John Petrucci: Terminal Velocity

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Label: Sound Mind Music/The Orchard Music
Erscheinungsdatum: 28. 8. 2020 digitales Format / 30. 10. 2020 physisches Format
Produktion: John Petrucci
Albumlänge: 55.10 min
Genre: Progressive Metal / Instrumental Rock
Wertung: 9.5/10


»Terminal Velocity« ist nach 15 Jahren das erste neue Solo-Studioalbum eines der beliebtesten Helden der gitarristischen Freudenlehre unserer Zeit – des Mitgründers und Kopfes von Dream Theater, John Petrucci. Was soll man sagen? Halleluja! Viel zu lange haben wir darauf gewartet. Angesichts von Petruccis vollgepacktem Terminkalender, der in erster Linie durch die Aktivitäten von Dream Theater bestimmt wird, war diese lausige Pandemie für den Musiker auf gewisse Weise ein Glücksfall: Die Bedingungen der »Isolation und Einsamkeit« haben ihm genug Zeit verschafft, um einige alte Ideen zu Ende zu bringen, die sich über die Jahre in staubigen Archiven angesammelt hatten.

»Terminal Velocity« ist nicht nur deshalb besonders, weil hier zwei alte Dream-Theater-Bekannte zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder gemeinsam spielen – John Petrucci und Schlagzeuger Mike Portnoy (Transatlantic, Winery Dogs, Sons Of Apollo, Flying Colors) –, sondern auch wegen der Beteiligung des erstklassigen Bassisten Dave LaRue von Dixie Dregs und Flying Colors. Auch Dave LaRue ist für Petrucci gewissermaßen ein Rückkehrer, da er bereits auf dessen erstem Solo-Studioalbum und bei den G3-Tourneen Bass gespielt hat. Und zwischen Portnoy und LaRue gibt es sowieso keine Geheimnisse – die beiden bilden gemeinsam die Rhythmussektion von Flying Colors.

Jetzt folgt der erwartbare Absatz. Erwartbar, wenn der Name John Petrucci fällt. Kein Zweifel, jede Frage ist pure Zeitverschwendung. Die Antwort ist eindeutig. Das Album ist, wenn ich die mildeste Form des Superlativs benutze, schlicht und einfach fantastisch. Fans gitarristischer »Exzesse und Kanonaden grenzenloser Perversionen virtuoser Spielfreude«, besonders was die Kombination üppiger ideeller Einfallstiefe und pikanter technischer Schärfe angeht, müssen dieses Album unbedingt checken. Darauf hat Petrucci endlich Ideen verwirklicht, die sich in seinen Archiven angesammelt hatten und die er bei Dream Theater nicht einsetzen konnte – weil er damit zu radikal in den Stil der Band eingegriffen hätte.

Petruccis Stil ist einzigartig. Wenn du einem solchen Gitarristen eine Rhythmussektion mit einem außergewöhnlichen Schlagzeuger und einem außergewöhnlichen Bassisten hinzufügst, muss das Ergebnis zwangsläufig eine Platte sein, die (gelinde gesagt) meilenweit herausfordernd und einmalig, also unwiederholbar ist. Ihr habt’s erraten. Das Gespann Portnoy – Petrucci bringt etwas von jenem klassischen Dream-Theater-Sentiment zurück, worauf manche Passagen der Tracks hindeuten – sowohl in der Art, wie Motive durch Gitarren-Phrasierungen geformt werden, als auch in Portnoys meilenweit wiedererkennbarem Umgang mit Übergängen und seinem Ansatz beim »Brechen« von Rhythmen unter den Phrasen, sowie in den saftigen Einwürfen, mit denen er den verfügbaren Raum innerhalb der Phrasierungen gewitzt füllt. Ja. Das ist in erster Linie ein Progressive-Metal-Album. Petruccis Neoklassizismus ist phänomenal eingebettet und eingeschrieben in den Kern außerordentlich abwechslungsreicher Kompositionen, die durchgehend von unerwarteten Wendungen begleitet werden. Bei aller geistreichen Lebendigkeit trägt jeder der neun Songs einen klar ausgearbeiteten Charakter – mit neun ausdrucksstarken Dossiers und einem hohen Maß an Kompaktheit, sodass das musikalische Gefüge stets das »Experimentell-Improvisatorische« dominiert und im Griff hat. Petrucci hat auf diesem Werk, innerhalb aller neun Songs, eine hervorragende Balance zwischen technischer Komplexität und musikalischer Kompaktheit gefunden. Schlicht und einfach: Ein ideenmäßig so frisches Album wie dieses neue Werk von Petrucci möchte man öfter haben und nicht nur einmal alle fünfzehn Jahre, wie viele vergangen sind seit Petruccis letztem Solo-Werk. Boshaft gesagt: Es werden auch all jene Musikgenießer gerne zuhören, die eigentlich Dream Theater hören wollten, denen dabei aber die Tatsache im Wege steht, dass Letztere (leider) keine reine Instrumentalband sind.

