Fish: Weltschmerz

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Label: Fishy Music Ltd.
Datum: 25. 9. 2020
Produzent: Calum Malcolm
Albumlänge: 84.30 Min.
Genre: Neo-Progressive Rock / Art Rock
Wertung: 9/10


»Weltschmerz« ist das lang ersehnte Abschlussstudioalbum des kultigen schottischen Sängers, Komponisten, Poeten und Schauspielers Derek William Dick, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Fish. Fish hat »Weltschmerz«, das laut dem charismatischen Sänger der abschließende Akt seiner reichen und bewegten Musikkarriere ist – abgesehen von der derzeit noch recht ungewissen Abschiedstour zur Unterstützung des neuen Albums –, ganze fünf Jahre lang erarbeitet. 2018 veröffentlichte er seine bis dahin einzige „richtige“ EP mit dem Titel »A Parley of Angels«, auf der sich auch drei Stücke befanden, die auf »Weltschmerz« erneut erschienen sind; sie war eine Art Vorbereitung auf eines der interessantesten und ungewöhnlichsten Alben seiner Solokarriere, die „damals“ 1988 begann, als er die legendäre Progrockband Marillion verließ.

Der Albumtitel ist ein Kompositum aus zwei deutschen Wörtern für Melancholie und eine tiefe Erschöpfung durch angehäufte persönliche und weltweite Lasten, die Fishs Seele in den letzten Jahren zusätzlich beschwert haben. »Weltschmerz« ist nämlich ein sehr persönliches Album, und die meisten Texte beziehen sich auf Fishs eigene – gute wie schlechte – Erfahrungen der vergangenen fünf Jahre. Zwischen 2015 und 2020 erlebte er den Tod seines Vaters, die schwere Erkrankung seiner 87-jährigen Mutter, um die er sich fortan gemeinsam mit seiner Frau kümmern muss, die Wahl Trumps ins Weiße Haus, den Beginn des Syrienkriegs, den Beginn der Flüchtlingskrise, eine Sepsisvergiftung, die ihn fast das Leben kostete, eine Wirbelsäulen- und Handoperation sowie eine persönliche kreative Blockade, die ihm die Arbeit an neuer Musik enorm erschwerte. Das Ereignis jedoch, das ihn in dieser Zeit am härtesten traf und das letztlich den Durchbruch seiner künstlerischen Blockade herbeiführte, war das Terrorattentat auf 89 Musikfans mitten im Pariser Theater Bataclan.

Bei der Entstehung von »Weltschmerz« scharte Fish einige alte Weggefährten um sich, darunter den langjährigen Bassisten Steve Vantsis, Gitarrist Robin Boult und Keyboarder Foss Patterson (ex-Camel), während Gitarrenvirtuose John Mitchell (Arena, Lonely Robot, It Bites, Frost*) und Schlagzeugmeister Craig Blundell (Lonely Robot, ex-Pendragon) ihre erste Chance zur Zusammenarbeit mit dem kultigen schottischen Musiker bekamen. Fishs „Ass im Ärmel“ ist diesmal der kultige Saxofonist/Flötist David Jackson (ex-Van der Graaf Generator), dessen charakteristische Saxofonpassagen die ambiente Natur einiger Kompositionen erheblich bereichern und ihnen zudem einen Hauch Jazzzauber verleihen. Weibliche Gesangsharmonien als Gastbeiträge – diesmal auf wunderbare Weise von Doris Brendel übernommen – sind seit Beginn des neuen Jahrtausends zu Fishs beliebter Praxis auf seinen Alben geworden.

»Weltschmerz« ist ein ambienter, wie erwartet außerordentlich melancholischer, aber keineswegs hoffnungsloser Tonträger, der die Weltanschauung und die Erfahrungen eines abgebrühten Mannes in seinen späten reifen Jahren widerspiegelt – eines Mannes, der in seinem Leben bisher Dinge erlebt und erreicht hat, die ein durchschnittlicher Erdbewohner in zehn Leben zusammen nicht erlebt. Beim Hören der einzelnen »Weltschmerz«-Kompositionen hängt stets das Gefühl des Endes einer Ära in der Luft. Das Album enthält einige von Fishs reifsten und komplexesten Schöpfungen überhaupt und wird mit jedem weiteren Durchgang interessanter, denn die komplexe ambiente, instrumentale und lyrische Natur der einzelnen Stücke lässt sich beim ersten Hören schlicht nicht vollständig erfassen.

Schon das einleitende »Grace of God« kündigt eine außerordentlich reichhaltige ambiente Reise an – mit zahlreichen rhythmischen Wendungen, üppigen orchestralen Arrangements, leidenschaftlichen weiblichen Vokalharmonien und Fishs stets bis ins Letzte hineinversetzter Gesangsdarbietung. »Man With a Stick«, das auch als Single erschien, enthält nahezu hardrockartige Passagen, während die Tiefe des Ambientes vor allem durch farbige Keyboard-Arrangements erzeugt wird, die Fishs zynisch gefärbten Gesangsansatz wunderbar ergänzen. Das etwas düstere »Walking On Eggshells« besticht durch mächtige sinfonische Arrangements, melancholische Gitarrenpassagen und chorische Harmonien, die sehr gut zu Fishs persönlichem und ziemlich abstraktem Text passen, in dem eine fatale Frau nicht fehlt. »This Party’s Over«, das dank akustischer und Bläser-Arrangements auch einige minimale Folk-Elemente enthält, ist ein optimistischer gestimmtes Werk, in dem Fish auf ein weniger ruhmreiches Kapitel seiner Vergangenheit zurückblickt, als er mit Alkoholabhängigkeit zu kämpfen hatte.

