Armored Saint: Punching the Sky
Label: Metal Blade Records
Erscheinungsdatum: 23. 10. 2020
Produktion: Joey Vera
Albumlänge: 53.35 min
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 9.0/10
Armored Saint sind legendäre amerikanische Heavy-Metal-Veteranen. Nackter, ursprünglicher, abgestrippt und rau — so direkt ins Gesicht kann einem kaum ein Gitarrenspiel knallen. Veteranen, die vor 37 Jahren ihre gleichnamige EP veröffentlichten, legen fünf Jahre nach »Win Hands Down« ein Album vor, dem man — wie der Titel des Vorgängers schon andeutet — mit dem Hut in der Hand begegnen sollte. »Punching the Sky« ist alles, wofür sein „Turnhallen“-Titel steht. Eine Band, die tatsächlich wenige Alben veröffentlicht hat und auf die man in Abständen von fünf bis zehn Jahren warten musste, hat uns diesmal „ganze“ fünf Jahre hingehalten. Danke, Jungs. Vor allem danke für dieses so aufrichtig verknöcherte Manifest der Klassik, auf das der altschulverrückte Anhänger gewartet hat — denn das hier ist die Tat lebender Metal-Fossilien, die klingt, als wäre sie in den guten alten Zeiten geschmiedet worden, als Metal noch volle Segel setzte, perfekt gekreuzt mit der Ästhetik moderner Studiogriffe. Daran besteht kein Zweifel, wenn der Bassist der Band, Joey Vera, am Produktions-Steuer sitzt.
Der Sound ist lebendig, dreckig, aber verdammt „echt“ und schneidet bis auf die Knochen. Die Band beißt, als wäre sie gerade erst in die Karriere gestartet, und vermittelt keinen Augenblick lang das Gefühl, dass es sich hier eigentlich um Kerle handelt, die das Alter längst hinter sich gelassen haben und einen prall gefüllten Rucksack voller Geschichten über Gut und Böse mit sich tragen. Das Gitarren-Duo Phil Sandoval–Jeff Duncan bewahrt alle Markenzeichen, die hinter der Rezeptur der klassischen Armored Saint stehen. Die Schlagfertigkeit, der Witz und die schicksalhafte Anziehungskraft des Kreuzfeuers beider Gitarristen begleiten auch dieses Album auf Schritt und Tritt. Neben der gedanklichen Vielfalt, die »Punching The Sky« buchstäblich von Anfang bis Ende in Bewegung hält, ist ein großes Plus dieses Albums, dass es eine wesentlich größere Flüssigkeit und Dynamik in der Entwicklung entwickelt — sowohl gegenüber dem Vorgänger »Win Hands Down« (2015) als auch dem Vorvorgänger »La Raza« (2010).
Das neue Studiotheater der Band ist durchgehend hochintensiv, leidenschaftlich und brodelt ungezügelt. Seine knapp 54 Minuten lassen den Hörer keinen Moment lang ratlos, gelangweilt oder niedergeschlagen zurück. Armored Saint haben in ihrer gesamten Karriere kein schlechtes Album aufgenommen. Aber das neue Werk kann sich dennoch damit rühmen, noch mehr von dem herauszuholen, was die modernen Armored Saint mit den klassischen Achtzigern verbindet. Mehr noch: »Punching The Sky« ist ohne Wenn und Aber ein Album, das in seiner Qualität auf eine Handbreit an »Symbol of Salvation« (1991) heranreicht. Also an jenes, das für viele Fans der Band das Kronjuwel des diskografischen Schaffens von Armored Saint ist. Besonders die beiden mittleren Tracks Lone Wolf und Missile to Gun reihen sich ohne weiteres Zögern sofort in den klassischen Kanon der ersten vier Alben der Band ein. Vielleicht hat eine der letzten Tourneen der Band, auf der sie das gesamte »Symbol of Salvation« sowie eine Menge weiterer Klassiker gespielt haben, auch das Kompositionsprinzip des neuen Albums beeinflusst — weshalb es stellenweise so viel intensiver in die romantischen Anfangstage der Band zurückgreift.
Und John Bush? Dieser Mann kann einfach nicht schlecht singen. Selbst wenn er es wollte — er würde es nicht hinbekommen. Seine Stimme dient ihm nach all den Jahren noch immer brillant. Er hält Leidenschaft, Wut, explosive Kraft und Autorität aufrecht, aber auch Momente „introvertierten Zurückhaltens“, wo es mehr raffiniertes Gespür braucht (»Fly in the Ointment«, das balladenhafte »Unfair«). Die Refrainmelodien sind größtenteils eingängig und kriechen neben John Bushs dominantem Auftritt sofort ins Ohr (das bestätigt schon der Einstieg des Albums, wenn sich »Standing on the Shoulders of Giants«, »End of the Attention Span« und »Bubble« aneinanderreihen). Das Album besitzt einen ausgesprochen prägnanten rhythmischen Groove, der einen wirkungsvollen Kontrast zum Gitarren-Riffing aufrechthält. Die Basslinien graben und reißen klirrend, wenn sie mit voller Kraft durch Stahl schneiden, und die Kanonenschläge des Schlagzeugs ebnen ihnen dabei den Weg. Wie gesagt … Die außergewöhnliche Produktion potenziert noch einmal die ganze Aufrichtigkeit und wahrheitsgetreue Reinheit dieses Werkes, das all das ausdrückt, was im echten Metal an erster Stelle gefordert wird. Unbotmäßigkeit und Trotz auf dem zeitlosen Gang der Band ihren eigenwilligen und selbstbestimmten Weg unter freier Sonne — aber auch düstere Aussichten, Unheilschwangeres und Spöttisches. »Punching the Sky« macht keinerlei Kompromisse.
Fans der Band und Liebhaber der klassischen amerikanischen Schule werden begeistert sein von der neuen Dosis schamloser Perversionen der Metal-Veteranen Armored Saint. Das Material spricht das Urtümliche an. So urtümlich, dass sich etwa im „refrainbellenden“ »Bark, No Bite« das Gitarrenspiel punktuell den Pionier-Elementen der Heavy-Rock-Bands der Siebziger annähert (UFO, Thin Lizzy). Das ist ein Experiment und eine vergnügliche Abweichung in diesem Studiowerk — einem neuen Album, das stolz Seite an Seite mit den Klassiker der Band marschiert.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
01. Standing On The Shoulders Of Giants
02. End Of The Attention Span
03. Bubble
04. My Jurisdiction
05. Do Wrong To None
06. Lone Wolf
07. Missile To Gun
08. Fly In The Ointment
09. Bark, No Bite
10. Unfair
11. Never You Fret
Besetzung:
John Bush – Gesang
Phil Sandoval – Gitarre
Jeff Duncan – Gitarre
Joey Vera – Bassgitarre
Gonzo Sandoval – Schlagzeug
