Gathering of Kings: Discovery

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Label: RN Records
Erscheinungsdatum: 15. 5. 2020
Produktion: Thomas „Plec“ Johansson
Albumlänge: 53.04 min
Genre: Melodic Rock
Bewertung: 8.0/10


Gathering Of Kings! Hol mich der Teufel, klingt das wirklich übertrieben. So wie »übertrieben« alles klang, was damalige Musikkritiker in den Achtzigern unter dem Etikett eines neuen Genres zusammenpackten, das sie Adult Oriented Rock nannten. Also jener Rock, der radiotauglich sein wollte. Und das auch schaffte. Das Genre mischte ordentlich auf den damaligen Musikcharts mit, brachte eine ganze Reihe großer Musikernamen hervor sowie kultische und unvergessliche Alben — und »lebt heute weiter« durch die Geburt immer neuer Bands, die sich in ihrer Kunst am AOR-»Phänomen« der Achtziger inspirieren.

Gathering Of Kings, diese neue pompöse und durch und durch schwedische Königs-Versammlung, wird auch Kenner von Electric Light Orchestra aufhorchen lassen — denn für ihr zweites Album haben sie denselben Titel gewählt wie das kultische ELO-Album aus dem Jahr 1979. Zum Glück ist der stilistische Abstand gewaltig. Gleichzeitig reizt die Band auch alle, die Roger Deans Coverarbeiten gut kennen — was bedeutet, dass solche Hörer u. a. auch Bands wie Uriah Heep, Gun, Asia und Yes kennen. Apropos Yes: Das Artwork des Albums »Discovery«, geschaffen vom deutschen Künstler Markus Vesper, erinnert an Deans Cover beider (Live-)»Keys to Ascension«-Alben.

Die Anmerkungen im vorherigen Absatz sind eigentlich kein obligatorischer Teil dieser Rezension, denn Gathering Of Kings sind musikalisch betrachtet Vertreter des Melodic-Rock-Revivalismus. Gathering Of Kings waren ursprünglich als Projekt angelegt, das vor zwei Jahren mit dem Album »First Mission« debütierte. Ein mehr als solider Erstling, der von Kritikern und Publikum sehr gut aufgenommen wurde. Also — warum überhaupt eine Königs-Versammlung? Im Grunde ist das eine Band. Ein klassisches Quintett, aber mit mehreren beteiligten Leadsängern. Dazu taucht auf dem neuen Album auch eine Handvoll Gastmusiker auf. Gathering Of Kings sind dabei stets offen für die Integration verschiedener Instrumentalisten, die auf ihren Alben ihren Teil beitragen können. Das einzige Kriterium scheint zu sein: schwedischer Staatsbürger. Die beteiligten Namen verursachen keine sonderlichen Beben, was ihr Herausstechen betrifft — es sind aber Jungs, die sonst in ihren Stammbands irgendwo zwischen Power Metal und Hard Rock unterwegs sind, weshalb man in den Arrangements des Materials spürbare Ausschläge mal in die eine, mal in die andere Richtung wahrnimmt.

Gathering Of Kings erfinden keinen »musikalischen Einstein«. Sie sind eine interessante musikalische Mixtur, die auch auf eurovisionäre Weise anspricht, dabei aber von aufgemotztem Gitarrenriffing und pompösem Wogen der Synthesizerschichten getragen wird. Die Refrains brennen sich sofort ins Ohr, und die Songs erreichen in ihrer Steigerung atmosphärischer Bombastik an diesen Punkten einen stimmungsmäßigen Höhepunkt.

