Grave Digger: Fields of Blood

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Erscheinungsdatum: 29. 5. 2020
Label: Napalm Records
Produktion: Grave Digger
Länge: 53:42
Genre: Heavy Metal/Power Metal
Wertung: 8/10

»Fields of Blood« ist das Jubiläumsalbum — das zwanzigste — der deutschen Heavy-Metal-Institution Grave Digger. Damit feiert eine der ältesten deutschen Metal-Bands ihr vierzigjähriges Bestehen, was zweifellos ein respektabler Meilenstein ist, vor allem wenn man bedenkt, dass sie Ende der Achtziger schon längst abgeschrieben worden waren. Dieses ehrwürdige Bandjubiläum war Anlass genug für die rasche Erschaffung des Nachfolgers von »The Living Dead« (2018) und die Geburt des dritten Teils ihrer Saga über die blutige schottische Geschichte — erstmals konzeptualisiert auf dem Klassiker »Tunes of War« (1996), der für viele sogar den Höhepunkt ihrer Diskografie darstellt.

Kurz vor den Aufnahmen zum neuen Album überraschte alle Grave Digger-Fans die Nachricht, dass Langzeit-Schlagzeuger Stefan Arnold die Band verlassen hatte. Bandkopf und Sänger Chris Boltendahl suchte keinen Ersatz, sondern setzte kurzerhand Keyboarder Marcus Kniep auf den Schlagzeughocker, der fortan eine doppelte instrumentale Aufgabe übernimmt — und Grave Digger operieren damit erstmals seit 1996 wieder als Quartett. Diese Nachricht war jedoch bei weitem nicht so überraschend wie die Entscheidung, ein weiteres Kapitel der »Tunes of War«-Saga zu schaffen — vor allem nach dem ziemlich wenig überzeugenden Album »The Clans Will Rise Again« (2010), das so manchen langjährigen Fan dieser kultigen und vokal einzigartigen deutschen Metal-Band enttäuscht hatte. Boltendahl weiß genau, dass die sogenannte ‚mittelalterliche Trilogie‘ (das bereits erwähnte »Tunes of War«, »Knights of the Cross« aus dem Jahr 1998 und »Excalibur« aus dem Jahr 1999) nach wie vor ihre meistgeschätzte Schaffensperiode ist — daher kehrt er bei der Konzeptwahl so gerne in diese historische Ära zurück.

Das Eröffnungsinstrumental »The Clansman’s Journey« ist eine Metal-Version der schottischen Hymne, besser bekannt als »Margaret«, die auf keinem Konzeptalbum über die schottische Geschichte fehlen darf. »All For the Kingdom« ist eine klassische, schnörkellose Grave Digger-Nummer, die gleichzeitig auch eine Power-Metal-Hymne mit einem fast schon vorhersehbaren mehrstimmigen Refrain ist. Etwas Farbe bringt das solide Solo von Gitarrist Axl Ritt rein, der so langsam aus dem langen Schatten seiner beiden Vorgänger heraustritt. »Lions of the Sea«, das auch als Single und Video erschien, handelt von der reichen schottischen Seefahrtgeschichte und den Kämpfen mit den Wikingern — obwohl der Löwe schon immer das englische Nationalsymbol war. Das ist ein Song, der keinen sonderlich tiefen Eindruck hinterlässt, vor allem wegen des ziemlich klischeebeladenen, mitreißend-aufpeitschenden Power-Metal-Refrains.

Etwas interessanter fällt »Freedom« aus, das dem schottischen Nationalhelden William Wallace gewidmet ist, besser bekannt als Braveheart. Der Track beginnt mit einem guten instrumentalen Intro mit Schwerpunkt auf Beckers Basslinien, ist aber letztlich wieder ein typisches Grave Digger-Gebräu: rasende Doppel-Bass-Pedale, Standard-Gitarrenphrasing und noch ein weiterer vorhersehbarer Refrain. Als einer der besseren Tracks des Albums reicht er qualitätsmäßig freilich nicht an den thematisch verwandten Klassiker »Braveheart« von »Tunes of War« heran. »The Heart of Scotland«, die Geschichte des schottischen Königs Robert the Bruce, der nach Wallaces Tod den Kampf gegen die englischen Eroberer fortsetzte, ist der erste Track auf dem Album, bei dem es Grave Digger gelingt, jene düstere Atmosphäre zu erschaffen, die ihre besten Werke üblicherweise auszeichnet. Das gelingt ihnen vor allem dank guter, keltisch gefärbter Arrangements, einem saftigen Gitarrensolo und einem epischen Refrain, der diesmal zur Abwechslung nicht übermäßig billig klingt.

»Thousand Tears«, ein Ausschnitt aus dem tragischen Leben der schottischen Königin Mary Stuart, ist eine ordentliche Ballade mit gelegentlichem Dudelsack-Einwurf, die Boltendahl zur Abwechslung mit reiner Stimme singt, während ihn Noora Louhimo von Battle Beast als weiblicher Gastvokal begleitet. Das Vokalduett funktioniert überraschend gut, auch wenn langjährige Grave Digger-Fans wohl trotzdem lieber zur klassischen »Tunes of War«-Ballade »Ballad of Mary (Queen of Scots)« greifen werden.

