Simon Collins: Becoming Human
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 4. 9. 2020
Produktion: Robbie Bronnimann
Albumlänge: 59.34 min
Genre: Art Pop/Progressive Rock
Wertung: 9.0/10
Simon Collins ist der Sohn des legendären Phil Collins. Mit diesem Satz fange ich an, weil man davon ausgehen darf, dass das slowenische Publikum aktuelle Entwicklungen in der Welt des Progressive Rock nur wenig bis gar nicht verfolgt. Vielleicht weckt dieser Eröffnungssatz die Hoffnung, dass sich jemand zumindest zwei Absätze dieser Rezension durchliest und kurz aufhört, dem kürzlich verstorbenen Bassisten von Riblja čorba nachzutrauern. Simon Collins ist der Sohn des legendären Phil und der lebende Beweis, dass der Apfel nicht (zu) weit vom Stamm fällt. Nachdem er seine Abhängigkeit von Substanzen „diskutabler Wirkung“ überwunden hatte, mit denen er vornehmlich die südamerikanische Wirtschaft gestützt hatte, und zu sich selbst zurückgefunden hatte, beschloss er, ein neues Album aufzunehmen. Ein Soloalbum. „Becoming Human“ ist damit das vierte Soloalbum von Simon Collins. Davor erschienen: „All Of Who You Are“ (2000), „Time For Truth“ (2005) und „U-Catastrophe“ (2008). Sound Of Contact veröffentlichten ihr einziges Studioalbum „Dimensionaut“ im Jahr 2013.
Wir haben zwar auf ein neues Sound of Contact-Album gewartet – nun ja. »Becoming Human« ist, offen gesagt, ein Album, das Fans von Simon Collins offenkundig verstorbenem Bandprojekt sehr vertraut und angenehm klingen wird. Wenn Phil in einem Genesis-Song singt »…You’re not son of mine…«, dann könnte Simon Collins kein echter Sohn von Phil sein. Simons Art, musikalische Musikalität zu begreifen und zu spüren, wie eine Komposition sofort packen muss, sowie sein Ansatz beim Musikmachen – der einerseits einen starken Pop-Einschlag hat und andererseits schamlos mit Rockelementen flirtet – ist dem seines Vaters verwandt. Nur für die neue Zeit weiterentwickelt. Dabei überrascht es längst nicht mehr, dass auch Simon Schlagzeuger ist und mehr. Seine Stimmfarbe ist mitunter verblüffend ähnlich der seines Vaters. Buchstäblich verwandt.
Simon hat für sein neues Studioalbum 11 starke Tracks zusammengestellt. Hat sein Vater in den Achtzigern phänomenalen Pop Rock geschaffen, hat der Sohn dieses Bild heute so aktualisiert, dass er ihm einen außerordentlich starken Hauch cerebraler Esoterik verliehen hat, die sich an Arrangements nach dem Vorbild von Neuheiten orientiert, wie sie etwa Steven Wilson schafft. Elektronik ist auf Schritt und Tritt des Albums allgegenwärtig. Jede Menge filigraner Feinheiten in Programmierung, Sampling, Looping. Effektierung, wenn man so will. Auch Gitarren, die gerne durch Delay-Effekte geschickt werden. Obwohl Collins auf dem Album zwei Gitarristen hat, stellt die Produktion das Gitarrenspiel nicht so prägnant in den Vordergrund wie bei Sound Of Contact. Eine markante Gitarrenphrase tritt üppiger nur in Living In Silence hervor, was in dieser Hinsicht die Ausnahme des Albums bleibt. Die Grundrhythmen sind oft schlicht und sogar tanzbar angelegt, aber mit Sample-Schichten als zusätzliche Perkussion unterlegt, die als „Subrhythmen“ dieses Rhythmusgefüge beleben. In I Will Be Waiting legt Collins persönlich am Schlagzeug noch eine Schippe drauf und lockert den Ausklang des Stücks mit einer Vielzahl von Fill-Rolls auf. Dazu huschen und rascheln zahlreiche Programm-Samples an jeder Ecke der Arrangementstrukturen. Synthesizer-Flächen, die dem Sound von Sound of Contact verwandt sind, verleihen der Klanglandschaft brillante Tiefe. Esoterischer Gesang, effektiert als käme er aus dem Jenseits, entwickelt dabei stellenweise einen außerordentlich schönen Falsett. Metaphysische Texte vertiefen die packende Anziehungskraft der vibrierenden Atmosphären, die auch hypnotisch wirken. Das Album trägt zudem Industrial-Elemente (Thoughts Become Matter, I Will Be Waiting).
Was an diesem Album gefällt, ist seine ausgeprägte Musikalität – und gleichzeitig das geschickt verinnerlichte Wesen des Klangexperimentierens, das sowohl musikalische Gourmets als auch ein weniger anspruchsvolles Publikum ohne Vorlieben für musikalische Komplexität begeistern wird. In den packenden Refrains des eröffnenden Becoming Human und dem darauffolgenden The Universe Inside Me – beides außerordentlich starke Eröffnungsstücke – gelingt es dem Album, atmosphärische Intensität zu entfalten. Die Kombination aus hohem musikalischen Wert und intensiven Stimmungen entwickelt in dieser hochgradig mitreißenden Verbindung zum Hörer eine magnetische Anziehungskraft. Deshalb bleibt man mühelos dran. Bis zum Ende. Besonders die erste Albumhälfte ist außerordentlich ansteckend. In der zweiten Hälfte gönnt sich Collins mehr Experimentierfreude, die in der längsten Komposition gipfelt, die ans Ende des Albums gestellt ist. Das ist das neunminütige Dead Ends. Davor läuft das außerordentlich schöne und sinnliche So Real. In seiner melancholischen Sehnsucht erreicht es das Niveau eines Songwriterbekenntnisses von Ray Wilson – interessanterweise einem weiteren ehemaligen Genesis-Sänger.
Songs wie Becoming Human, So Real, No Love oder This is the Time würden problemlos im Radio laufen. Sie sind Beispiele brillanter Verbindungen aus Pop-Ästhetik, Klangexperimentierfreude und ausgeprägter Art-Rock-Charisma, der man bei aller musikalischen Anziehungskraft nicht widersprechen kann. Simon Collins hat im Studio ein exzellentes Musikerteam um sich versammelt. Er hat ein außerordentlich schönes und besonderes Album abgeliefert. Es klingt dem Sound of Contact-Album ähnlich genug, um auch ein neues Sound of Contact-Album sein zu können – doch Simon hat es anders bewertet. Die Bedeutung und Reichweite einer persönlich bekenntnishaften Poesie haben diesmal den Ausschlag gegeben.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Into The Fray
2. Becoming Human
3. The Universe Inside Of Me
4. Man Made Man
5. This Is The Time
6. Thoughts Become Matter
7. I Will Be Waiting
8. No Love
9. Living In Silence
10. 40 Years
11. So Real
12. Dead Ends
Besetzung:
Simon Collins – Gesang, Schlagzeug, Keyboards
Robbie Bronnimann – Keyboards, Programmierung, Sounddesign
Gaz Williams – Bassgitarre
Kelly Avril Nordstrom – E- & Akustikgitarren
Robin Boult – E- & Akustikgitarren