Das sorgfältig arrangierte Album hebt auf Flügeln ausgewachsener Bombastik hoch ab, wenn sich die mitreißenden, treibenden Tracks des Eröffnungsteils aneinanderreihen. Doch liefern diese überwiegend sehr vorhersehbare Refrains, die musikalisch betrachtet und durch die Geschichte des Rocks bereits mehrfach gehört und erprobt wurden. Noch mehr: Mindestens zwei Refrains aus den ersten vier Tracks würden sich auch gut in Power-Metal-Märschen von Bands à la Mob Rules oder Freedom Call machen. Aber das liegt am grundlegend anderen Hebelmechanismus der Klangproduktion, wo die Integration von Keyboards eine sehr wichtige Rolle spielt. Angesichts der Tatsache, dass einige Tracks klischeehaft eingefärbt sind und generisch ansprechen (die Refrains von December oder Fall From Grace), bringt The One That Got Away einen sanfteren Klangsmoment — der dank der Balladennaturalität und den Vokalcharakteristiken von Tobias Jansson flüchtig chansonartig gefärbt ist und eine willkommene Abwechslung liefert. Auch die zweite Albumhälfte bietet etwas mehr geschicktes Slalomfahren beim Recyceln gut bekannter musikalischer Achtziger-Kost — und die Refrains von Highway To Paradise, Moonlight, Lorelei, Kiss From Above und From a Whisper to a Scream halten den Klischees gut stand. Und nebenbei: Auch dieses Album ist (mindestens) um zwei Tracks zu lang.

Mehrere Sänger liefern die erwünschten und geforderten Abweichungen bei der Erschaffung der Atmosphäre in den einzelnen Songs — was das vorhersehbare Kompositionsrezept solcher Musik dringend braucht. Die beteiligten Vokalisten sind für alle, die modernen Power Metal, Hard Rock und auch Melodic-Rock-Künstler kennen, hoch geschätzt. Neben den großen kompositorischen Talenten der beiden Hauptvisionäre der Band — das sind Sänger Victor Olsson und Multi-Instrumentalist Alexander Frisborg (Letzterer hat, mit Ausnahme des Schlagzeugs, selbst Gitarren, Keyboards sowie den Löwenanteil der Basslinien eingespielt) — tritt in den absoluten Vordergrund eine ultra-ansteckende Musikalität, die durch die zentrale Rolle der Sänger erzeugt wird. Es versteht sich von selbst, dass die Leadvocals geschickt durch zusätzliche Vokalharmonien unterstützt werden, was die Sogwirkung der ausgearbeiteten Theatralik beziehungsweise der Pompösität des Produkts vertieft.

Gathering Of Kings werden interessant sein für Liebhaber des skandinavischen Klangs und Ansatzes im Melodic-Rock-Revivalismus, wie er u. a. in dortigen Bands wie H.E.A.T. oder Eclipse zu vernehmen ist, beziehungsweise eines Erbes, das Elemente der Musikalität vereint, die von ABBA geerbt wurden, sowie Inhalte des West-Coast-AOR-Prinzips (Survivor). Gleichzeitig ist auf dem Album die allgegenwärtige Unterstützung der Kompositionen durch dezidiert aufgemotztes Gitarrenphrasieren spürbar, das in den Mid-Eight-Passagen nicht mit erstklassigen Soloeinlagen geizt. Daher kann das Album »Discovery« auch für Liebhaber des europäischen Power Metal attraktiv sein.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
01. Starsleeper
02. Riders Of The Light
03. Heaven On The Run
04. December
05. Highway To Paradise
06. The One That Got Away
07. Lorelei
08. Moonlight
09. Revelation
10. Kiss From Above
11. From A Whisper To A Scream
12. Final Hour

Besetzung:
Rick Altzi – Gesang (3,12), Backing Vocals
Jonny Lindkvist – Gesang (4,8)
Apollo Papathanasio – Gesang (2,9), Backing Vocals
Tobias Jansson – Gesang (6,7,11), Backing Vocals
Alexander Frisborg – Gesang (5,10), Backing Vocals
Victor Olsson – Gitarre, Bassgitarre, Keyboards, Backing Vocals
Efraim Larsson – Schlagzeug (2-8)
Jonas Källsbäck – Schlagzeug (9-12)

Gastmusiker:
Nalle Påhlsson – Bassgitarre (3,8)
Joel Selsfors – Keyboard-Solo (12)
Erik Gafvelin Wiss – Keyboard-Solo (7)
Henrik Sethsson – Backing Vocals (10)
Theresia Svensson – Backing Vocals (6,7,10)
Ron Dahlgren – Backing Vocals (10)
Mathias Kihlberg – Flöte (9)


Gathering of Kings – From a Whisper to a Scream (offizielles Lyric Video)
Gathering of Kings – Moonlight (offizieller Audio-Track)
Gathering of Kings – Discovery (Albumcover)
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