Ayreon: Transitus

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Label: Music Theories Recordings/Mascot Label Group
Erscheinungsdatum: 25. 9. 2020
Produktion: Arjen Anthony Lucassen
Albumlänge: 80.51 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 7.0/10


»Transitus« ist der Titel der neuesten Prog-Metal-/Prog-Rock-Oper unter der musikalischen, kompositorischen und konzeptuellen Regie von Arjen Anthony Lucassen und seinem stets ambitionierten Projekt Ayreon. Arjen hatte ursprünglich gar nicht vor, »Transitus« als Ayreon-Album zu veröffentlichen, sondern im Rahmen eines anderen Projekts – doch später besann er sich eines Besseren und lud erneut eine Reihe renommierter Musikernamen zur Zusammenarbeit ein.

Die Gesangsrollen bzw. die Rollen der einzelnen Figuren aus dem »Transitus«-Konzept wurden unter zahlreichen bekannten Sängern und Sängerinnen aufgeteilt: Tommy Karevik (Kamelot, Seventh Wonder) als Daniel, Cammie Gilbert (Oceans of Slumber) als Abby, Paul Manzi (ex-Arena) als Henry, Simone Simons (Epica) als Todesengel, Amanda Somerville (Trillium) als Lavinia, Marcela Bovio (ex-Stream of Passion) in der Rolle von drei Figuren, Schlagzeuger Johanne James (Threshold) als Abraham, Dianne van Giersbergen (Ex Libris) als Sopran und Dee Snider (Twisted Sister) als Vater.

Arjen wurde auf »Transitus« in der Rolle der Instrumentalisten von solchen Meistern begleitet wie den Gitarrenvirtuosen Joe Satriani und Marty Friedman (ex-Megadeth). Eine große Besonderheit von »Transitus« ist, dass dies erst das zweite Ayreon-Album ist, auf dem nicht Ed Warby die Schlagzeugsticks schwingt. Diesmal ersetzte ihn Juan van Emmerloot, ein alter Bekannter von Arjen, der einst mit Lucassens erster Band Vengeance zusammengearbeitet hatte. Arjen wollte nach eigenen Aussagen auch mit Warbys (vorübergehender) Ablösung beweisen, dass es sich hier um kein gewöhnliches Ayreon-Album handelt. Der prestigeträchtige Gast in der Rolle des Erzählers ist diesmal der legendäre englische Schauspieler Tom Baker, der in der Zeit zwischen 1974 und 1981 durch die Rolle der vierten Inkarnation des Doktors in der Kultserie Doctor Who des BBC bekannt wurde.

Es gibt nur noch wenige Vertreter der „alten englischen Schule“, die für ein solches Konzept geeigneter wären als Baker – der Mann ist wie geboren dafür, eine gotisch-schaurige Geschichte zu erzählen, die im 19. Jahrhundert, mitten im viktorianischen England, angesiedelt ist. Leider gibt es von seinen Erzählungen, vor allem auf der zweiten CD, absolut zu viele, und mit der Zeit können sie für so manchen ermüdend werden. Das gotische Konzept von »Transitus« unterscheidet sich grundlegend von bisherigen Ayreon-Konzepten, die überwiegend science-fiction-lastig waren – was einer der Hauptgründe war, warum Arjen Bedenken hatte, ob er es nicht lieber im Rahmen eines anderen Projekts veröffentlichen sollte. Wie sich bald herausstellt, waren seine Bedenken völlig berechtigt.

Im Vergleich zu bisherigen Ayreon-Konzepten stellt »Transitus« einen großen Schritt zurück dar: Statt einer ambitionierten, intelligenten, provokativen und innovativen Geschichte haben wir etwas bekommen, das eher einer Disney-Interpretation klassischer europäischer Märchen ähnelt als einem düsteren Gothic-Film aus der Regie von Tim Burton. Die Geschichte ist ausgesprochen seicht und erzählt von zwei verschiedenen Welten – der materiellen, verkörpert durch das viktorianische London, und der spirituellen, in der die Geister wohnen.

