Kiko Loureiro: Open Source

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Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 10. 7. 2020
Produktion: Kiko Loureiro
Albumlänge: 52.57 min
Genre: Progressive Metal / Instrumental
Bewertung: 9.0/10


Wenn du Gitarrist bist und deine eigenen Gitarrenalben aufnimmst – also Instrumentalalben –, brauchst du in der Besetzung nur noch einen Bassisten und einen Schlagzeuger, und die Grundlage für ein ordentliches Album ist da. Na ja. Den Bass kannst du auch selbst spielen, sogar das Schlagzeug – oder du klickst es am Ende einfach zu den Gitarren dazu. Warum dieser Einstieg? Wegen des pandemiebedingten Chaos, durch den auch das neue Studioalbum des großen Gitarrenvirtuosen Kiko Loureiro ans Licht der Welt gezerrt wurde. Der Mann, der Ljubljana einst auf einigen Gitarren-Workshops besucht hat, ist vor allem dafür bekannt, dass er die Megadeth-Fans vom Fluch erlöste, Mustaine würde bis zum Ende seiner Karriere kein gutes Studioalbum mehr aus sich herauspressen. »Dystopia«, das erste Megadeth-Album nach Loureiros Einstieg – ohoho, das ist jetzt schon gut dreieinhalb Jahre her –, ist nämlich ein faszinierendes Werk. Im Ärmel haben Megadeth aber schon ein neues, doch das ist eine andere Geschichte.

Loureiro hat zum Titel seines neuen Albums »Open Source« erklärt, dass sich der Begriff auf „Software“ bezieht, bei der der Quellcode jederzeit verändert, erweitert und von allen genutzt werden kann. Dieses Konzept hat Kiko bei der Entstehung des neuen Albums auf die Musik übertragen und damit alle Fans seiner Musik eingeladen, an dessen Entstehung mitzuwirken. So schrieb Kiko zunächst die Songs, doch damit war das Album noch nicht fertig. Es stand allen Interessierten zur Verfügung, denen er Zugang zu diesen Kompositionen gewährte, damit sie diese nach eigener Vorstellung umgestalten konnten. Nach dem Diktat des eigenen kreativen Impulses. Vom Klang-Remix bis hin zum Hinzufügen eigener Ideen, zur Umgestaltung von Arrangements. Was am Ende dabei herausgekommen ist, wissen wir nicht, aber das Album ist von Kopf bis Fuß wieder ganz und gar von einem einzigen geprägt. Von Kiko und seiner unverwechselbaren Gitarren-Charisma natürlich.

Loureiro ist als Gründungsmitglied der brasilianischen Progressive-Metal-Veteranen Angra bekannt. Kein Wunder, dass ihm auf der letztjährigen europäischen Club-Tournee auf der Bühne Bassist Felipe Andreoli und Schlagzeuger Bruno Valverde zur Seite standen – beide sonst Mitglieder der aktuellen Angra-Besetzung. Beide behielt er auch für die Aufnahmen zu »Open Source«, wobei Andreoli bereits beim Vorgänger »Sounds Of Innocence« mitgewirkt hatte, der vor acht Jahren erschienen ist.