Petrucci hat dieses Album zusammen mit Tontechniker Jimmy T im New Yorker Studio DT Headquarters in zweieinhalb Monaten aufgenommen, wobei die beiden fünf Tage die Woche darin versanken. Sie haben die Drums eingeklickt und ebenfalls beide grundlegende Basslinien beigesteuert. Petrucci wollte kein halbfertiges Album aus der Hand geben. Das gesamte Material wanderte zur Bearbeitung zu Portnoy und LaRue, und so entwickelte es sich vollblütig und progressiv weiter. Das Gespür der drei Musiker füreinander ist außergewöhnlich. Sie kennen sich in die Tiefe der Seele. Ergänzen, anknüpfen, Raum füreinander öffnen. Im Grunde ist das natürlich ein Gitarrenalbum, und Petruccis Gitarre hat überall das letzte Wort – doch die außergewöhnliche Rhythmussektion hat es in eine Ausdruckssprache progressiven Charakters gehoben.

Das Album eröffnet mit dem Titeltrack, der haargenau so ist, wie der Albumtitel verspricht. Vernichtend scharf. Er entwickelt das Tempolimit, die endgültige Zerstörungskraft der Geschwindigkeit. Schneller geht’s nicht. Außergewöhnliche Energie, metallische Natur, dazu eine Plejaden von schwindelerregenden Soloakrobatiken – und darüber trotzdem die dominante Figur kompakter Formgestaltung: die Melodie. The Oddfather ist eine Nuance noch metallischer vampirisiert und abrasiver, Elemente von Thrash-Shredding schleichen sich hinein, und wenn man eine Parallele zu Dream-Theater-Zeiten suchen wollte, käme die Energie des Albums »Train of Thought« noch am nächsten. »Verrückt« ist dieses Gespann mit Portnoy. Es überrascht den Hörer und unterhält ihn grenzenlos zugleich. Die beiden Musiker erwecken auf dem Album (bewusst oder unbewusst) jene bekannte Magie ihrer gegenseitigen Verbindung aus Dream-Theater-Zeiten wieder zum Leben.

Sehr bildreich ist auch der vierte Track, nämlich Gemini, der sich in seiner zweiten Hälfte völlig unerwartet in einen schelmischen Flamenco-Ausflug verwandelt, der maßgeblich zur Farbigkeit und Lebendigkeit des Albums beiträgt. Gemini ist eine der interessantesten Kompositionen des Albums, gerade wenn man beobachtet, wie sie sich entwickelt, wie sie graduell nach oben voranschreitet durch ein außergewöhnliches Geflecht aufgereihter Motive – ohne dabei auch nur für einen Moment den roten Faden der Kompaktheit zu verlieren. Gemini gilt als einer der Höhepunkte dieses Albums, weil darin einfach auf hervorragende Weise, an einem einzigen Ort, eine außergewöhnliche stilistische und rhythmische Vielschichtigkeit angehäuft und filigran angeordnet ist – auf eine Art des perfekt versöhnlichen gegenseitigen Dialogs. Deshalb ist dieser Track ein Paradebeispiel dafür, was die grundlegende Definition des Besten im Progressive Metal ausmacht.

