Wildness: Ultimate Demise
Label: AOR Heaven Records
Erscheinungsdatum: 31. 10. 2020
Produktion: Eric Modin
Albumlänge: 47.00 min
Genre: Melodic Rock/AOR
Bewertung: 8.5/10
Wenn überhaupt jemand, dann die Schweden. Was Musik angeht, gibt es keine Grenzen. Das gilt für alle Genres. Besonders für Rock und Metal. Wildness sind nämlich eine weitere Band, die nach dem bewährten Rezept der europäischen – genauer gesagt skandinavischen – post-millennialen Melodic-Rock-Welle spielen, mit starker Anlehnung an die traditionellen Errungenschaften des AOR-Genres, das in den Achtzigern geblüht hat. Ja. Das ist eine Band, die man mit älteren skandinavischen Bands wie 220 Volt, Renegade oder Treat in Verbindung bringen kann, aber Wildness könnten auch zu den neuen Helden der Melodic-Rock-Szene für die aktuelle Dekade heranwachsen – die allerdings ziemlich seltsam begonnen hat. Wenn die vergangene Dekade von Bands wie H.E.A.T., Crazy Lixx und ähnlichen geprägt wurde, könnte diese Wildness gehören. Trotzdem haben sie vielleicht den richtigen Zug verpasst – sie hätten vor fünfzehn Jahren einsteigen sollen. Aber egal. Sag niemals nie. Eine gute Suppe aufzuwärmen ist immer zeitgemäß. Besonders nachdem die Band schon vor drei Jahren mit ihrem mehr als mutigen selbstbetitelten Studioerstling ordentlich Staub aufgewirbelt hat.
»Ultimate Demise« ist das zweite Studioalbum von Wildness. Die Band fand sich kürzlich in einem »kleineren« Dilemma wieder, da sie einen neuen Sänger suchen musste. Diesen Part übernahm erst in diesem Frühling Eric Forsberg. Wildness ist ein Quintett von ungeahntem kompositorischem Talent. In der musikalischen Sphäre, der sich die Band verschrieben hat, gehen sie wirklich meisterhaft und feinsinnig zu Werke. Engagiert. Im Glanz echten Perfektionismus – und das gilt auch für die sehr gute Produktion des Albums. Alle Songs erreichen große Flüssigkeit, abgestufte Atmosphäre, packende Pracht und Bombastik sowie – was am wichtigsten ist – eine effektive Verbindung zwischen Strophe und Refrain, die die Ultra-Musikalität des Produkts aufrechterhält und intensiviert. Genau das, was entscheidend ist, um in einem Genre und musikalischen Rahmen, in dem so gut wie alles gesagt wurde, noch immer ein sehr gutes und ansprechendes Album zu machen.
Wildness hat zwei Gitarristen im Team, und der Gitarrensound ist handfest. Auch die Mid-Eight-Passagen mit exzellenten Gitarrensoli sind sehr gut ausgeführt. Die Arrangements sind selbstverständlich mit den rauschenden Synthesizer-Klangteppichen der Achtziger ausgestattet – was in diesem Fall ein absolutes Muss ist –, dennoch dominiert in der Produktion der Gitarrensound. In der Band kümmern sich alle Mitglieder auch um die Backing-Vocal-Harmonien, und deshalb ist der phänomenale Forsberg besonders in den Refrainmelodien buchstäblich unschlagbar. Der Sänger besitzt einen kristallklaren, autoritativen und explosiven Gesang, dem es nicht an sinnlicher »Schärfe« (lies: Weichheit) und ausgeprägter vokaler Ausstrahlung mangelt. Forsberg ist definitiv eine Entdeckung, und die Band ist im Vergleich zum Debüt mit ihm künstlerisch zweifellos gewachsen. Anders gesagt: Ohne Forsberg wäre dieses Album definitiv nicht so gut, wie es ist. Stellenweise zieht er leicht in Richtung Michael Sweet (Stryper). Es ist schwer, Highlights herauszupicken, besonders wenn man vergleicht, welcher Refrain packender wäre. Renegades of Love ist definitiv dabei, direkt daneben Cold War,… oder das eröffnende, aufgedrehte und makellos eingängige Die Young, und auch die Ballade Falling To Pieces hält die Energie aufrecht, wo die Melancholie auch etwas Düsternis entfaltet; diese leichte Obskurheit bewahrt danach auch Burning You Down (wieder mit einem sehr prägenden Refrain). Wenn die Assoziationen durch den Kopf schießen, bleibt der Gedanke auch bei den Australiern White Widow hängen, besonders bei ihrem zweiten Album »Serenade«. Cold War, Denial, Borderline oder My Hideway. Das Album schließt die feierliche, titelgebende Power-Ballade, die eine Prise Chanson enthält, und weil sie sich vom restlichen Material abhebt, hat die Band sie ans Ende des Albums gesetzt. Die Melodie ist etwas, das auch Eric Martensson (Eclipse) hätte zusammenbauen können.
Also? AOR lebt irgendwie (im Verborgenen) weiter. Heimlich auf zeitgemäße Art eingeschmuggelt. Und brillant neu verpackt. Es überrascht nicht, begeistert aber dennoch. Das ist Musik direkt fürs Auto. Wenn du nachts fährst. Von einem Konzert. Sei es aus dem Zentrum Ljubljanas oder aus Wien. Packt dich. Sofort. Schon der bloße Blick auf das Retro-Eighties-Cover des Albums reicht aus. Mit »Ultimate Demise« sind Wildness definitiv noch lange nicht auf halbem Weg. Es ist ein hervorragendes Album, was noch nicht bedeutet, dass Wildness es künstlerisch in Zukunft nicht übertreffen könnten. Die Band steht an der Schwelle ihres kreativen Zenits. Das werden die nächsten beiden Alben zeigen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Call Of The Wild
2. Die Young
3. Nowhere Land
4. Cold Words
5. Renegades Of Love
6. Falling Into Pieces
7. Burning It Down
8. My Hideaway
9. Denial
10. Borderline
11. The Ultimate Demise
Besetzung:
Erik Forsberg – Gesang
Adam Holmström – Gitarre
Pontus Sköld- Gitarre
Marcus Sjösund – Bass
Eric Modin – Schlagzeug