Brencl Banda : Korenine svetlobe
Label: Udruga Tondak
Erscheinungsdatum: 23.11.2018
Produktion: Edi Cukerić
Albumlänge: 44:35
Genre: folk rock
Brencl Banda sind Volksmusiker aus Bistrica ob Sotli. Im November dieses Jahres haben sie ihr drittes Studioalbum »Korenine svetlobe« veröffentlicht und kommen damit zusammen mit dem Livealbum »V živo« (2014) – RockLine-Rezension HIER – bisher auf insgesamt vier (Alben). Sie sind seit 2007 aktiv. Es handelt sich um eine Band, die die traditionelle Melodik des slowenischen Volksmusik-Erbes – ich übertreibe (leicht) – mit dem gesamten breiten Arsenal verschiedener Musikgenres verschmilzt. Dabei sind Brencl Banda eine »sehr« slowenische Band, was bedeutet, dass sie eine außerordentlich mutige Formel der Synthese aus kompositorischer Treffsicherheit und musikalischer Zugänglichkeit entwickelt haben, die aus den Wurzeln des traditionellen Volksmelodischen schöpft. In dieser Hinsicht handelt es sich, was Folk – also volkstümliche Melodien – betrifft, nicht nur um eine der kompositorisch eigenständigsten, sondern auch um eine der zugänglichsten und musikalisch ansteckendsten Bands, die derzeit bzw. über die letzte Dekade in Slowenien aktiv sind. Eine Band, die also Rhythmus hat und Feuer!
»Korenine svetlobe« ist für die Band eine neue Geschichte, ein anderes Album. Anders kann es gar nicht sein, denn die Band hat fünf Jahre daran »gebastelt«. Als »Laie« meiner Sorte, der den Großteil der in eine Rezension eingeflossenen Informationen durch das musikalische Durchsieben des jeweiligen Albums gewinnt, kann ich »aus dem Gedächtnis« noch einige zusätzliche Fakten anführen, die zu dieser musikalischen Andersartigkeit im Vergleich zum Album »Vetrova svatba« (2013) beigetragen haben. Das erste Faktum ist, dass die Band einen grundlegenden Umbau in der Besetzung an den Positionen Violine und Bass erlebt hat; dass sich darin eine andere Vibration, eine andere Energie widerspiegelt und eine neue musikalische Abenteuer für die Band entsteht, unterstreicht die Tatsache, dass das Album im Studio Rojc in Pola aufgenommen wurde. Also am Ende Istriens, also »irgendwo« an der Adria und damit gleichzeitig auch schon »irgendwo« im Schoß des unruhigen und wilden Balkans.
Obwohl Stil und Klang der künstlerischen Ausstrahlung der Band klar umrissen sind, müssen einige »Abweichungen« auf dem Album hervorgehoben werden. Diese positiven »Abweichungen« stärken lediglich den eigenständigen musikalischen Ausweis der Band. Die erste »Abweichung«, die auf dem Album wirklich aufhorchen lässt, ist zweifellos Vila. Sie trägt einen kräftigen Hauch alternativen Flairs und Klangs in sich, was womöglich ein Widerschein von Rudas breiter und vielschichtiger »musikalischer Aufgeklärtheit« sowie seines Engagements in der Punk-Rock-Band Črni Peter ist, gleichzeitig aber natürlich auch die traditionelle geografische Verbindung der Band (vor allem von Ruda) mit Musikern aus unserem südlichen Nachbarland. Wer weiß, was den Mitgliedern von Brencl Banda alles durch den Kopf geschossen hat, als sie im kroatischen Pola waren, denn Pola ist schon traditionell für einige äußerst scharfsinnige Punk-Rock-Bands bekannt, die noch zu Zeiten des einstigen gemeinsamen Staates den »istrischen« Punk definierten (das darf auf keinen Fall mit dem New Wave aus Rijeka verwechselt werden). Dieser Song könnte ein verschmitzter punkiger »Kracher« werden, wenn man ihm ein Arrangement für Schlagzeug und E-Gitarre geben würde – so aber bewahrt er natürlich die verschmitzte volksmusikalische Folk-Ausdruckskraft, für die die Band steht. Er besticht durch einen äußerst schelmischen Text und einen packenden Refrain. Wenn schon kein Hit-Single, wird Vila garantiert zum Konzertfavoriten des Publikums. Sie hat alle Voraussetzungen dafür. Die Band ist sich dessen vielleicht selbst bewusst, denn am Ende des Albums findet sich noch ein dreizehnter, also »versteckter« Track, auf dem Brencl Banda den Song in einer leicht adaptierten Version nochmal spielen. Der Hauptvers lässt an eine Bremse (brencl) denken, die blutgierig auf dem Hinterteil einer Stute landet. Eine weitere solche »Abweichung« bringt in der Mitte des Albums der Song Srca gospodar. Er bietet einen sofort gefangensetzenden und bezaubernden Vokalansatz von Eva Moškon, die gerade durch ihre außerordentliche Sanftheit die Intensität der vermittelten Emotionen steigert – nach dem Axiom: »Je sanfter du an die Darbietung herangehst, desto stärker packt und wirkt es!« Die Intensität aller Emotionen wird durch das Gefühl von Melancholie und Sehnsucht noch verstärkt. Auch die Instrumente nähern sich der Darbietung dieses Songs äußerst sanft und mit einem außerordentlich feinfühligen Gespür, das verinnerlicht sein muss, damit ein solcher Song wirklich packen kann. Auch dieser Song – genauer gesagt eine schmachtende Ballade – ist einer der emotionalen Höhepunkte des Albums.
