Raven: Metal City
Label: SPV/Steamhammer
Erscheinungsdatum: 18. 9. 2020
Produktion: Raven
Albumlänge: 38.55 min
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 8.5/10
Fans der Zeiten, als Metal jung war und ein unschuldiges Kind des immer härter werdenden Rocks der Siebziger — das sind unvergessliche Zeiten brennender Herzen und großer Begeisterung. Dieses sprudelnde Gefühl, als alles möglich war, die Verwirklichung jeglicher Träume. Eine Zeit voller wild kreativer Energie, die unter anderem die rasante Entwicklung dieses faszinierenden Genres in viele nicht minder faszinierende Subgenre-Sphären diktierte. Raven sind eine jener Bands, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Sie waren Teil dieser Eruption. Die Brüder Mark und John Gallagher gründeten die Band tatsächlich bereits 1974! Raven schlossen sich aktiv der Bewegung namens N.W.O.B.H.M. an. Und? Haben alles gesehen. Raven haben sich — anders als viele Generationsgenossen, die aus der N.W.O.B.H.M.-Ära hervorgegangen sind — nie offiziell aufgelöst und/oder sich später neu formiert. Niemals. Nur jene Zeit, als Gitarrist Mark Gallagher 2001 einen schlimmen Unfall erlitt und während eines Konzerts eine Wand auf ihn stürzte und ihm beide Beine verletzte, bewirkte, dass die Band für vier Jahre in eine erzwungene Pause gehen musste. Die Raven-Alben der Achtziger sind Klassiker. Vor allem die ersten beiden, »Wiped Out« (1982) und »Rock Until You Drop!« (1981), haben das Bild des frühen Metallica tiefgreifend geprägt, aber auch Anthrax und andere, die kurz darauf in Richtung Thrash Metal aufbrachen.
In der heutigen Raven-Besetzung sorgen für das unaufhaltsame Leuchten und die Glut der lodernden Fackel musikalischer Verkörperung die unverrotteten Metal-Herzen beider Gallagher-Brüder — und das genügt. Was die Wahrung aller Glaubwürdigkeit betrifft. 2017 stieß neuer Drummer Mike Heller zu ihnen. Die Band ist schon seit geraumer Zeit in den USA ansässig, obwohl die Gallaghers Briten aus dem englischen Newcastle sind (der Albumtitel »Metal City« bezieht sich genau auf Newcastle).
Das neue Album folgt seinem Vorgänger »ExtermiNation« (2015) in vielerlei Hinsicht. Es ist neue, eingängige Metal-Kost, bei der Old-School, moderner Studio-Nutzen der Vorteile des technologischen Fortschritts sowie die verinnerlichten Hebel des Strebens nach extremer aggressiver Zerstörungskraft einen faszinierenden gemeinsamen Nenner eines allgemein versöhnlichen gegenseitigen Dialogs gefunden haben.
Daher ist »Metal City« auch in jeder Hinsicht ein besonderes Album. Weil es eben ein reinrassiges Raven-Album ist. Heller ist ein technisch außerordentlich gut gerüsteter und vollendeter Drummer und gegenüber seinem Vorgänger Joe Hasselvander zweifellos ein moderner Gewinn für die Band, die daraufhin die Dramatheatralik, die performative Potenz und das Arrangieren selbst intensiviert und kontrastiert hat. Die Schlagzeugübergänge biegen sich unter transitorischer Explosivität, und Heller ist auf dem Album besonders allgegenwärtig, wenn es darum geht, die gleißende rhythmische Kultur und Kinetik der Tracks aufrechtzuerhalten, die sich allesamt auf dem verbissen torpedierenden Marsch des Doppelbassdrum-Pedals vorwärtswälzen.
Was Raven in der neuen Zeit treiben, ist nichts anderes als eine bis zur äußersten Potenz hochgeschraubte und in allen Details zur vollen Reife optimierte Formel, die sie zu Beginn ihrer Karriere servierten und die aus dem Aufwachsen beim Hören des treibenden und einflussreichen Rock’n’Roll der Siebziger stammt (auf dem Album nähert sich dem am ausdrucksstärksten Top of the Mountain). Wobei diese stilistisch aktualisiert und zu stilistischer Reife geschliffen wurde. Für die neue Zeit ist sie nämlich mehr als überzeugend gekreuzt mit einer Aggressionsimplantation, die in kompromisslosem Phrasieren und rhythmischem Drängen verankert ist. Über allem waltet der hervorragende Gesang von John Gallagher, der in reifen Jahren noch immer verdammt viel Kraft entwickelt und — wie zum Spaß — auch in den höchsten Vokalzylindern draufhaut, mit unverminderter Stärke und wilder Intensität. Manche Schreie sind schlicht faszinierend. Wie viel davon »Spielerei« im Studio war, werden wir nie erfahren, aber wenn John Gallagher heute noch so einen Gesang auch live auf der Bühne entfaltet, ist der Mann eine Zinnkehle, in der sich schon in den Siebzigern eine unzerstörbare stählerne Kreissäge verhakt hat.
Die Tracks sind überwiegend kurze ‚Pulsbeschleuniger‘, die dem Hörer keine Sekunde Luft zum Atmen lassen. Sie packen einen sofort. Mit hochoktaniger Spannung brechen sie Halswirbel und lassen keine Kompromisse gelten — Raven würden in solcher Rage keine Überlebenden hinter sich lassen. Solche sind der Opener The Power, und vor allem Human Race, Cybertron und Break, die mit extrem vernichtender Wucht zuschlagen. Wieder überraschte die Band mit mehr hymnischer Bombastik in Tracks wie dem titelgebenden Albumsong, Battlescarred und in der abschließenden Mini-Suite, die auf über sechs Minuten kommt — nämlich When Worlds Collide —, bei der du schon im Voraus erraten hast, dass der Grund dafür die Tatsache ist, dass sie in einem etwas langsameren Tempo gespielt wird. Das bedeutet, dass das Album dank seiner lebhaften ideellen Bildsprache enorm dynamisch ist, auch wenn klar ist, dass die Formel — oder das Rezept — für die Band seit vielen Jahren ein Gesetz ist, an dessen Postulaten sie fleißig festhält. Der Vorzug des neuen Albums gegenüber dem Vorgänger »ExermiNation« liegt auch darin, dass es arrangementseitig entlastet ist, dass es weniger Tracks enthält und dass diese entschieden kürzer sind. Denn bei Raven hat das kompositorische Axiom »weniger ist mehr« stets gezündet. Und dem haben sie auf dem Album »Metal City« erneut vollblütig Sinn gegeben — einem Album, das für die Maßstäbe dieser langlebigen und offensichtlich unzerstörbaren Band mehr als eine herausragende Leistung ist. Es platzt vor Aufrichtigkeit und vermittelt dabei gleichzeitig das souveräne Gefühl außergewöhnlicher Reife aller drei Akteure der Besetzung.
Und zu guter Letzt. Das unterhaltsame und pfiffige Comic-Cover, nach dem Motto »Wir sind alle ein bisschen verrückt, aber wir wünschen uns Superheldentum«, könnte zum neuen musikalischen Lesestoff der Band nicht besser passen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
01. The Power (3:55)
02. Top of the Mountain (3:36)
03. Human Race (3:59)
04. Metal City (3:27)
05. Battlescarred (4:45)
06. Cybertron (3:24)
07. Motorheadin‘ (2:42)
08. Not So Easy (3:09)
09. Break (3:39)
10. When Worlds Collide (6:15)
Besetzung:
John Gallagher – Gesang, Bassgitarre
Mark Gallagher – Gitarre
Mike Heller – Schlagzeug