»Union of the Crown«, das sich einigen »Tunes of War«-Nummern gut annähert, lebt hauptsächlich vom epischen Refrain, während das ziemlich klischeehafte Power-Metal-»Oh-oh-oh-oh«-Build-up vor dem Refrain wirklich niemandem fehlen würde. »My Final Fight« klingt interessanterweise im Eröffnungsteil — dank des Hauptriffs und der rhythmischen Elemente — wie eine vergessene Running Wild-‚Piraten-Metal‘-Nummer. Das hält so lange an, bis Boltendahls charakteristisches vokales ‚Knurren‘ einsetzt und damit den atmosphärischen Charakter des Songs komplett umkrempelt.

»Gathering of the Clans« enthält (absichtlich?) ein nahezu identisches Riff wie der »Tunes of War«-Klassiker »The Dark of the Sun«. Das macht es zu einer ziemlich generischen und ‚auf Nummer sicher‘ gehenden Grave Digger-Nummer, deren einzige größere Überraschung der unerwartete Dudelsack-Einsatz ist. Der abschließende mehrstimmige Refrain erinnert dabei weniger an eine Kampfhymne stolzer schottischer Clans als an das Gesinge von Betrunkenen in einem schottischen Pub — zum Glück taucht er nur ein einziges Mal auf. »Barbarian« — also der Begriff, mit dem die Engländer ihre schottischen Rivalen noch im Spätmittelalter gerne bezeichneten — ist trotz beträchtlicher Schlichtheit eine weitere recht solide Annäherung an die »Tunes of War«-Atmosphäre.

Der Titeltrack, der ganze zehn Minuten lang ist, stellt so etwas wie den epischen Höhepunkt des Albums dar, wo es Grave Digger endlich gelingt, sich dem Qualitätsniveau ihrer ‚mittelalterlichen Trilogie‘ anzunähern. Nach einem instrumentalen Intro mit Dudelsäcken, das mit einem Queen-artigen Gitarrensound endet, setzt der klassische Grave Digger-Kriegsmarsch ein, erfolgreich abgerundet von einem epischen Refrain. Die Keyboards, die über weite Strecken des Albums kaum zu hören sind, treten diesmal etwas stärker in den Vordergrund, während Boltendahl tatsächlich etwas mehr gesangliche Vielseitigkeit zeigt, als wir von ihm in den letzten Jahren gewohnt sind. Ritt demonstriert unterdessen erfolgreich seinen gitarristischen Fortschritt mit lobenswerten Gitarrenharmonien. Als einer der wenigen deutschen Metal-Bassisten, die wirklich Respekt verdienen, glänzt auch Becker mit satten Basslinien. »Requiem for the Fallen« ist ein dramatisches Instrumental mit eindringlichen Orchesterarrangements, das problemlos als nahtloser Abschlusspart des Titeltracks hätte fungieren können — aber offenbar wollten Grave Digger ihre Fans nicht allzu sehr mit einem zu langen Ausflug in den symphonischen Prog-Metal ‚ermüden‘.

Mit »Fields of Blood« haben sich Grave Digger zumindest etwas für einige unterdurchschnittliche Alben freigekauft, die sie in den letzten zehn Jahren veröffentlicht haben. Auch im Vergleich zum Vorgänger »The Living Dead« (2018) stellt »Fields of Blood« eine spürbare Wende zum Besseren dar. Trotz einiger überraschend inspirierter Momente, vor allem in der zweiten Albumhälfte, stellt »Fields of Blood« letztlich keine Rückkehr auf das Qualitätsniveau der besten Zeiten der deutschen ‚Totengräber‘ dar — alle Grave Digger-Fans, die vor der Veröffentlichung vielleicht unrealistisch hohe Erwartungen gehegt haben, werden wohl zwangsläufig ein bisschen enttäuscht sein. Dank des geglückten Schlussteils — mit dem Höhepunkt im Titeltrack — ist das Ganze trotzdem ein sehr solides Werk mit einigen nostalgischen Momenten, die an ihre besten kreativen Jahre erinnern.

Autor der Rezension: Peter Podbrežnik

Tracklist:
1. The Clansman’s Journey (1:27)
2. All for the Kingdom (4:10)
3. Lions of the Sea (3:58)
4. Freedom (4:53)
5. The Heart of Scotland (5:19)
6. Thousand Tears (4:57)
7. Union of the Crown (3:58)
8. My Final Fight (4:09)
9. Gathering of the Clans (3:57)
10. Barbarian (3:42)
11. Fields of Blood (10:10)
12. Requiem for the Fallen (3:00)

Grave Digger:
Chris Boltendahl – Gesang
Axel „Ironfinger“ Ritt – Gitarre
Jens Becker – Bassgitarre
Marcus Kniep – Schlagzeug

Gastsängerin:
Noora Louhimo – Gesang auf „Thousand Tears“

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