Primal Fear: Metal Commando
Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 24. 7. 2020
Produktion: Mat Sinner
Albumlänge: 57.03 min
Genre: Power Metal / Heavy Metal
Bewertung: 8.0/10
Ein Metal-Herz lässt sich nicht brechen, nicht herausreißen, geschweige denn bezwingen. Keine Chance. Das neue Primal Fear-Album ist da. Eine Band, die auf der internationalen Bühne in zwei Jahren ihr 25-jähriges Bestehen feiern wird. Die Band, die von Tag eins bis heute vom außergewöhnlichen deutschen Metal-Vokalisten Ralf Scheepers und dem erfahrenen Bassisten und Produzenten Mat Sinner angeführt wird, hat schon alles gesehen. Hölle und Himmel. Das letzte Album, das im August 2018 erschienene »Apocalypse«, war zugleich das letzte für das italienische Label Frontiers Music Srl. Die Band absolvierte im Herbst desselben Jahres eine ausgedehnte Europatournee, bei der sie gemeinsam mit Riot V auch im Ljubljaner CUK Kino Šiška Station machte. In dieser Zeit hatte sie bereits einen neuen Vertrag mit dem deutschen Label Nuclear Blast Records abgeschlossen. Genau genommen kehrte sie dorthin zurück, wo sie die goldene Ära ihres ersten Jahrzehnts verbracht hatte. Im letzten Jahr stieß Ausnahmedrummer Michael Ehré zur Truppe — nachdem sein Gamma Ray-Chef Kai Hansen gemeinsam mit Sänger Michael Kiske wieder bei Helloween eingestiegen war, stand Ehré plötzlich ohne feste Arbeit da. Einen besseren Ersatz für Francesco Jovino hätten Primal Fear zum jetzigen Zeitpunkt kaum finden können.
»Metal Commando«, so heißt auch der deutsche Fan-Klub der Band, ist eine Art Widmung an alle Anhänger der Gruppe. Als dreizehntes Album wirkt es in seiner Verkündigung fast noch beharrlicher und unnachgiebiger, als es für die frühen Jahre der Band galt, die sich inhaltlich irgendwie mit »Seven Seals« (2005) abgerundet hatten. Primal Fear sind seit 2008 ein Sextett; zur Truppe gehört der hochkarätige Multi-Instrumentalist und Komponist Magnus Karlsson, der neben der ansonsten rein deutschen Besetzung so etwas wie das (schwedische) „schwarze Schaf“ der Familie ist — zugleich aber ein unverzichtbares Bindeglied, denn er gilt als Mann mit einem außergewöhnlichen Gespür für Phrasierung und Komposition. Auch wenn bei allem das letzte Wort bei Sinner liegt, sind Karlssons Meinungen und Korrekturen — diese besondere Figur, die bei Primal Fear aus dem Hintergrund agiert — bei der Finalisierung jedes einzelnen Primal Fear-Werks von entscheidender Bedeutung.
»Metal Commando« gibt keinen Zentimeter nach. Es destilliert das unverwechselbare Rezept der bisherigen Bandwerke. Bei der Suche nach Ideen gehen Primal Fear schwindelerregend ihren eigenen Entwicklungsbaum hinunter, schnurstracks zu den Wurzeln. Das neue und zugleich dreizehnte Werk der Band überrascht daher nicht mehr. Wer die Band damit zum ersten Mal kennenlernt, den wird es „wegblasen“. Sind die Eindrücke positiv, wird er die Band von da an entdecken — weil er spürt, wie einig und unerschütterlich Primal Fear auch nach gut zwei Jahrzehnten noch Kompositionen schmieden. Erfahrung ist unbezahlbar. Ebenso wie das makellose Talent und die stets klar fokussierte musikalische Visionskraft dieser Gemeinschaft. Das kann ihnen niemand nehmen.
