Arch/Matheos: Winter Ethereal

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Label: Metal Blade Records
Erscheinungsdatum: 10. 5. 2019
Produktion: Jim Matheos
Albumlänge: 68.03 min
Genre: Progressive Metal
Wertung: 10/10


Das Ding ist seit über einem Jahr draußen – und Hand aufs Herz, es ist schwer, eine Entschuldigung für eine solche Gleichgültigkeit zu finden, dass uns so ein Album überhaupt durch die Finger gleiten konnte. Vorab sei gesagt: Wir haben es hier mit einem der besten Progressive-Metal-Alben zu tun, die letztes Jahr erschienen sind. Deshalb ist es auf jeden Fall wert, vorgestellt zu werden.

Hinter dem Projekt Arch/Matheos stehen Sänger John Arch und Gitarrist Jim Matheos – zwei alte Bekannte aus den frühen Tagen der legendären Fates Warning. John Arch sang auf den ersten drei Alben dieser kultigen Prog-Metal-Band, und diese drei Alben sind eine Geschichte für sich. Allein wegen seines meilenweit wiedererkennbaren Gesangsstils, der im Metal-Universum einzigartig ist. Warum sind diese drei Alben so anders? Ganz einfach. Die Antwort liegt in der Art, wie John Arch Gesangsmelodien entwickelt – und in seiner ganz eigenen Metrik. Wenn dieser Ansatz auf Matheos‘ Gitarrenphrasierung und all seine anderen Gitarrenideen innerhalb der Kompositionen trifft, entsteht eine einzigartige Magie, die nur dann geboren wird, wenn diese beiden Musiker gemeinsam im Studio sind. Das beweist Archs hervorragende EP »A Twist Of Fate« (2003), und ebenso überzeugend war das Debüt des Arch/Matheos-Projekts »Sympathetic Resonance«, das vor neun Jahren erschien. »Winter Ethereal« ist die logische Fortsetzung von dem Punkt an, wo die Geschichte des Vorgängers endete. Arch arbeitete 2016 nach langen 30 Jahren wieder mit Fates Warning zusammen. Die Band wollte eine Reunion mit dem legendären Sänger – exklusiv für ein paar Auftritte, bei denen sie das Album »Awaken the Guardian« in voller Länge spielten. Diese Zusammenarbeit hat ohne Zweifel auch dazu beigetragen, die Bande zwischen Arch und seinen ehemaligen Fates Warning-Kameraden zu festigen, auch wenn »Winter Ethereal« ohne diese Reunion höchstwahrscheinlich kaum anders ausgefallen wäre. Auf dem Album wirken noch mehr Namen mit als beim Vorgänger: Neben aktuellen und ehemaligen Fates Warning-Mitgliedern außerdem  die Bassisten Steve DiGiorgio (Testament, Death) und Sean Malone (Cynic) sowie die Schlagzeuger Matt Lynch (Cynic) und Thomas Lang (Paul Gilbert).

»Winter Ethereal« wirkt im Vergleich zum Debüt »Sympathetic Resonance« noch abwechslungsreicher und vielfältiger. Was die ideelle Farbigkeit betrifft, ist es interessanter zu hören, und es fühlt sich schlicht wie eine künstlerisch gereifte Weiterentwicklung des Vorgängers an. Auch in der Arrangierung ist es deutlich detaillierter, im Klangbild breiter und zusätzlich bereichert. Gitarrenlinien, die sich miteinander verflechten oder die Phrasierung »verdicken«, gibt es noch mehr. Die Soli greifen einen ebenso mit außerordentlicher Intensität und Frische. Einen monströsen Kontrast zur Phrasierung schaffen die polyrhythmischen Strukturen. Diese vielschichtige rhythmische Beweglichkeit raubt in ihrer technischen Brillanz schlicht den Atem. Gerade die größere Zahl an Mitwirkenden bringt noch mehr Interessantes auf dieses Album. Und welcher Track ist gleichzeitig der klassischste und der prog-metaligste auf dem Album? Nun, sein bester. Das ist der Abschluss-Track Kindred Spirits. Sagen wir: der ambitionierteste, den Arch und Matheos bisher gemeinsam für dieses Projekt aufgenommen haben.