Out of the Blue ist eigentlich Petruccis Kollision von Blues und neoklassischer Versiertheit. Der Song ist in einem langsameren rhythmischen Schlüssel geschrieben, und genau in diesem Track offenbart sich in vollen Zügen die außergewöhnliche Meisterschaft von Portnoy und LaRue, die den Song in eine Richtung des Ausdrucks tragen, die die Komposition allein niemals erreicht hätte. Happy Song ist tatsächlich ein Song mit mehreren Lösungen in Dur-Tonleitern, mit einem unterschwelligen elementaren Rock’n’Roll-»Aufwiegler«, der aber ultrasonisch beschleunigt und rhythmisch sprunghaft belebt ist, sodass auch hier kein Platz für eine Verschnaufpause bleibt. Ein Song voller Heiterkeit, dem im weiteren Verlauf The Way Things Fall nahekommt. Glassy-Eyed Zombies eröffnet mit einer Phrase, die ebenso gut auf einem Dream-Theater-Album à la »Train of Thought« hätte verwendet werden können. Vermutlich der düsterste Track des Albums – doch bleibt The Oddfather in seiner Zerstörungswucht der bei weitem metallischst vampirisierte Teil des Albums »Terminal Velocity«. Dann gibt es noch einen äußerst vergnüglichen Song, bei dem sich Petrucci die meisten experimentellen Ausflüge gönnt und der auf dem Album am meisten überrascht. Schon der Titel deutet darauf hin – Snake in My Boot. Auch Paul Gilbert würde hier mehrfach die Augenbrauen heben. Der schelmischste Moment des Albums und zugleich – was das Zuhören angeht – auch der aufregendste.

Das Trio versteht es, vom Gas zu gehen und die Dinge zu beruhigen. Es geht nicht immer nur ums Muskelpumpen. Mehrfach auf diesem Album können alle drei Musiker auch subtil und sophisticated sein. Das beweist gerade Out of the Blue. Den ersten Platz nimmt in dieser Hinsicht aber wahrscheinlich der mittlere Teil des abschließenden Temple of Circadia ein, wo im Hintergrund auch der Klang eines Synthesizer-»Vorhangs« hinzugefügt wird, während Petrucci im ersten Teil mit seiner Crew sogar mystisch anspricht – bevor der Song sich später gemächlich in noch einen äußerst aufgezogenen, zerstörerischen Schnelligkeits-Rondo schwingt, einen wirbelnden Tornado, der das Album beschließt.

Wie man es auch dreht und wendet: Niemand (bei klarem Verstand) will diese Pandemie. Und doch ist es eine große Frage, ob Petrucci sein neues Solo-Studioalbum sonst überhaupt rausgebracht hätte – denn dafür hätte er schlicht nicht genug Zeit gehabt. Verrückt. Wie viel Frische, Funken, Witz und grenzenloser Spaß im Studio strahlt dieses Werk aus. Ein brillantes progressiv-instrumentales Metal-Album, das alles ist, was Petrucci bei Dream Theater nicht sein darf – und trotzdem weißt du genau, dass es Dream Theater ohne ein Album wie »Terminal Velocity« nie gegeben hätte. Auf »Terminal Velocity« gibt es keinen schwachen Moment. Keinen Moment, der Zeit stiehlt, und keinen Moment, der ausdrucksmäßig, kompositorisch, ideell oder darstellerisch inferior wäre. Das Album spricht von Anfang bis Ende im Glanz hochwertiger Konsistenz und atemraubender Aufführungsintensität, die den Hörer permanent in einem Zustand hoher Anspannung hält. In erster Linie natürlich den rechtgläubigen Fan derartiger voll-instrumentaler Verrücktheiten.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1.Terminal Velocity
2. The Oddfather
3. Happy Song
4. Gemini
5. Out Of The Blue
6. Glassy-Eyed Zombies
7. The Way Things Fall
8. Snake In My Boot
9. Temple Of Circadia

Besetzung:
John Petrucci – Gitarre, Programmierung
Dave LaRue – Bassgitarre
Mike Portnoy – Schlagzeug


John Petrucci – „Terminal Velocity“ (offizielles Video)
John Petrucci – The Oddfather (offizieller Audio-Track)
John Petrucci – Happy Song (offizieller Audio-Track)
John Petrucci – Gemini (offizieller Audio-Track)
John Petrucci – Out of the Blue (offizieller Audio-Track)
John Petrucci – Glassy-Eyed Zombies (offizieller Audio-Track)
John Petrucci – The Way Things Fall (offizieller Audio-Track)
John Petrucci – The Snake In My Boot (offizieller Audio-Track)
John Petrucci – Temple of Circadia (offizieller Audio-Track)
John Petrucci – „Terminal Velocity“ (Albumcover)
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