Das knapp sechzehnminütige Epos »Rose of Damascus«, das ein schottisches Kammerorchester einschließt, ist das erste der drei Epen auf »Weltschmerz« und eines der stärksten Stücke darauf – mit zahlreichen Stimmungswechseln, unerwarteten rhythmischen Übergängen und Fishs Narration, die auch diesmal genau an den richtigen Stellen sitzt. Die wehmütige Ballade »Garden of Remembrance« enthält zweifellos den persönlichsten Text auf »Weltschmerz«, der sich auf Fishs Eltern bezieht – vor allem auf seine Mutter, die kürzlich an Alzheimer erkrankt ist. »C Song (The Trondheim Waltz)« ist mit subtil dosierten Akkordeon-Klängen und weiblichen Begleitvokalharmonien gewürzt, die in Verbindung mit Fishs exzellent aufgelegtem Gesang eine ausgesprochen stille, stilllebenartige Atmosphäre erzeugen.

Das düstere »Little Man What Now?«, entstanden kurz nach dem Tod von Fishs Vater, wurde vom gleichnamigen Roman des deutschen Schriftstellers Hans Fallada inspiriert. Jacksons Saxofonpassagen sorgen für eine Steigerung der wehmütigen Stimmung, während Fishs emotionale Zustände beim Singen chamäleonartig zwischen Melancholie, Wut und Gelassenheit wechseln. Der exzellenten Begleitvokalunterstützung durch Brendel, die auch einen Hauch Soul enthält, folgt ein fantastischer, instrumental gefärbter Abschluss. »Waverly Steps (End of The Line)«, das Abschiedsepos mit ausgesprochen persönlichem Text, majestätischen orchestralen Arrangements und herzzerreißendem vokalem Chamäleonismus, lässt sich ohne weiteres zu den besten Schöpfungen von Fishs großartiger Musikkarriere zählen. Das Abschlussstück, zugleich das Titelwerk und Fishs sarkastischer Kommentar zur modernen Gesellschaft, ist zweifelsohne das härteste Stück des Albums, für das auch ein Promotionsvideo gedreht wurde. Fishs leidenschaftliche Gesangsdarbietung, mächtige weibliche Vokalharmonien und wütende Gitarrenpassagen treiben dieses prächtige Werk bis zu seinem ambienten Siedepunkt und runden dieses hervorragende Album auf würdige Weise ab.

Falls »Weltschmerz« tatsächlich Fishs letztes Studiowerk sein sollte, ist es ein außerordentlich würdiger Abschied, wie er einem Musikkünstler seines Formats gebührt – einem, der uns fast vierzig Jahre lang mit seinem Gesangs-, Kompositions- und Dichtungstalent sowie mit seiner außergewöhnlichen Bühnenpräsenz begeistert hat, weswegen man ihn getrost zu den fünfzehn, vielleicht sogar zehn größten Helden in der Geschichte des Progressive Rock zählen darf. Nach Fishs eigenen Worten hat er mit »Weltschmerz«, das zweifelsohne einer der strahlendsten Edelsteine seiner Solokarriere ist, alles gesagt, was er in musikalischer Hinsicht noch zu sagen hatte. Trotz der unvermeidlichen Enttäuschung seiner Fans wird sich seine kreative Laufbahn nach der Abschlusstournee auf die eine oder andere Weise sehr wahrscheinlich fortsetzen – auch wenn sie sich außerhalb des musikalischen Bereichs abspielen sollte.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik


Trackliste:
CD1
1) Grace of God (Dick/Boult/Vantsis) 8.19
2) Man with a Stick (Dick/ Vantsis/Boult) 6.27
3) Walking on Eggshells (Dick/Vantsis) 7.18
4) This Party’s Over (Dick/Boult/Vantsis) 4.22
5) Rose of Damascus (Dick/Vantsis/Boult) 15.45
Total 42.12
CD2
6) Garden of Remembrance (Dick/JC Mitchell) 6.07
7) C Song (The Trondheim Waltz) (Dick/Paterson/Boult) 4.41
8) Little Man What Now? (Dick/Vantsis/Boult) 10.54
9) Waverley Steps (End of The Line)
(Dick/Vantsis/Boult) 13.45
10) Weltschmerz (Dick/Vantsis) 6.51

Musiker:
Fish – Gesang

Steve Vantsis – Bass, Keyboards, Gitarre, Programmierung
Robin Boult – Gitarre
John Mitchell – Gitarre
Craig Blundell – Schlagzeug
Dave Stewart – Schlagzeug
David Jackson – Saxofon
Liam Homes – Keyboards
Foss Paterson – Keyboards
Doris Brendel – Begleitgesang
Mikey Owers – Bläserarrangements
Scottish Chamber Orchestra – Streicher

Fish – The Party’s Over (offizielles Video)
Fish – Garden of Remembrance (offizielles Video)
Fish – Weltschmerz (offizielles Video)
Fish – Man With A Stick (offizielles Lyric-Video)
Fish – Waverly Steps (offizieller Audio-Stream)
Fish – Walking On Eggshells (offizieller Audio-Stream)
Fish -Grace Of God (offizieller Audio-Stream)
Fish -Rose Of Damascus (offizieller Audio-Stream)
Fish – Weltschmerz (Albumcover)
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