Die zentrale Figur der Geschichte ist ein wohlhabender und naiver junger Mann namens Daniel. Dieser wird vom eigenen Vater aus dem Haus geworfen, weil er eine Affäre mit der gemeinsamen Dienstmagd Abby hatte, die offensichtlich beiden reichen Männern gefiel. Dabei möchte manch eifriger Hüter der politischen Korrektheit, der den historischen Kontext nicht versteht, vielleicht die Augen verdrehen, da die „fatale“ Dienstmagd von der dunkelhäutigen Sängerin Cammie Gilbert gespielt wird. Daniel erlebt einen tragischen Tod, und seither versucht sein Geist auf verschiedene Wege, Kontakt zu Abby aufzunehmen und ihre Unschuld an seinem Tod zu beweisen. Daniel tröstet sich in seinem Schmerz damit, dass er sich mit einer Statue eines römischen Soldaten mitten auf dem Anwesen seines Vaters unterhält, die in seinen Gedanken zum Leben erwacht und zu sprechen beginnt. Daniel gelingt es am Ende der Geschichte – trotz des teuflischen Plans seines falschen Freundes Henry sowie der verführerischen, weiblichen Version des Todesengels und ihrer Furien – Kontakt zu Abby herzustellen, und die Liebenden vereinen sich schließlich im Transitus, der Welt der Geister bzw. der Toten. Kurzum: Es hat wenig Sinn, allzu viele Worte über das »Transitus«-Konzept zu verlieren, und es ist eine große Frage, ob der zeitgleich mit dem Album erschienene Comic den ziemlich blassen Eindruck geradezurücken vermag.

Der dritte und vielleicht größte Schwachpunkt von »Transitus« ist die wenig überzeugende vokale Interaktion zwischen dem zentralen männlichen und weiblichen Protagonisten, die durch die Gesangsbeiträge von Tommy Karevik und Cammie Gilbert verkörpert werden – zwischen ihnen will einfach keine echte Magie entstehen, jene Magie, an die wir bei früheren Ayreon-Duetten zwischen Mann und Frau gewöhnt waren. Cammie besitzt ein sehr spezifisches Vokalregister und eine interessante Klangfarbe der Stimme, die bei ihrer Band Oceans of Slumber sicher zündet, während sie im Duett mit Tommy, der in seiner Solistenrolle erwartungsgemäß überzeugend ist, übermäßig schrill und beinahe raubtierartig wirkt – was ihrer Rolle als Daniels zerbrechliche, verstorbene Liebhaberin so gar nicht entspricht. In einer anderen Rolle würde ihr vokaler Ansatz wahrscheinlich hervorragend wirken.

Die übrigen Sänger und Sängerinnen verdienen sich größtenteils Lob, obwohl es auf dem Album auch weniger helle Momente gibt, in denen sie etwas schrill durcheinanderschreien, wie etwa auf dem leicht nervigen »Condemned Without a Trial«. Unter den Sängerinnen gilt das besonders für die diesmal in Hochform aufspielende Simone Simons in der für sie ungewöhnlichen, unheilvollen und zugleich verführerischen Rolle des Todesengels. Die rothaarige Metal-Diva glänzt besonders auf dem Stück »This Human Equation«. Schön ist es auch, die großartige Gesangsperformance von Paul Manzi zu hören, der nach seinem Abgang bei Arena, mit der er fast zehn Jahre lang fruchtbar zusammengearbeitet hat, zweifellos mehr Bekanntheit verdient. Paul beweist sich besonders auf »Talk of the Town«, das zu den gelungeneren Momenten von »Transitus« zählt.