Das Album »Open Source« ist, kurz und bündig gesagt, alles, was man sich von Kiko Loureiro nur wünschen kann. Es ist eine Mischung aus Progressive Metal, in den die charakteristische Autorencharisma dieses Spitzengitarristen eingraviert ist – definiert durch eine giftig zugespitzte Kombination aus neoklassizistischer musikalischer Bildgewalt, Eskapaden von borstigem Shredding-Phrasieren, Arpeggio-Salven, die oft mit Tapping durchsetzt sind,  dazu Wechsel von Staccato zu Legato innerhalb derselben Phrase sowie dem schon sprichwörtlichen Entwickeln abrupter Sprünge zwischen extrem schnellen und bedächtiger gesetzten Harmonien. Kurz gesagt: Willkommen im Paradies halsbrecherischer Gitarren-Kunststücke. Dazu muss man unbedingt noch Folgendes hinzufügen. Alles, was man auf diesem Album hört, ist von waschechter Leidenschaft lateinischen Temperaments durchdrungen, und zahlreiche Assoziationen rufen in den kompositorischen Lösungsansätzen beständig nach der großen Verwandtschaft von Kikos Phrasen mit Wesen und Werk von Angra. Dieses Gefühl vertieft durch das gesamte Album hindurch auch die progressiv ausgerichtete, erkundungsfreudige und dynamische Rhythmussektion, die auf die eine oder andere Weise Bestandteil der Angra-Besetzung ist und die mit Kikos Musikphilosophie brillant auf einer Wellenlänge liegt. Die Chemie des Trios ist durchgehend faszinierend und prägnant.  Der Track, der all diese bildhafte Schärfe des Werks an einem einzigen Ort zusammenfasst, ist zweifellos Sertão. Er liefert einen der Höhepunkte dieses Albums. Es dreht sich nicht alles ums »Abrocken«. In Dreamlike gewährt Kiko auch Einblick in seine sensiblere und subtilere Seite beim Komponieren instrumentaler Gitarren-Mini-Suiten. Dann findet sich auf dem Album noch ein Kracher wie Black Ice. Stell dir vor, Vivaldi wäre Brasilianer und würde versuchen, Teile des Hummelflugs auf der Gitarre zu spielen.

Bei Imminent Threat ist Marty Friedman als Gaststar eingesprungen. Wir haben also die Situation, dass in demselben Track ein Mitglied der aktuellen und ein Mitglied der ehemaligen Megadeth-Besetzung spielt, sodass Megadeth-Fans jetzt in einem Atemzug vergleichen können, wer von beiden besser ist. Kiko begleitete Friedmans Gastauftritt bei Imminent Threat mit dem Kommentar: „Ich war schon immer ein großer Fan seines Projekts Cacophony, seiner Soloalben und der Alben, die er mit Megadeth aufgenommen hat!“ Der kontrastierende Dialog trieft vor Perfektion und Brillanz und deutet an, dass Friedman und Loureiro zusammen ein neues Album aufnehmen könnten, das in vielerlei Hinsicht die Tränen auf den Gesichtern all jener Fans beider Cacophony-Werke trocknen könnte, denen klar ist, dass es ein drittes Cacophony-Album niemals geben wird.

Das Album strotzt vor sprudelnder Frische und vielfältigen Ideen, die sich über die Zeit angesammelt haben – acht Jahre sind schließlich eine beachtliche Lücke zwischen Kikos neuem und seinem vorherigen Album. Ideen, eingewoben in farbenfrohe Kompositionen progressiv-metallischer Instrumentalstücke, durchdrungen von einer atemberaubenden Wahrnehmung musikalischer Lektionen des Neoklassizismus – und das alles reitet vehement auf den Schwingen der scharfsinnigen Wachheit und Sinnlichkeit lateinamerikanischen Temperaments und Instinkts. Ein Fan atemberaubender Gitarren-Kunststücke verlangt einfach nicht mehr. Das alles leuchtet ungemein intensiv durch alle musikalischen Besonderheiten von Kikos neuem Album hindurch. Letztendlich war das im Stillen auch zu erwarten gewesen. Ein erstklassiges neues Album also, das die weltweiten »Geeks« der halsbrecherischen Gitarren-Kunst noch eine Weile begeistern (und inspirieren) wird!

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Overflow
2. EDM (e-Dependent Mind)
3. Imminent Threat
4. Liquid Times
5. Sertão
6. Vital Signs
7. Dreamlike
8. Black Ice
9. In Motion
10. Running With the Bulls
11. Du Monde

Besetzung:
Kiko Loureiro – Gitarre, Keyboards, Programmierung
Felipe Andreoli – Bassgitarre
Bruno Valverde – Schlagzeug

Gastmusiker:
Marty Friedman – Gitarre auf Track Nr. 3


Kiko Loureiro – „Open Source“ (vollständiges Album)
Kiko Loureiro – „Open Source“ (Albumcover)
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