Kyros: Celexa Dreams
Label: White Star Records
Erscheinungsdatum: 1. 7. 2020 (digital)/14. 8. 2020 (Digipak CD)/9. 10. 2020 (2LP)
Produktion: Adam Warne
Albumlänge: 62.13 min
Genre: Art Rock/Progressive Rock
Wertung: 9.5/10
Kyros sind eine neue britische Art-Rock-Band in der neuen Welle ihrer Zeitgenossen der Generation mit »Post-90er«-Geburtsjahr, die sich völlig unbeschwert in der genreübergreifenden Fusion ausprobieren und in den letzten Jahren eine ganze Reihe verblüffend guter Alben abgeliefert haben – und damit bewiesen haben, dass die Entwicklung des Rock’n’Roll noch lange nicht abgeschlossen ist. Diese Bands – von The Dear Hunter über Voyager bis hin zu Thank You Scientist, um nur die ersten drei zu nennen, die einem spontan in den Sinn kommen – begleitet ein Eklektizismus, der auf dem natürlichen Weg eigenständiger künstlerischer Entwicklung entstanden ist. Kyros bilden dabei keine Ausnahme und erreichen musikalische Einzigartigkeit auf ihre ganz eigene Art. Eines gleich vorweg: Wenn du ein musikalischer Feinschmecker bist, den Andersartigkeit und die Herausforderung des musikalisch Ungewöhnlichen anziehen, brauchst du diese Rezension nicht weiterzulesen – mit Kyros wirst du mit Sicherheit den Jackpot knacken.
An der Spitze von Kyros steht der junge Adam Warne, mütterlicherseits mit thailändischen Wurzeln, der Popmusik an der Universität London studiert hat. Er ist Komponist, Produzent, Audioingenieur, Multi-Instrumentalist und Sänger. Die Wurzeln von Kyros reichen ins Jahr 2009 zurück, als Warne mit noch nicht mal siebzehn Jahren das Projekt Chromology gründete, das später in Synaesthesia überging, mit dem er 2012 ein mehr als vielversprechendes, gleichnamiges Debütalbum veröffentlichte. Nachdem das Label Giant Electric Pie seinen Betrieb eingestellt hatte, erschien das zweite Album im Eigenvertrieb, bereits unter dem Namen Kyros und dem Titel »Vox Human« (2014), mit dem Warne einen entschiedenen künstlerischen Schritt nach oben in der Festigung seines Stils und Klangs machte. Bis 2020 hatte er mehrere Musiker in die Band integriert. So vergingen vier Jahre, in denen Kyros vom Projekt zum Quartett heranwuchsen und im Juli dieses Jahres schließlich (zunächst in digitaler Form) das Album »Celexa Dreams« veröffentlichten.
Adam Warnes musikalische Visionskraft vereint das Beste aus der Erbschaft der Pop-Rhetorik der Achtziger, den Elementen der modernen Ästhetik des »intelligenten« Alternative Rocks sowie dem Erbe des Progressive Rock. Die übernommene »New-Wave-Synthpop-Elektronik« ist genial in den Artismus der Band eingebettet, und die Produktion orientiert sich an dem, was beispielsweise Trevor Horn auf den Yes-Alben in den Achtzigern getan hat. Das bedeutet, dass alle Bausteine des Klangbildes in ihren Kontrasten durch eine kraftvolle Intensivierung unterstützt werden. Die Übergänge sind mehrfach geschickt »gebrochen«, was den modernen Ansätzen im Progressive Rock zusätzliches Gewicht verleiht. Das Komponieren basiert auf der konzisen Verbindung mehrerer Motive, die eine progressive Ausdruckssprache aufbauen, doch halten Kyros durchgehend eine stetige Hörbarkeit und einen unglaublichen musikalischen Ertrag aufrecht, der sofort packt. Das Album entwickelt nämlich ein außergewöhnliches Element von Bombast. Ein gegebenes Motiv ist aus mehreren separaten Stücken zusammengesetzt, die sich in einem solchen Puzzle mit äußerst intelligentem gegenseitigem Anknüpfen einreihen. Als würden sie sich gegenseitig den Staffelstab weiterreichen. Ich versuche das in Worte zu fassen. So beginnt etwa ein Motiv gleich im einleitenden In Motion auf dem Synthesizer, der nur ein Stückchen dieses Motivs spielt, das dann von einem blitzartigen Schlagzeug-Einschub übernommen wird, der den »Staffelstab« an eine Tonfolge weitergibt, die auf dem Bass gespielt wird (auch mit beeindruckenden Slap-Figuren), und so weiter. Genau solche Kettenfolgen in den führenden Motivfiguren sprechen progressiv, ungewöhnlich und eklektisch an, da sie auch genreübergreifende Assoziationen wecken können. Doch der Brennpunkt des Albums ist klar: eigenständiger, expressiver Artismus. Das haben in den Achtzigern zum Beispiel Rush gemacht, die die damaligen Modetrends des New Wave und Synth-Pop phänomenal in ihren Artismus eingewoben haben. Nun, Kyros machen etwas Ähnliches, nur auf ihre eigene Art. Assoziationen mit dem Rush der Achtziger und aus der Ära ihrer drei Alben, von »Grace Under Preassure« (1984) bis »Hold Your Fire« (1987), sind vor allem im eröffnenden In Motion spürbar (dem Refrain würden auch die australischen Voyager neiden) und etwas später in In Vantblack sowie gegen Ende des Albums in UNO Attack. Doch ohne die dynamischen Basslinien, die ankündigen, dass sich »jemand« im Team seinerzeit Geddy Lees Bassspielweise angeeignet hat, wären diese Assoziationen in den Songs nicht erreichbar.
