Lionheart: The Reality of Miracles
Label: Metalville Records
Erscheinungsdatum: 31. 7. 2020
Produktion: Steve Mann
Albumlänge: 54.09 min
Genre: AOR/Heavy Metal
Bewertung: 9.0/10
Lionheart melden sich Ende Juli dieses Jahres mit der Sonne im Sternzeichen Löwe mit einem neuen Studioalbum zurück. Löwenherzhafter geht’s kaum. Okay, wer sind Lionheart? Für alle, die diese Rezension gerade lesen, folgt eine ganz kurze Erklärung. Zunächst sollte man sie nicht mit der gleichnamigen Metalcore-Truppe verwechseln – Lionheart sind in diesem Fall eine alte AOR/Melodic-Rock-und-Heavy-Metal-Angelegenheit aus der ersten Hälfte der Achtziger. Nach dem brillanten und einzigen Album aus der Mitte der Achtziger (»Hot Tonight«, 1984) lösten sich Lionheart auf, und die erfahrenen Mitglieder des Quintetts überbrückten die Zeit bis zur Reaktivierung in verschiedenen Bands wie MSG, Praying Mantis, … Außerdem sei erwähnt, dass Dennis Stratton vor Lionheart bei Iron Maiden spielte und mit ihnen 1980 das Debütalbum veröffentlichte. Kurzum: Lionheart haben mit dem Comeback-Album »Second Nature« 2017 ein wirklich erstklassiges AOR/Melodic-Heavy-Metal-Album veröffentlicht, das eine brillante Reflexion der Achtziger ist und eine äußerst gelungene Mischung aus dem damaligen großen Sound mit modernen klanglichen Mitteln der Studioarbeit.
»The Reality Of Miracles« ist ein Album, das unter erheblichem Zeitdruck entstand – vor allem wegen Steve Manns Verpflichtungen bei MSG –, das im März dieses Jahres auch noch vom schwarzen Schleier der Pandemie eingehüllt wurde, doch die Jungs haben es trotzdem geschafft, das Album fertigzustellen: Mit Intro kommt es auf ganze dreizehn Tracks, also zwölf klassische Songs. Auch dieses Album wurde wie sein Vorgänger in Manns Flying Vivaldi Studio in Hannover aufgenommen. Es setzt auf exakt dieselbe Produktion.
Lionheart sind die britische Antwort auf die Kreuzung von Heavy Metal mit der Rhetorik der Pop-Musik der Achtziger. Ein solches Album wie »The Reality Of Miracles« bekommen Bands mit jüngerer Biografie, die heute auf die Karte des AOR-Revivals setzen wollen, nur äußerst schwer hin. Die Möglichkeit besteht durchaus, aber sie ist verdammt schwer zu greifen. Die Mitglieder des Quintetts sind alte Hasen, die die Achtziger durch und durch gelebt haben. Vor allem laufen bei ihnen die multivokalen Chor-Harmonien brillant, die irgendwie eine Reflexion dessen sind, was The Sweet, Uriah Heep und Queen in den Siebzigern gemacht haben – und bei denen sich im Umfeld von Lionheart später auch z.B. Airrace und/oder Praying Mantis angesteckt haben. So, jetzt habt ihr einen Eindruck davon, was »The Reality of Miracles« zu bieten hat – ein äußerst gelungener Anschluss an den brillanten und schwer zu fassenden Vorgänger »Second Nature« (2017).
Fehlt »The Reality Of Miracles« also überhaupt irgendetwas? AOR-Fans werden wieder begeistert sein. Das Verhältnis zwischen dem Schimmern der Synthesizer-Teppiche, den treibenden und majestätischen Gitarrenphrasen, den aufgebauschten bombastischen Refrainmelodien, die Gänsehaut verursachen, abgerundet durch Vokalharmonien und Smalls durchdringendem Gesang, ist wieder im vollen Überfluss vorhanden. Der Sound ist groß. Versehen auch mit einem Überfluss an Terz-Harmonien, was der N.W.O.B.H.M.-Schule entstammt, sowie dem durchgehend kontemplativen Gitarrendialog innerhalb der Sologitarren-Einlagen (Middle-Eight-Passagen). Ein Album, das wieder von Pompösität und dem unverkennbaren britischen Sinn für hochvibrantem Drama-Theater überquillt. Wer allerdings »Second Nature« kennt, wird feststellen, dass das neue Album nicht mehr mit der gleichen Frische überrascht wie sein Vorgänger und dass mindestens zwei Songs des neuen Albums problemlos hätten weggelassen werden können. Jenseits des katastrophalen Covers, das der hohen musikalischen Qualität des ohnehin brillanten »The Reality of Miracles« unwürdig ist, haben Lionheart in allem ihr Ziel erreicht. Mit aller Exzellenz und allem Perfektionismus, die reiche musikalische Erfahrung und natürlich brillantes Spiel mit sich bringen. Etwas, das man von dem legendären Quintett mittlerweile sprichwörtlich erwartet.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Salvation
2. Thine Is The Kingdom
3. High Plains Drifter
4. The Reality Of Miracles
5. Five Tribes
6. Behind The Wall
7. All I Want Is You
8. Widows
9. Kingdom Of The East
10. Outlaws Of The Western World
11. Overdrive
12. The First Man
13. Still It Rains On Planet Earth (Lacrimosa)
Besetzung:
Lee Small – Gesang (ex Shy, Surveillance & Phenomena)
Dennis Stratton – Gitarre (ex Iron Maiden)
Steve Mann – Gitarre, Keyboards (Michael Schenker)
Rocky Newton – Bassgitarre (ex McAuley Schenker Group)
Clive Edwards – Schlagzeug (ex UFO, Wild Horses & Uli Jon Roth)