Das Album ist konzeptuell ungemein mutig bewegt. Dass es einen Tick ernster wirkt – nennen wir es fokussierter und konziser in der Feinarbeit an den Arrangements –, gemessen an der stürmischeren kreativen Vergangenheit der Band, das signalisiert bereits das eröffnende, subtiler angelegte Jesenska. Den Hauch des Mystischen verstärkt direkt im Anschluss Anovi (wer es rückwärts liest, bekommt den schönen Frauennamen Ivona), vor allem dank des wunderschönen Violinmotivs, das den Kern der Komposition bildet. Die Band hat ihren Kunstanspruch auf dem Album ausgedehnt und Dinge ausprobiert, die für sie neu sind.
Gleich zwölf Songs, und dennoch nur 44 Minuten Musik. Alle von Kopf bis Fuß ausgearbeitet, jeder mit seinem eigenständigen Charakter der kompositorischen Treffsicherheit der Band – was vom geschliffenen Charakter der einzelnen Songs zeugt. In dieser Hinsicht sind Brencl Banda eher Minimalisten und greifen lieber zum Hebel »weniger ist mehr«, anstatt die Kompaktheit der Songs mit Impro-Experimenten oder Jams aufzudröseln. Die Band ist auch außerordentlich geschickt, wenn nicht gar gewandt, im Jonglieren mit Songs, die dem Gesang untergeordnet sind. Vokale Songs sind absolut »vokal«, während die Band in den Instrumentalteilen auch in Sachen Improvisation aufblüht, dabei aber durchgehend auch in diesen Albumteilen eine außerordentliche musikalische Flüssigkeit und Ansteckungskraft bewahrt. Manche Songs – wie gegen Ende etwa Faun – tragen das Einweben des Hauptmotivs im ersten Teil bemerkenswert gut, das in einer anderen musikalischen Geschichte völlig generisch wirken könnte; die Band überbrückt diese Falle jedoch erfolgreich mit mutigen Lösungen beim Einsatz von Modulationen und dem Wechsel der Rhythmusschemata, und in der zweiten Hälfte wird der Song vor allem vom wilden Solo-Feuerwerk auf der Violine der hervorragenden Ana Mezgec »durchschnitten«. Es ist der längste Instrumentaltrack des Albums und zugleich die komplexeste Komposition.
Das ist wirklich ein Album, das die Band live von Anfang bis Ende spielen muss. »Korenine svetlobe« ist bis heute zweifellos das reifste und kompositorisch vollendetste Werk der Band. Es hat lange gereift und ist konzeptuell ungemein mutig und geschickt bewegt. In puncto Arrangement unglaublich gut zusammengezimmert und verfeinert. Brencl Banda sind damit künstlerisch um eine neue Ausdrucksstufe gewachsen. Darauf zeigen sie nicht nur ihre verschmitzte volksmusikalische Seite, sondern über das gesamte Album entfaltet sich auch die subtile Seite der Ausdruckskraft der Band auf äußerst feinfühlige Weise – und rückt in manchen Momenten sogar ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 9.5 / 10
Tracklist:
1. Jesenska
2. Anovi
3. Biser
4. Vila
5. Črešnjevska
6. Domača
7. Srca gospodar
8. Podgurska
9. Pesem
10. Faun
11. Rimska
12. Tretja
Besetzung:
Ana Mezgec – Violine
Rok Šinkovec – Akkordeon, Gesang
Matjaž Bajc – Kontrabass
Andrej Boštjančič „Ruda“ – Gitarre, Gesang
GASTMUSIKER:
Dejan Gotal – Schlagzeug
Ive Cukerić – Klarinette auf Track Nr. 8
Eva Moškon – Gesang auf Track Nr. 7
Zusätzliche Gesangsstimmen auf Track Nr. 9:
Jana Tavčar
Teja Tavčar
Anita Kunej
Janja Kunej
Milena Kunej
Polona Žalec
Vesna Godler
Andrej Černelč
Martin Hrastnik