Pattern-Seeking Animals: Prehensile Tales
Erscheinungsdatum: 15. Mai 2020
Label: Inside Out Music
Produktion: John Boegehold
Länge: 55:30
Genre: Progressive Rock
Wertung: 9.5/10
Der Staub, der unter Prog-Rock-Fans beim Erscheinen ihres gleichnamigen Debütalbums aufgewirbelt wurde, hatte sich noch kaum gelegt, als die Pattern-Seeking Animals bereits im darauffolgenden Jahr ihr zweites Album mit dem Titel »Prehensile Tales« aufnahmen und veröffentlichten. Solche Leistungen sind heute, anders als in den Siebzigern, äußerst selten. Damals nahmen zahlreiche Prog-Rock-Bands im Jahrestakt ohne Weiteres neue Studioalben auf oder veröffentlichten sogar zwei neue Studioalben im selben Jahr. Das Quartett erstklassiger Musiker, das vor allem durch seine Beteiligung an den kultigen amerikanischen Prog-Revivalisten Spock’s Beard bekannt ist, hat auf »Prehensile Tales« nochmals einen Gang höher geschaltet im Vergleich zum bereits exzellenten Debüt und ein noch eklektischeres und interessanteres Werk geschaffen, mit dem sie ihren Sound verfeinert und weiterentwickelt haben. Gleichzeitig haben sie sich damit in kompositorischer und arrangementtechnischer Hinsicht noch etwas weiter von den Vergleichen mit den „Spockbärten“ entfernt, die beim Debüt mitunter recht offensichtlich waren.
Eine solche Abkehr von den irgendwie erwartbaren rhythmischen und arrangeurtechnischen Zügen repräsentiert bereits der Eröffnungstrack »Raining Hard in Heaven«, der im ersten Teil einen Disco-Rhythmus und ein fast Pop-Rock-haftes Ambiente enthält, bevor er sich in ein waschechtes Symphoprog-Abenteuer verwandelt — mit melodischem Refrain, brillanten Mehrstimmigkeiten und hypnotischen orchestralen Arrangements. Den Großteil der Gitarrensolos auf dem Album steuerte Sänger Ted Leonard bei, während alle Keyboards von John Boegehold eingespielt wurden, der mit seinen kompositorischen Ideen die treibende Kraft dieser überaus ambitionierten Band ist, die in wirklich kurzer Zeit und mit hervorragenden Ergebnissen bereits ihr zweites Studioalbum aufgenommen hat. »Here in My Autumn«, das auf den Keyboards simulierte Streicher-Arrangements und einen mächtigen Refrain enthält, ist ein weiterer eindrucksvoller Beweis für die außergewöhnlichen kompositorischen Qualitäten und instrumentalen Fertigkeiten des erfahrenen und versierten Quartetts.
»Elegant Vampires«, ein Track mit zahlreichen ambienten Wandlungen, erinnert aufgrund bestimmter Synthesizer-Texturen, die eine elektrische Geige imitieren, sowie der Klangfarben von Leonards Gesang wiederholt an die klassischen Kansas — also jene Band, die neben Genesis, Yes und den Beatles zweifellos den größten Einfluss auf den musikalischen Ausdruck der Mitglieder der Pattern-Seeking Animals hatte. Von allen Kompositionen auf »Prehensile Tales« weist dieser Track noch die meisten Gemeinsamkeiten mit Spock’s Beard auf. »Why Don’t We Run«, das Elemente von Flamenco und Jazz Fusion sowie einige geradezu halsbrecherische Schlagzeug-Einlagen von Jimmy Keagan enthält, eröffnet mit einem „chinesischen“ Motiv und durchläuft anschließend eine Reihe stilistischer Wandlungen.
»Lifeboat« ist ein ganzen siebzehn Minuten langer, eklektischer Prog-Epos mit zahlreichen ambienten Wandlungen und komplexen instrumentalen Sektionen, an dem alle Liebhaber unvorhersehbarer Prog-Rock-Abenteuer ihre Freude haben werden. Darin lassen sich sogar — besonders im mittleren Teil, wenn ein melancholischer Abschnitt mit orchestralen Arrangements dominiert — einige stilistische Verwandtschaften mit dem zeitgenössischen Marillion erkennen.
Der abschließende, ausgesprochen melancholische Epos »Soon But Not Today« enthält eine Reihe angenehmer Überraschungen, obwohl er als orchestral ausgerichtete Ballade beginnt. Das dauert allerdings nur bis zur ersten Tempowechsel-Stelle, wenn die Steigerung der rhythmischen Dramatik den ausgeprägt eklektischen Charakter dieser Komposition ans Licht bringt. Der mittlere, instrumentale Teil wird manchen an die Peter Gabriel-Ära von Genesis erinnern, während das abschließende Gitarrensolo inmitten der orchestralen Sektion klanglich mehr als offensichtlich an Brian May beziehungsweise Queen erinnert.
»Prehensile Tales« stellt in jeder Hinsicht eine Weiterentwicklung des Debütalbums der Pattern-Seeking Animals dar. Das ist ein Album, das mit seiner erstklassigen Produktion, einem beneidenswerten Grad an Virtuosität und abenteuerlich-eklektischen Ausflügen zweifellos alle Prog-Rock-Gourmets begeistern wird — und längst nicht nur Liebhaber von Spock’s Beard. Von Letzteren entfernen sich die Pattern-Seeking Animals, vor allem dank Boegeholdscher Kompositionsideen und Arrangements, zunehmend, was eine gute Nachricht für all jene ist, die nach ihrem Debüt abgewunken haben mit dem Argument, niemand brauche zwei stilistisch so eng verwandte Bands. Ob »Prehensile Tales« einer der Hauptkandidaten für das beste Prog-Rock-Album des Jahres 2020 ist, darüber muss man natürlich gar nicht erst rätseln.
Rezension: Peter Podbrežnik
Tracklist:
1. Raining Hard in Heaven (8:31)
2. Here in My Autumn (7:57)
3. Elegant Vampires (4:30)
4. Why Don’t We Run? (5:09)
5. Lifeboat (17:20)
6. Soon But Not Today (12:03)
Pattern-Seeking Animals:
Ted Leonard – Leadgesang
John Boegehold – Keyboards
Dave Meros – Bassgitarre
Jimmy Keegan – Schlagzeug, Hintergrundgesang
