ausgesprochen dunkel. Ja. Dunkel sogar im Bereich des Power Metals, dem es ursprünglich angehört – obwohl es klanglich außerordentlich geschickt aktualisiert und stilisiert wurde. Lords of Black sind innerhalb der vorhersehbaren Genre-Schablonen noch immer ihre ganz eigene Geschichte, und die Hauptakteure dabei sind Tony Hernandez, ein außergewöhnlicher, neoklassisch geschliffener Gitarrendiamant und Komponist, sowie der Sänger aller Sänger seiner Generation – der einzigartige Ronnie Romero. Hernandez ist der Power-Metal-Shredder der neuen Zeit. Wenn man ihm zuhört, schleichen sich Gitarristen wie u.a. Kiko Loureiro und Timo Tolkki in die Gedanken. Tatsächlich haben Romero und Hernandez in den Neunzigern als Teenager viel von den damaligen Errungenschaften von Bands wie Stratovarius, Rhapsody und Angra gehört – aber auch von Savatage, denn das spürt man im Songwriting. Auch auf dem neuen Album. Obwohl sie natürlich eine spanische Ableitung der Power-Metal-Elemente sind. Mit eigenem Temperament, eigener Ausstrahlung, einer eigenständigen kreativen und ausdrucksstarken Aura.
Die Songs sind einer nach dem anderen gespickt mit erstklassigen Soli und einem unglaublichen vokalen Ertrag, den der brillante Ronnie Romero liefert. Dynamit und hochoktanige Spannung einer erstklassigen Mischung aus mitreißendem Phrasing, genialen Modulationen innerhalb der Middle-Eight-Passagen, die die Momente dramatisieren, explodierendem Gesang, der einem lebendig die Haut vom Leib zieht, funkensprühendem Knistern der Übergangselemente sowie atmosphärischen Steigerungen in den Einleitungsteilen der Songs – wo immer bombastisches Drama-Theater garantiert ist – gibt es im Überfluss. Alles sitzt genau da, wo es sitzen muss. Power Metal kann kaum besser funktionieren. Wir schreiben das Jahr 2020, und Hand aufs Herz: Wenn Lords of Black die Schere und das Tuch in den Händen halten, wird Power Metal – dem man heute gerne vorwirft, ein scheinbar veraltetes und archaisches Genre zu sein – tatsächlich aktualisiert, erneuert, wiedergeboren. Lords of Black sind die Bringer seiner Erneuerung.
Die Songs sind wirklich dunkel. So dunkel wie der Name der Band. Sie stehen fast ausschließlich in Moll. Im Songwriting spürt man Hernandez‘ große Zuneigung zu klassischen musikalischen Elementen. Die Produktion sorgt für außergewöhnliche Ruppigkeit, eine leicht kratzige Kontur im Gitarren-Phrasing – kurz: eine ausgeprägte Grimmigkeit –, was natürlich an den Sound von Rolands Masterplan erinnert, während die Phrasen auch in irgendeiner Symphony-X-Geschichte hätten auftauchen können.
Der Opener Die to Live Again ist eine perfekte Komposition, um solche Alben wie »Alchemy of Souls, pt. 1« zu eröffnen. Er reißt den Hörer sofort mit sich. Der Adrenalinstoß ist im Handumdrehen da. Auf dem Album gibt es kein einziges balladeskes Stück, und es donnert von Anfang bis Ende kompromisslos durch. Ungebremst. Verheerend. Lässt keine Überlebenden zurück. Erwähnt werden muss auch, dass Lords of Black für das neue Album einen neuen Schlagzeuger haben. Das ist Johan Nunez, der sonst mit Kamelot zusammenarbeitet und u.a. auch bei Nightrage und Firewind gespielt hat. Auch in dieser Hinsicht haben sich Lords of Black fürs neue Album ordentlich »nachgeschärft«. Solange die Jungs Songs wie die brillante Mini-Epos-Suite Shadows Kill Twice schreiben oder so ambitioniert und lebhaft abwechslungsreich arbeiten wie beim Titelstück des Albums »Alchemy of Souls, pt. 1« – mit seiner wunderschönen Flamenco-Intro –, muss man sich um die Zukunft von Lords of Black keine Sorgen machen. Dann gibt es da noch den Typ von Song wie Tales of Blood, der bewusst Sabbath-mäßig angelegt ist, damit Romero zeigen kann, wie mühelos er in den riesigen Schuhen von Ronnie James Dio läuft. Ein genialer Teaser. Dunkel und eingängig. Wie Sabbath in der »Heaven And Hell«-Ära – und mit einem der besten Riffs, das Iommi vergessen hat zu schreiben.
»Alchemy of Souls Pt. 1« ist wohl der kreative Zenit der Band – aber man soll niemals nie sagen. Einfach ein Moment in der Karriere, in dem sich alles zusammengefügt und zu einem perfekten Studioalbum verdichtet hat. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es Lords of Black verdienen würde, es bei Konzerten komplett von Anfang bis Ende zu spielen. Von Kopf bis Fuß. Hoffen wir, dass Konzerte so bald wie möglich wieder stattfinden können. Ein solches Meisterwerk muss unbedingt auf der Bühne lebendig werden. Die Chemie im Quartett stimmt. Ja. Trotz der Bedingungen des Social Distancing (wie bescheuert und quasi-dramatisch sich das liest). Metal wird überleben. Das hat er immer. Und aus allen Schlachten ist er allenfalls stärker hervorgegangen! Und auch diesmal wird es so bleiben. Das bricht nichts! Wenn ein Fan dieser Musik schon resigniert zum Schluss kommt: „Es gibt nur noch Bands aus den Achtzigern und Neunzigern“ – dann widerlegen ihn Lords of Black mit »Alchemy of Souls pt.1«. Einem neuen Kapitel ihrer Geschichte und einem neuen Blatt, das sich zu Beginn der neuen post-millennialen Dekade für den Power Metal aufgeschlagen hat. Na ja, bei all dem ist noch ein wichtiges Detail unerwähnt geblieben: Auf den ersten Teil folgt auch ein zweiter.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Dying To Live Again
2. Into The Black
3. Deliverance Lost
4. Sacrifice
5. Brightest Star
6. Closer To Your Fall
7. Shadows Kill Twice
8. Disease In Disguise
9. Tides Of Blood
10. Alchemy Of Souls
11. You Came To Me (Piano Version)
Besetzung:
Ronnie Romero – Gesang
Tony Hernando – Gitarre
Dani Criado – Bassgitarre
Jo Nunez – Schlagzeug