In Two Frames Of Panic werden Muse-Fans ihre Sympathien finden. Dann gibt es da den Track Technology Killed the Kids III, der an seinen ersten und zweiten Teil anknüpft (die sich auf den beiden Vorgängeralben befinden) und der unmissverständlich ankündigt, dass Kyros eine Band neuer generationeller Artismus-Trends im Progressive Rock sind – mit der sich auch Fans von Devin Townsends Genie identifizieren werden. Die Pop-Rhetorik der Achtziger hält am deutlichsten der Track Rumor fest, der sofort ins Ohr geht und in den Achtzigern gewiss ein großer Hit gewesen wäre. Er trägt einiges an Sentimentalität der guten alten Talk Talk aus der »It’s My Life«-Ära in sich. Warne ist auch ein Liebhaber von Filmmusicals, wie die abschließende Her Song is Mine unter Beweis stellt, die auf dem Album heraussticht und daher sinnvollerweise ans Ende gesetzt wurde. Wäre Sinatra noch am Leben, könnte er hier mit Warne ein Duett singen. Das dunkler strukturierte Phosphene und Sentry verbergen auch Radiohead-Einflüsse nicht, doch die Musikalität, die Kyros durch das Album hindurch entwickeln, ist »zeitgemäß« und kann von Zeit zu Zeit an die Musikalität von Progressive-Rock/Metal-Bands des gleichen Jahrgangs erinnern, wie The Dear Hunter oder Voyager.
Noch ist nicht klar, ob dies das Album des künstlerischen Zenits ist. Angesichts der Jugend und der herausragenden kompositorischen und audiotechnischen Talente Warnes sowie der außergewöhnlichen Chemie, die das Quartett in Bezug auf gegenseitiges Wahrnehmen und das Verfolgen der musikalischen Ausrichtung entwickelt, ist ein solcher Schluss derzeit unmöglich zu ziehen. Kyros entwickeln sich nämlich noch immer rasant künstlerisch weiter, denn »Celexa Dreams« ist die definitive, reife künstlerische Weiterentwicklung des Vorgängers »Vox Humana«, mit dem sie ihr eigenständiges künstlerisches musikalisches Dossier weiter vertieft und herausgearbeitet haben. »Celexa Dreams« ist, einfach gesagt, ein begeisterndes und brillantes Werk in jeder Hinsicht, das vor Frische und aufregender Entwicklung nur so strotzt. In Bezug auf Produktion, außergewöhnliche kompositorische Lösungen, das Erreichen außergewöhnlicher Musikalität und die ständig herausfordernde wechselseitige Kommunikation aller Elemente des Klangbildes, die durchgehend einen spürbaren Eklektizismus entwickelt. Als solches deutet es darauf hin, dass die Band einer strahlenden Zukunft entgegenblickt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. In Motion
2. Rumour
3. In Vantablack
4. Ghost Kids
5. Phosphene
6. Technology Killed the Kids III
7. Sentry
8. Two Frames of Panic
9. UNO Attack
10. Her Song is Mine
Besetzung:
Adam Warne – Gesang, Keyboards
Joey Frevola – Gitarre, Hintergrundgesang
Peter Episcopo – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Robin Johnson – Schlagzeug, Perkussion
