Dennis DeYoung: 26 East: Volume 1
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 22. 5. 2020
Produktion: Dennis DeYoung
Albumlänge: 43.30 min
Genre: AOR
Bewertung: 10/10
Dennis DeYoung ist für Styx das, was Salz für die Suppe ist. Sein dritter und endgültiger Abschied von Styx nach dem Album »Brave New World« (1999) hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Von seinen ehemaligen Weggefährten trennte er sich nicht im Guten, und dem Bruch folgte ein Epilog vor Gericht, wo der Kampf um die Rechte an der Verwendung des Namens Styx ausgetragen wurde. Nun, seit Dennis nicht mehr bei Styx ist, veröffentlicht die Band solide Alben, jedoch kommt man dabei immer und immer wieder ins Grübeln, wie das alles klingen würde, wenn er noch bei Styx wäre . Höchstwahrscheinlich würde es mehr Styx-Alben aus der Post-Millennial-Ära geben, und sie wären auch noch besser. Ganz einfach. Als außergewöhnlicher Vokalist und Keyboarder galt DeYoung schon immer als der grundlegende Komponist der Band. Viele ihrer Fans tun sich daher heute noch sehr schwer damit, einen Kompromiss darüber zu finden, ob Styx ohne DeYoung wirklich die echten Styx sind – denn diese Magie mit DeYoung lässt sich einfach nicht zurückbeschwören, auch wenn die Alben ohne ihn mehr als solide sind. Gerade mal drei veröffentlichte Alben. Und diesen Oktober erscheint (endlich) auch das vierte. Wie auch immer. Es ist schön zu wissen, dass DeYoung nach zehn Jahren – seit seinem fünften Studioalbum »One Hundred Years From Now On« – beschlossen hat, einen Nachfolger herauszubringen. Das ist »26 East: Volume 1«, das – wie der Titel andeutet – gleichzeitig ankündigt, dass noch ein weiteres Studioalbum folgen wird. Nicht vergessen. DeYoung ist heute 73 Jahre alt. Mindestens noch eines also.
Gleich vorweg: DeYoung singt brillant für sein Alter. Seine Stimme hat keinen Hauch von jenem Glanz verloren, der die klassischen Styx-Alben und DeYoungs Solo-Studioarbeiten definiert. Das neue Album bringt eine Reihe extrem abwechslungsreicher Tracks, die in Komposition und Arrangement filigran detailliert sind. DeYoung hat an alles gedacht. Er hat sie auch äußerst geschickt angeordnet und damit den hohen dynamischen Fluss des Albums unterstrichen, das kurz vor dem Ende von einem »beatlesken« Track namens To The Good Old Days gekrönt wird, in dem sich Lennons Sohn Julian Dennis in einem großartigen Duett anschließt. Da es sich um ein Solo-Studioalbum handelt, tritt natürlich die persönliche Bekenntnisbotschaft in den Vordergrund, und DeYoung ist wieder – fast schon sprichwörtlich – gefühlvoll, intensiv und leidenschaftlich in allem, was seine Stimmaura berührt, jene unverwechselbare vokale Charisma. Wenn man dieses Album zum ersten Mal durchhört, denkt man unweigerlich an einen ähnlichen Schachzug des originalen Journey-Sängers Steve Perry, der vor zwei Jahren sein neues Studioalbum veröffentlichte. Zwar war der zeitliche Abstand zum Vorgänger doppelt so lang, aber trotzdem. An Perfektion mangelt es ihm nicht, daher war es nicht schwer, ihn als eines der besten Werke im AOR-Genre für das Jahr 2018 auszurufen. Für das laufende Jahr können wir das guten Gewissens jetzt schon auch für DeYoungs neues Album »26 East: Volume 1« sagen.