Während die hartgesottensten Veteranen, die der Band irgendwie nach »Devil’s Ground« (2004) den Rücken gekehrt haben, ohnehin keine große Rolle mehr spielen und eine Minderheit unter den Fans bilden, werden alle anderen, die die Band schon länger „ernsthafter“ verfolgen, schnell feststellen, dass der erste Albumteil etwas stärker damit beschäftigt ist, den Anschluss an die erste Schaffensphase zu suchen. Das bestätigen gleich der Opener I Am Alive und vor allem Along Came the Devil (rhythmisch orientiert es sich etwa an der U.D.O.-Klassik Holy, der gemeinsame Nenner sind Judas Priest und Accept), wo Scheepers seine traditionelle Markenzeichen nukleare Zerstörungskraft auspackt — und einem dabei klar wird, dass er auf der nächsten Tournee nicht mal Probleme haben würde, Chainbreaker zu singen. Halo ist ein typischer deutscher Marsch, dessen jubelnder Refrain dem klassischen Helloween-Sturm der Achtziger seinen Tribut zollt. Als hätte man sich ins Jahr 1998 verirrt. Aber aktualisiert für 2020. Mehr Interessantes bringt im weiteren Verlauf Hear Me Calling, das endlich düster-theatralisch ist — mittelschnell, aber packend — und wo die Band die richtige Balance zwischen Alt und Neu findet; die Steigerung der Atmosphäre übernimmt dabei das Steuer und liefert im Refrain ein triumphales Crescendo. In The Lost & The Forgotten wirkt das dekorative Motiv über dem Hauptriff so, als wäre es von einem Axel Rudi Pell-Track in diesen Song hinübergewandert. My Name is Fear ist dem Titel nach eines der schnellsten und vernichtendsten Stücke des Albums — und es ist unglaublich, welche Kraft das Sextett dabei entfesselt. Die Kraftverteilung ist außergewöhnlich und erreicht in ihrer zackigen Aggressivität den expressiven Höhepunkt!
Das Album hält seine Kompaktheit und Unnachgiebigkeit durch. Ohne das „schmalzige“, akustisch unterlegte I Will Be Gone hätten wohl alle überlebt. Der Witz dieses Albums ist, dass es vor allem im zweiten Teil immer interessanter wird. Besonders nach der erwähnten „Tränen-Ballade“ hebt es in den letzten vier Tracks ab und steigt künstlerisch auf. Bei Primal Fear wechseln sich gleich drei Gitarristen ab, ergänzen sich und greifen ineinander — sag’s, wie du willst. Alex Beyrodt und Tom Naumann kennen sich seit einer Ewigkeit, zwischen ihnen gibt es keine Geheimnisse, und das weiß jeder, der je erlebt hat, wie die beiden gemeinsam auf der Bühne funktionieren. Dazu kommt noch Karlsson mit seinem kontrastreichen „Skandi-Yngwie-like“-Spielstil, der den Songs zusätzliche Lebendigkeit verleiht. Das Zusammenspiel aller drei Gitarristen und die Chemie dieses gitarristischen Theaters, wie sie das Album entwickelt, ist durchgehend ein ganz eigener Reiz des Werks. Den absoluten Höhepunkt erreicht das Album in diesem Element genau am Ende, wenn wir auf seinen ambitioniertesten Teil stoßen: das über dreizehn Minuten lange »Infinity«, das durch seinen abwechslungsreichen Verlauf, die wechselnden Stimmungsbögen und die atemberaubende Exekution der Gitarrenarbeit schlichtweg begeistert. Für echte Fans der Band wird dieses Stück der unbestrittene Gipfel des Albums sein.
Die Wucht von »Metal Commando« ist wieder monströs. Primal Fear haben ein neues Album ihrer Serie aus rostfreiem Stahl-Gottesdienst abgeliefert — spitz gebogen unter dem Gewicht speienden Feuers und ratternder Gitarren-Maschinengewehre, wildem Stampede der Doppelbassdrum-Pedale, Scheepers‘ zügellosen, böse grinsenden, unheimlichen, extremen Vokal-Theaters und Mat Sinners durchdringend starren, messerscharf abgehackten Basslinien. Die Evolution ist schon längst zum Stillstand gekommen, aber die Formel ist einzigartig, und die alten Füchse wissen ganz genau, wie sie eine neue Reihe glaubwürdiger Metal-Märsche aus sich herauspressen, die den Power-Metal-Fan eine gute Weile unter dem Bann des urteutonischen Rezepts glutheißen Schmiedestahls halten.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
01. I Am Alive
02. Along Came The Devil
03. Halo
04. Hear Me Calling
05. The Lost & The Forgotten
06. My Name Is Fear
07. I Will Be Gone
08. Raise Your Fists
09. Howl Of The Banshee
10. Afterlife
11. Infinity
Besetzung:
Ralf Scheepers – Gesang
Mat Sinner – Bass, Hintergrundgesang
Alex Beyrodt – Gitarre
Tom Naumann – Gitarre
Magnus Karlsson – Gitarre
Michael Ehré – Schlagzeug