Instrumentell ist das eine etwas härtere, gothischere und ambiental düsterere Ayreon-Leistung als gewohnt, die stellenweise anderen Projekten Arjens näherstehend ist, wie etwa The Gentle Storm – was wir aber angesichts der angekündigten Natur und des Konzepts von »Transitus« irgendwie erwartet hatten. Die einzelnen Instrumentalisten haben ihre Arbeit tadellos erledigt, während alle Fans von Joe Satriani dessen Gitarrensolo auf »Get Out! Now!« genießen werden – das auch als Single erschienen ist. Genau die Stücke, die als Singles veröffentlicht wurden, wie »Hopelessly Slipping Away« sowie die bereits erwähnten »Get Out! Now!«, »This Human Equation« und »Talk of the Town«, gehören zu den besten Momenten dieses „lauwarmen“ Albums. Die wenig überzeugende vokale Chemie zwischen den beiden Hauptsängerinnen und -sängern trägt leider dazu bei, dass die Mehrzahl der Kompositionen schon von der Eröffnungsnummer »Daniel’s Descent into Transitus« an einfach nicht zum Leben erwacht – zudem findet sich zwischen den einzelnen Kompositionen eine absolut übertriebene Anzahl von höchstens zwei Minuten langen „Füllseln“, in denen Bakers gesprochenes Wort dominiert.

Für »Transitus« wäre es zweifellos besser gewesen, wenn es unter dem Namen eines anderen Arjen-Projekts erschienen wäre – etwa The Gentle Storm, Guilt Machine oder Stream of Passion – statt unter Ayreon, wie ursprünglich geplant war; am Ende siegte aber wieder die wirtschaftliche Logik des garantierten Verdienstes. Schade, denn das Album ist nicht ohne seine positiven Seiten. Mit etwas kürzerer Laufzeit, einer begrenzten Anzahl von Erzählpassagen, gewitzeteren Strukturen der einzelnen Teile, einem intelligenteren und interessanteren Konzept und vor allem besserer vokaler Chemie zwischen den beiden Hauptsängern wäre »Transitus« ohne Zweifel deutlich besser ausgefallen. Diesmal ist Arjen, trotz seiner stets beneidenswerten Ambition, das Ganze nicht wirklich gelungen, und es könnte gut sein, dass »Transitus« im Schatten der deutlich interessanteren, science-fiction-geprägten Ayreon-Vorgänger bleiben wird.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik


Trackliste:
CD1.:
1. Fatum Horrificum (A] Graveyard, B] 1884, C] Daniel And Abby, D] Fatum, E] Why?!, F] Guilty)
2. Daniel’s Descent Into Transitus
3. Listen To My Story
4. Two Worlds Now One
5. Talk Of The Town
6. Old Friend
7. Dumb Piece Of Rock
8. Get Out! Now!
9. Seven Days, Seven Nights
 
CD2.:
1. Condemned Without A Trial
2. Daniel’s Funeral
3. Hopelessly Slipping Away
4. This Human Equation
5. Henry’s Plot
6. Message From Beyond
7. Daniel’s Vision
8. She Is Innocent
9. Lavinia’s Confession
10. Inferno
11. Your Story Is Over!
12. Abby In Transitus
13. The Great Beyond

Musiker:
Arjen Anthony Lucassen – Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards, Xylophon, Dulcimer, Kinderpiano

Vokalisten/Vokalistinnen:
Tommy Karevik 
Cammie Gilbert
Amanda Somerville
Dee Snider
Marcela Bovio
Simone Simons
Johanne James
Michael Mills
Dianne van Giersbergen
Caroline Westendorp
Dan J. Pierson
Jan Willem Ketelaers
Wilmer Waarbroek
Will Shaw
Marjan Welman
Lisette van den Berg

Tom Baker – Erzähler

Noa Gruman – Orchesterarrangements für Hellscore Choir
Hellscore Choir – Chorgesang

Joost van den Broek – Hammond-Orgel, Klavier
Ben Mathot – Violine
Jeroen Goossens – Flöte, Pfeifen
Jurriaan Westerveld – Cello
Alex Thyssen – Horn
Joe Satriani  – Gitarre
Marty Friedman – Gitarre
Patty Gurdy – Hurdy gurdy
Juan van Emmerloot – Schlagzeug
Jan Willem Ketelaers – Backing Vocals
Wilmer Waarbroek – Backing Vocals
Will Shaw – Backing Vocals
Marjan Welman – Backing Vocals
Lisette van den Berg – Backing Vocals

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