Wer auf der Suche nach dem ist, was hier am ehesten nach den alten Fates Warning klingt, der sei auf den letzten Teil des zweiten Tracks Wanderlust verwiesen. Man kann eigentlich den kühnen Schluss ziehen, dass das, was wir auf »Winter Ethereal« hören, ein neues Fates Warning-Album mit Arch hätte sein können – wenn er die Band 1987 nicht verlassen hätte. Es übersetzt den Geist der alten Fates Warning in neue Zeiten, in einen aktualisierten und frischen Kompositions- und Produktionsansatz. Das ist ein Progressive-Metal-Werk, das für sich allein einzigartig ist. Dabei sind die Wurzeln im »U.S. old school speed metal« nicht schwer herauszuhören – aus dem heraus damals auch Crimson Glory, Queensryche und Savatage entstanden, lange bevor eine Band namens Dream Theater auf dem Planeten auftauchte, und jede von ihnen ihren ganz eigenen Platz im Metal errang.  »Winter Ethereal« biegt sich unter dem rohen Gewicht der abrasiven Phrasierung, die Tracks sind erneut komplex strukturiert, mit mehrfach gebrochenen Rhythmen und der bravourösen Ausführung atemberaubender Drum-Fills. Der sprunghafte und in der Ausnutzung musikalischer Linien extrem bewegliche Gesang ist neben all den genannten Bausteinen ein zusätzlicher Katalysator für die Progressivität des Werkes. Eines Progressive-Metal-Werkes mit rustikaler Aura. Es ist unglaublich, wie gut Archs Stimme noch erhalten ist. Der Rost kriegt ihn einfach nicht, und der Vokalist verblüfft mit extremer Kraft und extremen Höhenlagen, die er mit 61 Jahren noch mit spielerischer Leichtigkeit erreicht.    Seine Stimme ist ein Unikat – und genau das macht dank Arch auch das Album »Winter Ethereal« zu einem Unikat.

»Sympathetic Resonance« war ein hervorragendes Werk, aber »Winter Ethereal« übertrifft es. Vergiss irgendwelche Dur-Tonleitern. Genauso wenig kennt dieses Album irgendein gedankenloses Noten-Schütteln. Wenn hier jemand Noten schüttelt, dann ist es Arch in seinen Gesangsmelodien – aber genau das macht ihn so ungemein besonders und einzigartig, und deshalb haben viele Fans der alten Fates Warning Tränen vergossen, als Arch die Band verließ.

Das ist ein Album, das im Studio mit außerordentlichem Geschick auf den neuesten Stand gebracht wurde und eine Brücke schlägt zu allem, was Arch und Matheos auf früheren Alben verbunden hat. Und definitiv auch eine Brücke zu den frühen Fates Warning. Gleichzeitig begeistert es mit außerordentlicher Kompaktheit und perfekter Produktion, die durch die Intensivierung von Kontrasten packende, düstere Stimmungen entwickelt – dem Hörer gefriert dabei das Blut in den Adern und die Gänsehaut bricht aus. Ein Album, das aufgrund all seiner Besonderheiten, seiner unglaublichen ideellen Durchschlagskraft und des Feuers, mit dem es ausgeführt ist, zweifellos der Gewinner seiner Genre-Kategorie für 2019 ist. Das ist noch nicht das Ende. Ein weiteres Album wird folgen. Das steht außer Frage. Das Fazit ist einfach. Es gibt keine schönere Nachricht.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Vermilion Moons (09:06)
2. Wanderlust (05:59)
3. Solitary Man (05:41)
4. Wrath of the Universe (08:23)
5. Tethered (06:11)
6. Straight and Narrow (04:20)
7. Pitch Black Prism (07:06)
8. Never in Your Hands (08:13)
9. Kindred Spirits (13:00)

Besetzung:
Jon Arch – Gesang
Jim Matheos – Gitarre, Keyboards

Gastmusiker:
Frank Aresti – Gitarrensoli auf Tracks Nr. 8 und 9
Joe DiBiase – Bass auf Track Nr. 3
Joey Vera – Bass auf Tracks Nr. 2 und 8
Steve DiGiorgio – Bass auf Tracks Nr. 1, 4 und 6
Sean Malone – Bass auf Tracks Nr. 7 und 9
Bobby Jarzombek – Schlagzeug auf Tracks Nr. 4 und 6
Mark Zonder – Schlagzeug auf Tracks Nr. 2 und 5
Baard Kolstad – Schlagzeug auf Track Nr. 8
Matt Lynch – Schlagzeug auf Track Nr. 9
Thomas Lang – Schlagzeug auf Tracks 1., 3 und 7


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