Wenn das Album mit dem bombastischen und packenden, AOR-lastigen East of Midnight eröffnet, wird jeder Fan dieses Typen und seines Schaffens sowie der goldenen Tage von Styx wissen, dass er »nach Hause gekommen« ist. Ihr seid wahrscheinlich schon ungeduldig und wollt einen griffigeren Orientierungspunkt in Sachen Verwandtschaft mit Styx? Das Album »Paradise Theater« (1981)! Schon gleich beim Opener East of Midnight tauchen diese Assoziationen auf, und sie kehren noch mehrfach im weiteren Verlauf des Albums wieder (ein ähnliches Gefühl erzeugt später auch Unbroken), wobei der letzte Track A.D. 2020 sogar mit dem Vers »Welcome to Paradise« endet.
Das Theaterdrama des Albums ist intensiviert! Es strotzt vor bombastischen Refrainmelodien. Eine davon ist das phänomenale, mystische und düstere A Kingdom Ablaze – das Drama aller Dramen auf diesem Album. Nach dem aufgewühlten, aber frechen With All Due Respect, für das DeYoungs Album fast schon einen »Parental Advisory«-Aufkleber bräuchte, dreht A Kingodm Ablaze die Stimmung um und bereitet meisterhaft die Landebahn für You My Love vor – eine fantastische Chansonballade, die Mitte der Achtziger die Radiofrequenzen locker aufgemischt hätte, und die klingt, als hätte Styx sie damals schlicht vergessen zu schreiben.
DeYoung hat um sich eine hervorragende Musikertruppe versammelt, und ein Garant für Erfolg konnte nicht ausbleiben. Wenn du Jim Peterik an deiner Seite hast, ist alles klar. DeYoung hat in einem Interview zugegeben, dass er das Album niemals angegangen wäre, wenn ihn nicht genau Jim Peterik dazu ermutigt hätte. Peterik gilt als einer der besten AOR-Komponisten, die je über diesen Planeten gewandelt sind, und was aus seinem kreativen Geist kommt, ist nach der Regel immer eine »Goldgrube« bzw. ein »Volltreffer«. Das Album ist von Kopf bis Fuß maximal arrangementsmäßig ausgefeilt und kennt keinen künstlerischen Ausrutscher. Da gibt es zum Beispiel einen AOR-Diamanten – den Track Damn That Dream, der im Refrain mühelos Gänsehaut auslöst. Die Refrainmelodie eines der stärksten Tracks des Albums, nämlich The Promise of this Land, klingt gospelig und predigerhaft. Die Art, wie die Hauptvokallinien raffiniert mit zusätzlichen Begleitharmonien kombiniert werden, würde bei einer solchen Arrangement-Lösung sofort auch ein Jeff Lynne (E.L.O.) für sich beanspruchen.
Das Album »26 East: Volume 1« ist eine Entdeckung für Fans des klassischen Styx und liefert ein weiteres phänomenales Solo-Studioalbum für DeYoungs Sammlung an kompositorischem Perfektionismus. Es strotzt vor Theaterdrama und pompösen Melodien, brillanten kompositorischen Lösungen und Einfällen, erstklassiger Produktion, die auch den richtigen Grad an Organik eingefangen hat – und gehört damit jetzt schon in die engere Auswahl der Kandidaten für das beste Album im AOR-Genre des laufenden Jahres!
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
01. East Of Midnight
02. With All Due Respect
03. A Kingdom Ablaze
04. You My Love
05. Run For The Roses
06. Damn That Dream
07. Unbroken
08. The Promise Of This Land
09. To The Good Old Days
10. A.D. 2020
Besetzung:
Dennis DeYoung – Keyboards, Gesang
Jim Peterik – Gitarre, Bass-Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
August Zadra – Gitarre, Hintergrundgesang
Jimmy Leahey – Gitarre
Craig Carter – Bass-Gitarre, Hintergrundgesang
Mighty Mike Morales – Schlagzeug
John Blasucci – Keyboards
Mike Aquino – Gitarre
Kevin Chalfant – Hintergrundgesang
Matthew DeYoung – Schlagzeug auf „To The Good Old Days“
Ed Breckenfeld – Schlagzeug auf „Unbroken“
The Chicago Children’s Choir unter der Leitung von Dirigentin Josephine Lee
